Foto-Serie von Sergey Shestakov

Fahrt in die Zukunft

Seit zwei Jahren gibt es Genehmigungen, um in die Sperrzone rund um das Kernkraftwerk Tschernobyl zu gelangen. Der Moskauer Fotograf Sergey Shestakov hat sich hineingewagt und bedrückende Aufnahmen mitgebracht. Ab Freitag, 3. Februar 2012, sind sie unter dem Titel "Fahrt in die Zukunft - Stop 1: Tschernobyl" im Project Space der Kunsthalle in Wien zu sehen.

Am 26. April 1986 ist es im Kernkraftwerk Tschernobyl zum Super-Gau gekommen. Nach der Explosion im Reaktorblock 4 hat die radioaktive Welle nicht nur die Menschen in der näheren Umgebung sondern in ganz Europa in Angst und Schrecken versetzt. Bis heute ist Tschernobyl der Inbegriff für das absolute Grauen und die 30 Kilometer weite Sperrzone wird nach wie vor von der Miliz bewacht.

Kulturjournal, 02.02.2012

Fotografien der Zerstörung

Es sind Bilder der absoluten Trostlosigkeit, die Sergey Shestakov in der ukrainischen Stadt Prypjat aufgenommen hat: stark verfallene Häuser, Industrieruinen, im Schutt herumliegende Möbelstücke, Schuhe, Bücher. Das Leben in dieser Stadt ist definitiv ausgelöscht und die teilweise großformatigen Fotografien sind auch ein Vierteljahrhundert nach der Katastrophe Ausdruck der völligen Zerstörung.

"Tatsächlich waren es harte Eindrücke in dieser Stadt", sagt Sergey Shestakov. "Es ist eigenartig, wenn man nicht einen Ton hört und eine leere, verlassene Stadt sieht, die früher einmal eine der blühendsten Städte der UdSSR war. Über 140.000 Menschen - junge und gut ausgebildete Menschen - haben dort gelebt. Die Stadt wurde eigens für die Mitarbeiter des Kernkraftwerkes gegründet, damit sie dort leben können."

Weitere Stationen folgen

Sergey Shestakov ist im Oktober 2010 in die Sperrzone gefahren und hat auch in einem verlassenen Kindergarten fotografiert. Dort ist ihm das Buch "Die Fahrt in die Zukunft" der russischen Kinderbuchautorin Zoya Voskresenskaja aufgefallen. "Fahrt in die Zukunft" nennt sich nun auch die gesamte Fotoserie und Shestakov hat noch den Zusatz "Station 1: Tschernobyl" angefügt. Seit den Ereignissen am 11. März 2011 in Fukushima ist klar, dass es weitere Stationen gibt.

Seine Arbeit als Dokumentarfotograf sieht der 43-jährige studierte Physiker als Mahnung für die Menschen: "Die Veränderung der Orte passiert ziemlich schnell. Innerhalb von 15 bis 20 Jahren sind alle Gebäude völlig verfallen, es wachsen Pflanzen darin. Wir haben wenig Zeit, um an das Morgen zu denken. Wir müssen heute damit beginnen."

Der "unsichtbare Tod"

Mit etwa 40 Fotografien gibt Sergey Shestakov teilweise sehr detailliert Einblick in die ausgestorbene Stadt. Zerstörte Puppen liegen am Boden, Nachttöpfe stehen in einem Regal und Gasmasken liegen herum. Kurator Lucas Gehrmann hat für die Kunsthalle nur einen Teil der schon in Moskau gezeigten Bilder ausgewählt und sie zusammen mit Dokumentaraufnahmen aus dem Jahr 1986 gehängt. "Der unsichtbare Tod lauert dort", sagt er. "Das hat Shestakov sehr schön eingefangen", aber ohne Druck auf die Tränendrüse.

Sergey Shestakov hat seine Fotoserie mittlerweile schon erweitert. Er hat eine ehemalige Militärstadt in Russland besucht, die seit einigen Jahren völlig leer steht. Die Aufnahmen werden heuer in Moskau gezeigt.

Globale Herausforderungen

Shestakovs Serie "Fahrt in die Zukunft" geht auch anschließend noch weiter: "Die Projekte werden nicht in Russland, sondern in anderen Ländern stattfinden. Auch die Motive werden andere sein. Ich möchte damit zeigen, dass es sich nicht um regionale Probleme handelt, sondern um globale Herausforderungen."

Sergey Shestakov will mit seinen Arbeiten zum Nachdenken anregen. Zum Nachdenken, wie wir mit riskanten Technologien umgehen und wie unser eigenes Verhalten die Zukunft mitbestimmt.

Textfassung: Ruth Halle

Service

Kunsthalle Wien - Sergey Shestakov