Heißer Posten in der Schuldenkrise
100 Tage Mario Draghi an der EZB-Spitze
Der Italiener Mario Draghi führt seit hundert Tagen die Europäische Zentralbank (EZB). Eisern hält er an der Unabhängigkeit der EZB sowie am Prinzip fest, die Geldentwertung zu bekämpfen. Dennoch hat die EZB unter Draghi bereits zweimal die Zinsen gesenkt, um billigeres Geld in Umlauf zu bringen.
8. April 2017, 21:58
Mittagsjournal, 9.2.2012
Mann der positiven Eigenschaften
Seit seinem ersten Arbeitstag im Hochhaus in der Frankfurter City vermittelt Mario Draghi viele Eindrücke, die als "deutsch" gelten - führungsstark, schnörkellos, zielstrebig, pragmatisch oder tatkräftig. Draghi gilt als Mann, der sich auf Schwierigkeiten einstellt und sie annimmt. Bei seinen Freunden, hat er einmal erzählt, sei er nicht als einer bekannt, der unmöglichen Aufgaben aus dem Weg geht.
An Brandherden in der Eurozone mangelt es nicht, als Mario Draghi Anfang November den Franzosen Jean Claude Trichet ablöst. Der ehemalige italienische Notenbankchef fackelt nicht lange. Gleich zum Amtsantritt nimmt er die Zinserhöhungen von Jean-Claude Trichet zurück und korrigiert die restriktive Geldpolitik. Vorurteile sowie Vorwürfe, typisch südländisch zu handeln um angeschlagenen Ländern wie Italien, Spanien und Portugal zu helfen, weist er zurück. Die Zentralbank sei für ihn der Fels in der Schuldenkrise und unabhängig.
Überraschende Bankenhilfe
Zwei Zinssenkungen innerhalb weniger Wochen haben überrascht - ein Prozent beträgt derzeit der Leitzins. Noch mehr überrascht Draghi mit einer anderen Maßnahme - nicht um primär Staaten, sondern um Banken über Wasser zu halten und so die Euro Zone: Er öffnet ihnen den Tresor, die Banken leihen sich in Summe annähernd 500 Milliarden Euro zu sehr günstigen Konditionen. In der Folge können sich gerade Länder mit leeren Kassen wieder günstiger finanzieren, die Banken investieren. Die Rechnung geht auf, der Schritt beruhigt die manchmal hypernervösen Anleger. Die Maßnahmen, um die Krise einzudämmen. seien befristet und würden sich darauf beschränken für geordnete Verhältnisse in der Finanzwirtschaft zu sorgen. kommentiert Draghi.
Doch das gigantische Verleihgeschäft, das Ende des Monats wohl in größerem Umfang wiederholt wird, birgt Gefahren. Während das Inflationsrisiko nicht unmittelbar steigt, rückt die Zentralbank näher an die Politik. Geld auf drei Jahre gleichsam zum Nulltarif lädt ein, Staatsanleihen zu kaufen. Das mindert in der Regel den Reformdruck. Gleichzeitig steigt das Risiko für die EZB, weil sie Kredite gegen relativ wenig Sicherheiten vergibt.
Spannende Rolle bei Griechenhilfe
Festhalten will Draghi am Programm der Bank, selbst Anleihen zu kaufen und damit de facto als Staatsfinanzierer zu fungieren. Er tut das aber nicht aus Überzeugung, sondern um bei den Anlegern nicht erneut Unruhe zu stiften. Spannend für die nächsten Tage des Mario Draghi an der EZB-Spitze wird dessen Rolle bei der Hilfe für Griechenland sein. Wohl niemand hält so viele Anleihen wie die Zentralbank. Noch lehnt es die unabhängige EU-Institution ab, sich am geplanten Schuldenschnitt zu beteiligen.
