Kulturkampf in Russland

In Russland bahnt sich ein neuer Kulturkampf zwischen Moderner Kunst und der Orthodoxen Kirche an, wobei die Kirche sich auf die volle Rückendeckung des Staates und den wiedergewählten Präsidenten Wladimir Putin verlassen kann.

Aktueller Anlass ist eine Aktion der Punk-Band Pussy Riot in der zentralen Christerlöser-Kathedrale in Moskau. Doch viele Künstler fürchten, dass das nur der Beginn einer längeren harten Auseinandersetzung ist.

Kulturjournal, 26.03.2012

Allgegenwärtiges Thema

Eine moderne Interpretation orthodoxer Ikonen ist das Thema der Ausstellung von Dmitrij Gutov in der Galerie Gelman in Moskau. Gutov hat die Ikonen aus gebogenem Stahl nachgeformt, eine Art 3D-Adaption der bekannten Motive wie Gottesmutter mit dem Kind oder Erzengel Michael. Die Eröffnung ist gut besucht doch ein Thema überschattet die Veranstaltung.

Die Verhaftung von drei Mitgliedern der Band Pussy Riot: "Mir persönlich hat die Aktion nicht gefallen: Der Text war sehr grob, primitiv. Die Idee war sehr gut, die Ausführung leider nicht so ganz. Aber was dann passiert ist, ist natürlich eine Schande", meint ein Besucher.

Die drei jungen Frauen sitzen bis Ende April in Isolationshaft, ihnen drohen wegen ihres sogenannten Punk-Gebetes in der größten Kirche des Landes sieben Jahre Gefängnis.

"Es ist gefährlich geworden, sich mit religiösen Themen zu beschäftigen. Die Orthodoxe Kirche ist sehr aktiv und nutzt den Kampf mit der Kunst um ihre Interessen voranzutreiben. So ist das leider", ergänzt eine andere Besucherin.

Einfluss der Kirche wird größer

Dmitrij Gutov selbst fürchtet keine direkte Störung der Vernissage durch orthodoxe Aktivisten, schließt sie aber auch nicht aus. Denn seine Ausstellung zeige dass Ikonen mehr sind als religiöse Objekte, sie sind auch Teil der normalen weltlichen Kunst. Und das könnten viele nicht akzeptieren.

"Sehr viele Leute in der Kirche sind nicht damit zufrieden, dass unsere Gesellschaft weltlich orientiert ist. Sie wollen eine gänzlich andere Gesellschaft, einen anderen Staat. Dem steht ein Teil der Gesellschaft gegenüber, der das nicht zulassen will. Und in diesem Kampf der Ideen tritt die Kirche als sehr starker, aggressiver Spieler auf. Wir müssen erst sehen, ob die Gesellschaft dem etwas entgegenzusetzen hat."

Der Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche wird seit Jahren immer größer, unterstützt vom Staat: Kirchen und Klöster werden zurückerstattet, ab Herbst gibt es Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen, das Oberhaupt der Kirche Patriarch Kirill ist ein fixer Bestandteil der Machtelite rund um Wladimir Putin.

Enge Bindung zwischen Staat und Kirche

Die Aktion der Band Pussy Riot ist daher nur der Anlass, der Auslöser für eine Auseinandersetzung, die sich schon länger abzeichnet. Und das Punk-Gebet der jungen Frauen trifft ziemlich genau warum es in dieser Auseinandersetzung geht.

"Oh Gottesmutter Erlöse uns von Putin" lautet der Refrain. "Der Chef des KGB ist der wichtigste Heilige, dafür fährt der Patriarch eine schwarze Staatslimousine. Wer protestiert kommt nach Sibirien. Frauen müssen gebären, sonst ist der Oberheilige beleidigt. Daher sagen wir: Scheiß auf Gott."

Die immer engere Verbindung zwischen autoritärem Staat und Religion ist das neue Tabuthema der russischen Gesellschaft sagt der Künstler Haim Sokol, vergangenes Jahr Artist in Residence der österreichischen Organisation Kulturkontakt in Wien.

"Mit dem Thema Orthodoxie darf man sich nicht auseinandersetzen. Wenn man sich damit beschäftigt muss man davor genau die Risiken abwägen, das gesellschaftlichen und auch sein ganz persönliches Risiko. Und das wird noch schlimmer, wir müssen nur daran denken dass in den Schulen der Unterricht normaler Fächer gekürzt wird, stattdessen gibt es mehr Turnunterricht und neu den Religionsunterricht. Das sagt schon sehr viel!"

Orthodoxe Kleiderordnung und Abtreibungsverbot

Eine Tendenz, die übrigens nicht auf die Orthodoxie beschränkt ist. Der Interreligiöse Rat Russlands, der aus Vertretern der sogenannten traditionellen Religionen des Landes besteht, also der Orthodoxie, des Islam, des Judentums und des Buddhismus, hat die Entweihung der Christ-Erlöser-Kathedrale vergangenen Freitag verurteilt und eine Bestrafung der Täterinnen gefordert.

Und die Kirche spielt mit harten Bandagen. Wortführer ist Erzpriester Vsevolod Chaplin, Vorsitzende der Abteilung für Beziehungen zur Gesellschaft. Chaplin hat vergangenen Sommer die Einführung einer orthodoxen Kleiderordnung gefordert oder das Verbot der Abtreibung. Auch im Kampf gegen Homosexualität meldet er sich im wieder zu Wort.

Eskalation steht bevor

Die Aktion der Pussy Riot setzt Chaplin auf die gleiche Stufe wie den Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion.

"Die Orthodoxe Tradition sagt: Wenn deine Nächsten, deine Familie, deine Heimat, dein Glauben angegriffen werden sollst du sie verteidigen. Es gibt in der Geschichte viele Beispiele in denen die Orthodoxe Kirche zu den Waffen gerufen hat, etwa zur Verteidigung der Heimat im Jahr 1945. Der Staat muss gegen diese Aktion vorgehen, genauso gegen die Versuche sie zu rechtfertigen. Tut er das nicht muss das Volk das in die eigene Hand nehmen."

Keine leere Drohung. Ein Mitarbeiter Chaplins wurde dabei gefilmt, als er Demonstrantinnen, die für die Freilassung der Pussy Riots auf die Straße gingen, mit der Faust ins Gesicht schlug. Alles deute auf eine Eskalation hin, fürchtet der Künstler Dmitrij Gutov, mit schlimmen Folgen für die Gesellschaft, aber vor allem für die Kirche selbst.

"Die jungen Leute werden die hassen, die den Staat benützen um ihre Interessen durchzusetzen. Ich habe das in meiner Jugend erlebt. Damals haben die diese sogenannten Sicherheitsdienste, die heute gegen die jungen Frauen vorgeht, meine Freunde verhaftet, weil sie religiöse Texte verbreitet haben. Und wir sehen was passiert ist: Die Anwendung von Gewalt hat die Gesellschaft in die entgegengesetzte Richtung getrieben. Die jetzigen Aktionen werden den gleichen Effekt haben: In der Gesellschaft wird die Anti-Klerikale Stimmung stärker werden, da bin ich hundertprozentig sicher."

Zwei der verhafteten Frauen haben kleine Kinder, einem davon droht wegen der Verhaftung seiner Mutter die Einweisung in ein Heim. Die nächste Haftprüfung ist für Ende April angesetzt.