"Tomboy" von Céline Sciamma

"Tomboy" nennt man ein Mädchen, das sich wie ein Bub fühlt und benimmt. Und genauso heißt auch der zweite Spielfilm der jungen französischen Regisseurin Céline Sciamma. Ein zehnjähriges Mädchen zeigt da Mut und Einfallsreichtum und schlüpft in eine gewagte Doppelrolle.

Auf der Berlinale letztes Jahr wurde "Tomboy" mit dem Teddy Award, dem Preis für Filme mit schwul-lesbischem oder Transgender-Hintergrund, ausgezeichnet. Am Freitag, 4. Mai 2012, läuft der Film in den heimischen Kinos an.

Kultur aktuell, 03.05.2012

In Ihrem Debütfilm "Wasserlilien" hat sich Celine Sciamma mit dem Liebesleben dreier 15-jähriger Mädchen beschäftigt. In "Tomboy" bleibt sie ihrem Thema, der Geschlechtsidentität, treu, geht mit ihrer Geschichte aber in die Kindheit zurück.

Die zehnjährige Laure ist glücklich als Michael und setzt alles daran, nicht aufzufliegen. Ihren Badeanzug schneidet sie zur Badehose zurecht und stopft sie zusätzlich noch mit einem Stück Plastilin aus. Das mag sich jetzt nach einem dokumentarisch erzählten Sozialdrama anhören, folgt tatsächlich aber einer ganz anderen Dramaturgie.

Regisseurin Celine Sciamma: "Ich mag spannende und packende Geschichten und schreibe meine Filme deshalb wie Action-Filme, auch wenn in ihnen keine Hubschrauber vorkommen. Der Plot könnte ja auch aus einem Thriller stammen. Es geht um eine Lüge und Lügengeschichten haben immer ein ungeheures Spannungspotenzial. Ich wollte ja auch nicht nach den Ursachen fragen. Mich hat nicht interessiert, warum Laure das macht, sondern wie sie es macht."

Die Eindringlichkeit der Gegenwart

"Tomboy" wird aus der Augenhöhe der Kinder erzählt. Deshalb verzichtet der Film auch auf jegliches Psychologisieren. Was zählt, ist die unmittelbare Gegenwart, sagt Celine Sciamma, weil die für Kinder eine besondere Eindringlichkeit besitzt: "Kinder machen Erfahrungen zum ersten Mal und das erste Mal hat immer etwas Schockierendes. Ganz einfache Dinge werden dadurch mit großer Spannung aufgeladen."

"Tomboy" ist in unglaublich kurzer Zeit entstanden. Zwischen der ersten Drehbuchzeile und dem Kinostart lag nicht einmal ein ganzes Jahr. Weil das Budget knapp war, dauerten die Dreharbeiten auch nur 20 Tage. Das Um und Auf war aber das Casting der Kinderschauspieler. Celine Sciamma: "Meine Hauptdarstellerin und ihre Kinderbande kennen sich auch im richtigen Leben und damit war schon viel gewonnen. Schüchternheit und Zurückhaltung gab es deshalb zu keiner Zeit. Für mich bestand die Herausforderung darin, die Dreharbeiten zu einem großen, spannenden Spiel zu machen. Ich drehte dann auch in sehr langen Einstellungen, um die Kinder vergessen zu lassen, dass die Kamera läuft."

Auf erstaunliche Weise schafft es "Tomboy", die Erlebniswelt eines Kindes wiederzugeben. Und so erzählt der Film mitreißend die Geschichte eines heißen Sommers, in dem jeder Tag noch wie ein Sprung ins kalte Wasser war.

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