Carax' "Holy Motors"
Mit Filmen wie "Boy Meets Girl", "Die Liebenden von Pont Neuf" und "Pola X" hat sich Leos Carax den Ruf eines radikal eigenwilligen Filmemachers erarbeitet. Und den festigt er nun auch mit seiner neuesten Produktion "Holy Motors" - Carax' erster Langfilm seit 1999 -, den etwa die Süddeutsche Zeitung als "einen Trip an die Grenzen des Kinos und noch ein wenig darüber hinaus" beschrieben hat.
8. April 2017, 21:58
Mittagsjournal, 28.8.2012
Im Anzug steigt Monsieur Oscar in seine Limousine, die er wenig später verkleidet als Bettlerin wieder verlässt; kurz darauf wechselt er wieder das Kostüm, um dieses Mal mit roten Haaren und grünem Anzug als "Monsieur Merde" einen Friedhof zu stürmen. Beim Fotoshooting entführt er das Model, um sich schließlich nackt, mit erigiertem Penis, in den Grotten von ihr in den Schlaf singen zu lassen.
Mit der Limousine als Garderobe samt Kostümfundus, nimmt Monsieur Oscar seine sogenannten Aufträge entgegen, taucht ein in immer neue Rollen, wird zum Tänzer, zum Auftragsmörder, zum Vater. Das Leben als Inszenierung, ein Mann der alles sein kann, nur nicht er selbst.
Verstörend und wunderbar
Mit Leos Carax' Schauspieler-Alter-Ego Denis Lavant, für den Carax die Rolle geschrieben hat, und der all diesen Figuren ein Gesicht verleiht, ist "Holy Motors" ein verstörender wie wunderbarer Film, der eigentlich nach Erklärungen des Regisseurs verlangt - Erklärungen, die der aber verweigert. Ob er wolle, dass ihn das Publikum versteht? Er wisse nicht, wer das Publikum sei, so Carax mit dunkler Sonnenbrille bei der Pressekonferenz in Cannes: Wahrscheinlich eine Gruppe von Menschen, die schon bald tot sein werde. Und: Er mache Filme nicht für das Publikum, aber er lade jeden ein, in seinen Film zu kommen.
Und man muss auch nicht alles gleich verstehen, um "Holy Motors" trotzdem genießen zu können. Der gesamte Film ist dabei durchzogen mit Verweisen auf die Geschichte des Kinos, auf Carax' eigene Arbeiten, auf Lynch und Fellini - samt Gesprächen über die Filmtechnik: Früher seien die Kameras größer als die Schauspieler gewesen, heißt es da, heute sehe man sie kaum noch.
Verkleidung und Verwandlung
Kurze Zweifel an der neuen Technik. Sentimentalität und Nostalgie. Dann die Erkenntnis, dass auch dieser Film digital gedreht wurde. Schließlich das Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit, der Akt der Verkleidung und Verwandlung. Das Kino als magischer Fluchtort, an dem sich hinter jeder Tür eine neue Welt öffnet.
Angesprochen auf die zahlreichen Referenzen, geht dann die Show des Herrn Carax weiter: Wenn man sich entscheide, auf der kleinen Insel Kino zu leben - eine wunderbare Insel, so Carax -, die aber auch einen großen Friedhof habe, dann gehe man manchmal auf den Friedhof, manchmal auf einen Drink.
Am Ende von "Holy Motors" beklagen sich die Limousinen in der Parkgarage über den Bedeutungsverlust von Motoren und Maschinen: Der skurrile Schlussakt dieses wundersamen Wahnsinns.
