Werner Herzog ist 70

Er ist ein Weltenbummler, der in entlegenen Ecken fesselnde Storys findet. Er stritt und vertrug sich mit Klaus Kinski, dem exzentrischen Star fünf gemeinsamer Filme. Das amerikanische "Time"-Magazin wählte Werner Herzog 2009 unter die 100 einflussreichsten Personen der Welt. Der gebürtige Münchner feiert heute seinen 70. Geburtstag.

Kulturjournal, 6.9.2012

Als Bösewicht vor der Kamera

Als nächstes taucht Herzog an der Seite von Tom Cruise in einer Schurkenrolle auf der Leinwand auf. Der Thriller "Jack Reacher" von "Operation Walküre"-Regisseur Christopher McQuarrie kommt Anfang Januar in die deutschen Kinos. "Es gibt mehrere Bösewichte in dem Film, ich habe nur eine kleine Rolle", sagte Herzog im vorigen November der Nachrichtenagentur dpa. Er sei von den Filmemachern eingeladen worden und habe sich dazu überreden lassen. "Aber die haben sich natürlich angeschaut, was ich an Rollen bisher als Schauspieler gemacht habe. Die Action-Filme in Hollywood sind ja recht teuer, und die schleppen nicht irgendeinen Amateur vor die Kamera, nur weil er einen komischen Akzent hat".

Der bayrische Tonfall ist nicht zu überhören. Der unter dem Namen Werner H. Stipetic als Sohn einer kroatischen Mutter und eines deutschen Vaters geborene Künstler wuchs in einem Bergdorf an der Grenze zu Österreich auf. Er studierte Geschichte und Literatur, das Filmhandwerk brachte er sich selbst bei. Mit 20 Jahren drehte er seinen ersten Kurzfilm. In "Herakles" beobachtete er Bodybuilder, die vor der Kamera posieren. Vier Jahre später - bei der Berlinale 1968 - holte er mit "Lebenszeichen" den Silbernen Bären für den besten Erstlingsfilm.

Hassliebe zu Klaus Kinski

Schon in dem Frühwerk ist die Natur ein Stilmittel, das sich wie ein roter Faden durch Herzogs Filme zieht. Extreme Landschaften wie die Sahara ("Fata Morgana", 1971) oder der südamerikanische Dschungel ("Aguirre, der Zorn Gottes", 1972, "Fitzcarraldo", 1982) sind Teil der Inszenierung. Ebenso extreme Figuren, fünfmal von Klaus Kinski verkörpert. Die Horror-Hommage "Nosferatu - Phantom der Nacht" und die Büchner-Adaption "Woyzeck" markierten 1979 den Höhepunkt ihrer Zusammenarbeit.

Über seine Hassliebe zu dem jähzornigen Schauspielgenie drehte Herzog 1999 den Dokumentarfilm "Mein liebster Feind". "Es war, wie im Auge eines Tornados zu arbeiten, aber es hat sich immer gelohnt", sagte der Regisseur 2011 beim Filmfestival im mexikanischen Guadalajara. "Mit seinem Tod haben wir eine große Kraft der Natur und des Kinos verloren".

Einmal im Jahr "Schurkenfilmschule"

Wenn Herzog nicht mit der Kamera durch die Welt zieht, lebt er in München und Los Angeles. Seit 2006 ist er in dritter Ehe mit einer amerikanischen Fotografin verheiratet. Er hat Bücher geschrieben, über ein Dutzend Opern inszeniert und bis jetzt 57 Filme inszeniert, das wird auf seiner Webseite akribisch aufgelistet. Dort verweist Herzog auch auf seine "Schurkenfilmschule", die er einmal im Jahr abhält. "Nichts für schwache Nerven", warnt er Seminar-Interessenten. Was er unter anderem lehrt: Schlösser knacken, eine Dreherlaubnis fälschen, zu Fuß unterwegs sein, Guerilla-Taktiken.

Herzog schaut hinter die Kulissen, erforscht Geschichten aus Randbereichen und den entlegensten Winkeln der Welt. Ob Doku oder Spielfilm macht für ihn keinen Unterschied, die Grenzen seien fließend. "Die schauen nur so ein bisschen aus", sagt er mit ironischer Miene über seine Dokumentarfilme. Für die TV-Dokumentation "Death Row" und den Kinofilm "Into the Abyss" begab sich Herzog zuletzt in den Todestrakt von US-Gefängnissen, wo Insassen auf ihre Hinrichtung warten.

"Das ist Material von einer Intensität, die ich nie bisher bei irgendeinem Film gehabt habe", sagte Herzog der dpa. "Zeichen dafür, wie sehr das mich und den Cutter betroffen hat, ist, dass wir beide wieder zu rauchen anfingen. Normalerweise arbeiten wir acht Stunden am Tag, stetig und schnell, mit klaren Zielvorgaben. Diesmal konnten wir nur fünf Stunden arbeiten, dann waren wir erledigt".

"Ruhiger und stetiger" Arbeiter

Von der Antarktis über eine Höhle in Südfrankreich in die Todeszellen von Texas und Florida: Herzog hat in den vergangenen Jahren ein straffes, weltumspannendes Drehpensum absolviert. "Ich bin aber überhaupt kein Workaholic. Ich arbeite ganz ruhig und stetig vor mich hin", versichert er. Auch nach dem 70. Geburtstag geht es gleich weiter. Noch im Herbst wolle Herzog mit den Dreharbeiten zu "Queen of the Desert" beginnen, berichtete kürzlich das US-Branchenblatt "Variety". Naomi Watts verkörpert die britische Historikerin und Archäologin Gertrude Bell, die vor dem Ersten Weltkrieg viele Jahre im Nahen Osten verbrachte. Robert Pattinson soll ihren Landsmann T. E. Lawrence, auch als Lawrence von Arabien bekannt, spielen.

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