Das Gesicht des Krieges

Ein Schwarz-weiß-Foto, das die junge Martha Gellhorn mit kritischem Blick, Baskenmütze und drei chinesischen Soldaten zeigt, ziert den altmodischen Buchumschlag. Liest man die ersten Zeilen von "Das Gesicht des Krieges", verliert das Buch allerdings jeglichen verstaubten Charakter.

Gellhorn schreibt über ihre Reisen, die sie zwischen 1937 und 1987 unternommen hat, in einem Ton, der auch im 21. Jahrhundert nicht an Aktualität verloren hat. Das Buch beginnt sie mit jugendlichem Idealismus, dieser muss sie wohl auch während ihrer langen Zeit als Kriegsreporterin immer noch angespornt haben.

"Krebsgeschwulst" Krieg

Die Menschen wären eher bereit, Lügen zu schlucken, als die Wahrheit zu erkennen, resümiert Martha Gellhorn in der englischen Originalausgabe von 1959 resigniert und schreibt:

1908 in St. Louis geboren, reist die junge Amerikanerin ab 1937 als Reporterin in Kriegsgebiete. Die Originalausgabe von "Das Gesicht des Krieges" erscheint 1959, zehn Jahre vor Gellhorns Tod wird 1988 eine überarbeitete Version veröffentlicht, auf der die aktuell erschienene deutsche Ausgabe basiert. "Krieg ist wie ein Krebsgeschwulst", schreibt Gellhorn, "Krieg ist eine bösartige Krankheit, eine Idiotie, ein Gefängnis." Das Gerede derer, die für die Kriege verantwortlich sind, höre sich an, als ob ein Atomkrieg wahrscheinlich wäre und gewonnen oder verloren werden könnte.

Mitten im Gefecht

Martha Gellhorn besucht viele Kriegsschauplätze, sie schreibt beispielsweise vom Schicksal einer jungen Rettungswagenfahrerin, über Waisenkinder in Saigon und wie es sich anfühlt, sich mitten in einem Gefecht zu befinden. Während der Zeit des Nationalsozialismus reist Gellhorn nach Deutschland, im September 1938 berichtet sie über den Spanischen Bürgerkrieg, 1967 über den Sechs-Tage-Krieg in Israel und über die in Europa wenig beachteten Kriege in Zentralamerika.

Bericht aus Israel

Nach ihrem Aufenthalt in Israel will sich Gellhorn privaten Separatfrieden nehmen, sie hört keine Nachrichten, liest keine Zeitung und lebt in Mexiko - bis sie 1965 vom Vietnamkrieg erfährt. Wäre es nicht ihr eigenes Land gewesen, das einen nicht erklärten Krieg führt, hätte sie sich nicht mehr in die Nähe eines Krieges begeben, schreibt die Journalistin. Beklemmende Situationen schildert Martha Gellhorn zwei Jahre später aus Israel.

100 Millionen Beteiligte an Krieg

Die Zivilbevölkerung leidet nicht nur unter dem Krieg, sie ist auch in den Krieg eingebunden: Wenn ein Krieg stattfindet, sind weltweit insgesamt hundert Millionen Menschen beteiligt - wenn auch nur indirekt, rechnet Gellhorn vor. Denn: Bürokratien, Streitkräfte, wissenschaftliche Mitarbeiter, Lieferanten und Waffenhersteller - alle tragen ihren Teil dazu bei.

Gellhorn hat den Gedanken an eine Welt ohne Krieg aufgegeben, für Frieden müssten die Menschen die Fähigkeit besitzen, vollkommen zu werden. "Das Gesicht des Krieges" ist lesenswert - packend und gleichzeitig nüchtern schreibt Gellhorn ihre Reportagen über die leidenden Gesichter des Krieges, die Gesichter der Zivilbevölkerung.

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Martha Gellhorn, "Das Gesicht des Krieges. Reportagen 1937-1987", aus dem Amerikanischen übersetzt von Hans-Ulrich Möhring, Dörlemann Verlag

Dörlemann - Das Gesicht des Krieges