Die Geschichte des Shin Dong-hyuk

Flucht aus Lager 14

Dass der neue politische Führer der Volksrepublik Nordkorea, Kim Jong Un, eine patriotische Sängerin geheiratet hat, die man zudem auf YouTube bewundern kann, war wohl ausnahmsweise eine neutrale Schlagzeile über das abgeschlossene Land hinter dem 38. Breitegrad. Kennern gilt es als eines der gefährlichsten Länder der Welt.

Der "geliebte" und "verehrte" Führer

Seit mehr als sechs Jahrzehnten leidet das nordkoreanische Volk unter der Diktatur der Dynastie des "geliebten und verehrter Führers" Kim Il Sung, seines Sohnes Kim Jong Il und derzeit des Enkels Kim Jong Un. Dass George W. Bush die Volksrepublik auf der "Achse des Bösen" platzierte, hat nicht verhindert, dass das Land auch im Westen da und dort noch ein recht gutes Image hat.

Da gibt es kluge Netzwerker, die einst sogar den pensionierten Bruno Kreisky nach Pjöngjang einluden, es gibt auf der Seite der politischen Linken partielle Sympathien für eines der letzten kommunistischen Regimes und manche Grüne sehen in der koreanischen Dschudsche-Ideologie der nationalen Autonomie ein Konzept der nachhaltigen Nutzung von Ressourcen. So hat ja etwa Luise Rinser, einst Präsidentschaftskandidatin der deutschen Grünen, in ihrem vielgelesenen Nordkorea-Buch Kim Il Sung als "anonymen Christen" gefeiert.

Haftung bis in die dritte Generation

Es ist an sich nicht einfach, Nordkoreaner an den Verhandlungstisch zu bringen, dabei wird meist über die atomare Rüstung des Landes oder über Hilfe für die hungernde Bevölkerung gesprochen, doch sobald das Wort "Menschenrechte" fällt, verlassen die Koreaner gekränkt die Verhandlungen. Das ist der offizielle Standpunkt: "Es gibt keine Menschenrechtsfrage in diesem Land, da hier jeder das würdigste und glücklichste Leben führt."

Der jährliche Menschenrechtsbericht und Amnesty International sehen das anders: Die koreanische Bevölkerung ist in drei Klassen mit 51 Unterklassen geteilt, die führende Klasse von 1 bis 200.000 Privilegierten beherrscht die Bevölkerung von 23 Millionen, es gibt ein System der kollektiven Haftung bis in die dritte Generation und jene, die etwa Fluchtversuche unternommen haben oder deren Angehörige das taten, sind vollkommen rechtlos.

Konservativ geschätzt leben mehr als 150.000 solcher rechtlosen Menschen in Straflagern, das ist ein Gulag, der seit Jahrzehnten besteht und den man heute auf google earth besichtigen kann. Lager 14, etwa 40 Kilometer von der Renommierstadt Pjöngjang entfernt, gilt als das strengste - und "sicherste" - Lager: 15.000 Häftlinge arbeiten dort in der Landwirtschaft, im Bergbau und in Fabriken, eine Entlassung ist nicht vorgesehen.

Shin Dong-hyuk war einer der Insassen, sein Vater hatte vor Jahrzehnten das Pech, dass ein Familienmitglied in den Süden geflohen war. Er hat sich im Lager offensichtlich bewährt und durfte als Belohnung eine gestiftete Ehe eingehen. So ist Shin 1982 im Lager geboren, hat dort die ersten 23 Jahre seines Lebens verbracht und 2005 ist ihm als Erstem die Flucht gelungen und er hat sich über China nach Südkorea durchgeschlagen.

Grauen im Lager 14

Blaine Harden, der Verfasser seiner Biografie, ist Mitarbeiter der "Washington Post" und des "Economist", Spezialist für implodierende politische Systeme und einer, der sich seit Jahren fragt, mit welchen Repressionstechniken das nordkoreanische System den fälligen Aufstand verhindert. Harden hat Shins Leben nach Interviews protokolliert, das Leben eines jungen Mannes, dessen erste Kindheitserinnerung die Teilnahme an einer Hinrichtung war.

Nur ein Detail, um die Atmosphäre von Lager 14 zu erfassen: damit die Exekutionskandidaten vor der Hinrichtung keine feindseligen Parolen rufen, wird ihnen der Mund mit Kieselsteinen zugestopft. Was Shin berichtet, liest sich unappetitlich - der Kampf um die wenigen Nahrungsmittel mit der Mutter, die er selbst wegen eines Fluchtplanes denunzierte und bei deren Hinrichtung er in der ersten Reihe saß.

Manche vergleichen jene Kulisse, die die Volksrepublik ihren Besuchern zeigt, mit Disneyland, Shin wuchs in einer "Truman-Show" auf: er wusste nichts von einer Welt "außen" und dass der Mensch dem Menschen Wolf ist, war ihm selbstverständlich. Kinderarbeit im Bergwerk, sexueller Missbrauch, die Tötung einer Sechsjährigen durch einen sogenannten Lehrer, die Reinigung einer gefrorenen Latrine mit bloßer Hand, das Abhacken eines Fingerglieds als Strafe für die Beschädigung einer Maschine - Shin selbst, der heute in Seoul und in Washington D.C. lebt, und unter schweren posttraumatischen Belastungsstörungen leidet, weiß, dass seine Geschichte eigentlich unerträglich ist. Einmal hat er eine Veranstaltung mit den folgenden Worten abgebrochen: "Meine Geschichte kann sehr erschütternd sein. Ich möchte nicht, dass sie euch zu sehr bedrückt."

Keine Lobby für die Bevölkerung

Blaine Harden kombiniert die berührende Geschichte von Shins Leben im Lager und seiner Flucht mit einer kenntnisreichen Analyse der nordkoreanischen Innenpolitik. Im Zentrum steht ihm die Menschenrechtsfrage und die "Washington Post" hat einen seiner Artikel so kommentiert:

"In den Highschools in Amerika diskutieren Schüler darüber, warum Präsident Franklin D. Roosevelt die Eisenbahngeleise, die in die Vernichtungslager Hitlers führten, nicht bombardieren ließ. Ihre Kinder werden eine Generation später vielleicht fragen, warum der Westen auf die wesentlich schärferen Satellitenfotos von Kim Jong Ils Lager geblickt und nichts unternommen hat."

Tatsächlich ist die Abstinenz der in Menschenrechtsfragen recht sensiblen westlichen Öffentlichkeit gegenüber Nordkorea auffallend. Die Aktivistin Suzanne Scholte hat dafür eine Erklärung: "Die Tibeter haben den Dalai Lama und Richard Gere, die Birmanen haben Aung San Suu Kyi, die Einwohner von Darfur haben Mia Farrow und George Clooney. Die Nordkoreaner haben keine solche Lobby."

Nein, aber sie haben jetzt Shin Dong-hyuk, dessen Beiträge jeder von YouTube herunterladen kann und der - so seine seelische Verfassung es zulässt - vielleicht das Gesicht der Hoffnung auf Widerstand gegen die nordkoreanische Staatsbrutalität werden kann.

Service

Blaine Harden, "Flucht aus Lager 14. Die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der im nordkoreanischen Gulag geboren wurde und entkam", aus dem Englischen übersetzt von Udo Rennert, Deutsche Verlags-Anstalt

DVA - Flucht aus Lager 14
YouTube - Shin Dong-hyuk