Die Feinde aus dem Morgenland

Wolfgang Benz setzt mit seinem Buch "Die Fremden aus dem Morgenland" einen Kontrapunkt zu den Ängsten, die von Panikmachern und Rechtspopulisten seit geraumer Zeit geschürt werden. In seinem Buch wendet sich der Historiker gegen das Konstrukt eines negativen Islambildes.

Das Buch will keine Streitschrift sein. So eröffnet der deutsche Historiker Wolfgang Benz seine sachlich fundierte Analyse über Islamfeindlichkeit im deutschsprachigen Raum. "Die Feinde aus dem Morgenland" ist aber sehr wohl eine Antwort auf polemische Abhandlungen zum Thema Islam in Europa, wie Thilo Sarrazins Bestseller "Deutschland schafft sich ab". Linke wie rechte Populisten nutzen den Islam als Feindbild, so der Befund des Historikers. Und die Vorurteile sind weit verbreitet: Zu oft wird eine gewaltbereite Minderheit von Islamisten mit der Mehrheit friedlicher Muslime gleichgesetzt. Zu schnell wird vor einer "Islamisierung Europas" gewarnt. Zu leichtfertig der Islam zu einer fremdenfeindlichen und gewaltbereiten Religion gemacht.

Parallelen zu Antisemitismus

Die fremde Religion als Merkmal wird zum Instrument für die Fremdenfeindlichkeit. Die Gruppen sind dabei austauschbar, argumentiert Wolfgang Benz. Das zentrale Anliegen des ehemaligen Leiters des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin ist offensichtlich: Bei zahlreichen Gelegenheiten zieht er Parallelen zwischen der aktuellen Islamkritik und der antisemitischen Stimmung in Deutschland und Österreich Ende des 19. Jahrhunderts. Die Islamfeindlichkeit arbeitet mit ähnlichen Argumenten und Stereotypen, wie der Antisemitismus.

Abschied von Toleranz und Solidarität

Es sei eine Form von Kulturrassismus, wenn Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit abgelehnt oder diskriminiert werden. Die Angst vor einer sozialen Krise, vor dem Statusverlust führe dazu, dass Menschengruppen abgewertet werden. Das Bürgertum hätte sich von Tugenden wie Toleranz und Solidarität verabschiedet, konstatiert Wolfgang Benz. Es kommt heute zu einer "Ethnisierung sozialer Probleme". Seit dem 11. September 2001 haben sich die Bedrohungsängste zugespitzt.

Ausführliche Analyse

Der Schwerpunkt des Buches liegt eindeutig auf Deutschland: von der Tradition der Islamfeindlichkeit in der deutschen Geschichte, über die Ideologisierung der Islamfeindschaft durch deutsche Populisten, bis hin zur Auseinandersetzung mit der Bürgerwut in islamfeindlichen Blogs und Internetforen.

Ergänzt wird die ausführliche Analyse des Historikers Wolfgang Benz durch Interviews mit vier "Handelnden". Sie spielen, wie etwa Lydia Nofal, Koordinatorin des "Netzwerks gegen Diskriminierung von Muslimen", eine wichtige Rolle in der Beschäftigung mit Problemen und Integration muslimischer Migranten in Deutschland.

Auch wenn vorrangig die Islamfeindlichkeit in unserem Nachbarland behandelt wird, sind die 220 Seiten auch aus österreichischer Sicht lesenswert. Abgesehen von den historischen Gemeinsamkeiten wird spätestens im letzten Kapitel klar, dass die Situation in Österreich mit der in Deutschland zumindest vergleichbar ist.

Ausgrenzung schadet der Demokratie

Der Titel des Buches, "Die Feinde aus dem Morgenland", verweist auf die verschiedenen Spielarten von Islamfeindlichkeit im deutschsprachigen Raum. Mit dem Untertitel "Wie die Angst vor den Muslimen unsere Demokratie gefährdet" offenbart Wolfgang Benz das Resümee und die grundlegende These seines Buches: die Ausgrenzung einer Minderheit und die zunehmende Entsolidarisierung beschädigen die demokratischen Standards in unserer Gesellschaft. Nicht der Islam, nicht die Überfremdung gefährden die Demokratie, sondern die geschürten Ängste davor.

Noch basiert unsere Demokratie auf der Gleichwertigkeit der Menschen. Deswegen warnt Wolfgang Benz davor, eine Gruppe von Menschen als minderwertig abzuurteilen, denn ist diese Schleuse einmal geöffnet, kann jede beliebige gesellschaftliche Gruppe stigmatisiert und angefeindet werden. Alle Anstrengungen, aus den Erfahrungen des Holocaust zu lernen, wären dann vergeblich.

Service

Wolfgang Benz, "Die Feinde aus dem Morgenland. Wie die Angst vor den Muslimen unsere Demokratie gefährdet", C. H. Beck

C. H. Beck - Die Feinde aus dem Morgenland

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