Wissen teilen, Neues gestalten

Gute Ideen, wertvolle Erfindungen und Innovationen haben kaum mehr etwas mit Geheimniskrämerei, isoliertem Geniekult und Wissensmonopolen zu tun. Die spannendsten und kreativsten Entwicklungen passieren dort, wo der Zugang frei ist, wo zusammengearbeitet wird und das Teilen von Wissen, Inhalten und Erfahrungen Neues hervorbringt.

Citizen Science

Internationale "Citizen Science"-Projekte haben vorgeführt, wie sich Wissenschaft und Forschung für neue Formen der Datengewinnung, der methodischen Reflexion und zeitgemäßen Wissensvermittlung öffnen können. Mit dem Mehrwert, nicht nur das Wissenschaftsverständnis der Gesellschaft zu vertiefen, sondern über das forschende Lernen auch vielfältigere Zugänge zum Wissen zu gewinnen und zu verbreiten.

Beispiel Zeitgeschichte

Für die Zeitgeschichtsforschung erschließen sich auf diese Weise neue Möglichkeiten, Daten zu aktuellen Themen zu erheben. Meteorologen und Klimaforscher beziehen Beobachtungen der Bevölkerung in ihre Messreihen ein, dokumentieren extreme Wetterereignisse und sammeln Anzeichen für den Klimawandel. Naturschützer greifen auf Meldungen zurück, die das Auftreten selten gewordener Arten registrieren. In vielen Projekten der Astronomie, der Computerwissenschaft und digitaler Entwicklungen ist die Grenze zwischen "Expert/innen" und "Laien" nicht mehr scharf zu ziehen. Ganz neue Formen der Expertise entstehen.

Demokratisierung der Forschung

Wissen wird als "öffentliches Gut" angesehen, das nicht durch Verschluss und Monopolisierung eingeschränkt werden sollte. Offenheit, nicht-hierarchischer Austausch und Vernetzung sind die Eckpunkte einer neuen Wissensformel. Institutionelle Grenzen und akademische Barrieren verlieren dagegen an Bedeutung.

Der Siegeszug der Prosumenten

Das Internet und die Entwicklungen digitaler Medien, die den Alltag immer mehr bestimmen, haben wesentlich zu dieser Entwicklung beigetragen. Nicht nur die jüngsten "Digital Natives", sondern verschiedene Mediengenerationen sind in Internetforen aktiv, beteiligen sich an Tauschbörsen, engagieren sich in "kollaborativen" Netzwerken und stellen ihr eigenes Medienprogramm zusammen. Aus Konsumenten werden "Prosumenten", die sich aktiv an der Produktion von Inhalten beteiligen.

Die Wissensgewinnung und das Engagement sind nicht mehr lokal begrenzt, sondern global vernetzt. Communities tauschen ihr Wissen und ihre Erfahrungen weltweit aus: in Fragen der Astronomie, in kulturellen Initiativen, in den Vorlieben für Mode, Design und Musik, im Engagement für Menschrechte oder Umweltschutz. Dadurch entstehen auch neue, informelle Expertenpools und Formen des interaktiv entstandenen und reflektierten Wissens. Der Erfolg der Online-Wissensenzyklopädie Wikipedia belegt, dass auch offenes Wissen mit hoher Qualität verbunden sein kann.

Das Wissen der Vielen

Bei vielen Problemen, die von hochspezialisierten akademischen Disziplinen nicht mehr bewältigt werden können, bietet das "Wissen der Vielen" Einsichten, Anregungen und Lösungsvorschläge, die kreativer und innovativer sein können, als etablierte Formen der Expertise. Auch zahlreiche Unternehmen haben dieses Potenzial erkannt und sich für neue Formen der Ideengewinnung, der Problemlösung und der Innovation geöffnet. Außerhalb der eigenen Firma vorhandenes Wissen wird genutzt, um alternative Denkansätze zu verwirklichen, Probleme zu lösen und Produkte neu zu entwerfen. Prozesse werden dadurch verändert, der Kontakt mit den Kunden wird intensiver, eine neue Position auf den Märkten kann die Folge sein.

Crowdsourcing

"The fool wonders, the wise man asks" hat Benjamin Disraeli festgestellt. Viele Unternehmen und Organisationen fragen bei der Lösung praktischer Probleme nicht mehr nur einzelne Experten. Sie setzen auf das "Wissen der Vielen" und betreiben "Crowdsourcing". Die "Schwarm-Auslagerung" (im Gegensatz zu "Outsourcing") ist ein relativ junges Phänomen, das immer mehr zum Innovationsfaktor wird. Fragen und Probleme werden in das Internet gestellt und von engagierten Freiwilligen oder neu entstehenden "Wissens-Pools" gelöst. Ein wesentlicher Faktor für den Erfolg sind dabei auch die Motivation und eine angemessene "Belohnung" - von Geld-Prämien und prozentuellen Beteiligungen über die Möglichkeit, sich am Entwicklungsprozess zu beteiligen, und Kontaktmöglichkeiten bis zum "Statusgewinn" in der Community.

Zahlreiche Online-Plattformen existieren bereits, wo mit Hilfe von "Crowdsourcing" unterschiedlichste Themen behandelt und Fragen gelöst werden. Wissenschaftliche Probleme ebenso, wie Neuentwicklungen im Produktdesign, Marketingmaßnahmen oder Anfragen, die sich durch Suchmaschinen nicht beantworten lassen. Freiwillige erarbeiten für Wikipedia ein Lexikon, bei OpenStreetMap wird auf diese Weise die Welt kartographiert. Auch in die Gründerszene kommt neue Bewegung: Wer gute Ideen und unterstützenswerte Projekte hat, findet in digitalen Netzwerken nicht nur Freunde, sondern auch Menschen, die dafür Geld bereitstellen. Dieses "Crowdfunding" spielt auch in der Forschungsförderung bereits eine wachsende Rolle.

Soziale Innovation

Innovation wird häufig nur mit technologischen Entwicklungen gleichgesetzt. Das greift aber zu kurz. Für die Lösung komplexer gesellschaftlicher Fragen, die dem Gemeinwohl dienen, ist neues Wissen gefragt, das nicht nur aus hochspezialisierten oder kommerzialisierten Expertenpools kommen kann. Soziale Innovation setzt voraus, dass unterschiedliche Wissensformen offen und gleichwertig zusammenwirken und sich möglichst viele Menschen daran beteiligen können. Open Innovation ist dabei nicht nur ein Instrument, sondern die Grundlage eines gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Aufbruchs.

Breite Information in Ö1

Mit dem Jahresschwerpunkt "Open Innovation" unterstreicht Ö1 die Bedeutung dieses Phänomens für eine zukunftsweisende Entwicklung der Zivilgesellschaft. "Öffentliches Wissen" und Bürgerbeteiligung spielen in enger Verbindung mit Qualitätsjournalismus eine immer größere Rolle. Aktuelle Beiträge und Hintergrundberichte in verschiedenen Sendeformaten von Ö1 informieren über internationale Trends auf diesem Gebiet, ziehen Verbindungen zwischen exemplarischen Projekten und Communities. Von der Naturbeobachtung über Schulprojekte bis zur Zeitgeschichte und politischen Bildung, von kulturellen Initiativen bis zur Innovation in Form neuer Erfindungen und Entwicklungen für das Gemeinwohl.

Die soziale Innovation steht dabei immer wieder im Mittelpunkt. Daraus ergibt sich nicht nur eine virtuelle Landkarte der Zugänge zu neuem Wissen und seinen Anwendungen. Die Sendungen und begleitende Aktionen im Internet wollen auch Initial-Zündungen und Impulse für neue Projekte setzen, sie werden innovative Entwicklungen begleiten, interdisziplinäre Kontexte einbringen und für eine breite kritische Öffentlichkeit sorgen. "Open Innovation" ermutigt nicht nur dazu, Fragen zu stellen, sondern selbst neues Wissen einzubringen und Innovationen zu ermöglichen.

Text: Martin Bernhofer, Leiter der Ö1 Wissenschaftsredaktion