Hölderlins Turmgedichte

Das Echo einer großen Verklungenheit

36 Jahre hat der Dichter Friedrich Hölderlin in der Turmstube über dem Neckar gehaust. Die Familie des Tübinger Tischlers und Hölderlin-Verehrers Ernst Zimmer kümmerte sich um den als umnachtet geltenden Dichter. Ab und zu hat Hölderlin noch Verse verfasst, rund 50 Turmgedichte. 25 hat der Dichter Wolf Wondratschek ausgewählt und den faszinierenden Sprechkünstler Christian Reiner gebeten, sie zu interpretieren. Wondratschek sei Dank!

Hölderlins Worte kommen in Reiners Interpretation aus der Stille und Isolation in der sie geschrieben worden sind. Und sie münden wieder in dieses Schweigen, in diese Abgeschiedenheit. Diese wunderbaren langen Pausen – es sind eigentlich Stillen - funktionieren nur deshalb, weil wir hören wie Christian Reiner nichts sagt. Hier sitzt ein Mensch vor dem Mikrofon und schweigt!

Christian Reiner vermeidet es, sich selbst ins Spiel zu bringen. So wie Hölderlin sich selbst aus dem Spiel genommen hat. "Entichungswillen" nennt das die Hölderlin-Forschung. Ungeheuer konzentriert gibt Reiner die Verse wieder, lässt den Zeilen Gerechtigkeit widerfahren, der Bedeutung von Anfang und Ende jeder Zeile. Von Robert Musil stammt die schöne Bezeichnung (bei ihm auf alten Adel gemünzt) vom "Echo einer großen Verklungenheit". Prädikat: Zum Niederknien!

Friedrich Hölderlin, Christian Rainer, Turmgedichte, Universal Music
Mirjam Jessa, 2.1.2013