The Science of Yoga

Friede, Entspannung, spirituell im Einklang mit sich selber sein. Zwar wird Yoga im Westen mittlerweile in jedem Fitnessklub praktiziert, doch eine gewisse Aura schwingt da immer mit, meint William Broad. Eine Aura von Perfektion der Asanas, von Transzendenz. Alles Dinge, die über die Jahrhunderte überliefert wurden.

William Broad ist eine prominenter Wissenschaftsjournalist der "New York Times" und bekannt für gründliche Recherche. Das hat ihm immerhin zwei Pulitzerpreise eingebracht. Yoga und den Yoga-Boom hat er sich aus persönlichem Interesse vorgenommen, denn er praktiziert es selbst seit seiner Collegezeit. Und die liegt schon eine Weile zurück.

Sein Buch, "The Science of Yoga", führte zu einem Aufschrei in einem Teil der Yoga-Gemeinschaft. Denn statt von friedlicher Aura, Transzendenz und Biegsamkeit schrieb William Broad über sich häufende Yoga-Verletzungen. Und zwar nicht nur über vergleichsweise harmlose wie etwa einen verstauchten Knöchel, sondern über Nervenschäden, weil man zu lange im Lotussitz ausharrt. Oder über Übungen wie den Pflug oder den Schulterstand, wobei der Nacken stark belastet wird. Das kann in Extremfällen zu Schlaganfällen führen. Viele Leser waren dankbar, dass endlich einmal jemand auch über die Risiken von Yoga schrieb.

"Auf mein Buch hin habe ich seitenlange Briefe bekommen. Menschen beschrieben darin, wie radikal sich ihr Leben verändert hat. Zum Beispiel: 'Mein Leben und alles, was ich gern gemacht habe, gibt es in dieser Form nicht mehr. Mein Leben ist ein Trümmerhaufen.' Ich war beim Lesen oft am Rande der Tränen. Zwei Männer haben mir geschrieben, die beide einen Schlaganfall erlitten hatten. Und dem einen passierte er eben in der Yoga-Stellung, die man Pflug nennt."

Verletzungsgefahr

Wie leicht man sich verletzt, weiß der Autor aus eigener Erfahrung. Im Zuge seiner Recherche landete er in einer sehr anspruchsvollen Klasse, in der Teilnehmer paarweise Übungen machten. Seine Partnerin war rank, schlank und sehr biegsam.

"Da stand ich also, ich alter, knorriger Typ, und sie machte ihre Beugeübung; es war eine Dreiecks-Stellung. Dann war ich an der Reihe. Und ich denke mir noch: 'Für mein Alter - nicht so übel!' Ich dehnte mich mehr und noch mehr. Sehr viel mehr als sonst. Wahrscheinlich wollte ich meine Partnerin beeindrucken. Und so verletzte ich mir mein Kreuz."

Am häufigsten sind Verletzungen im Kreuz gefolgt von Schulter, Nacken und Handgelenk. Und wer verletzt sich am ehesten? Das sind Yoga-Praktizierende, die zu schnell fortgeschrittene Asanas machen oder die perfekt sein wollen. Männer verletzten sich außerdem eher als Frauen. Sie sind nämlich naturgemäß weniger flexibel. Das will das männliche Ego aber nicht so gerne akzeptieren.

Mythen von Fakten trennen

William Broad ist nicht darauf aus, Yoga zu verteufeln. Im Gegenteil: Er will die Mythen von den Fakten trennen. Seine Kernfrage lautet: Was ist gesund an Yoga? Und zwar erwiesenermaßen, denn in jedem Lehrbuch, in jeder Yoga-Hochglanzbroschüre wird bestimmten Stellungen ein bestimmter gesundheitlicher Nutzen zugeschrieben. Bei Mandelentzündung zum Beispiel soll ein Kopfstand helfen. Aber das ist wissenschaftlich alles unhaltbar, erklärt der Autor. Er interviewte zu diesen Behauptungen einen erfahrenen indischen Yogalehrer und Theosophen. Und der sagte ihm:

"Man kann in der Yogaliteratur alles finden, wonach man sucht: ja und nein, rauf und runter, schwarz und weiß. Und das ist, weil jeder ungestraft behaupten kann, was er will. Egal, ob es dafür auch nur ein Quäntchen an empirischen Fakten gibt oder nicht."

Dass die moderne Yoga-Forschung in Bewegung kommt, merkt man schon allein an den zahlreichen Eintragungen in der US-Datenbank für medizinische Studien, PubMed. Doch die allerersten Untersuchungen fanden in Indien, in einem Ashram südlich von Mumbai statt.

"Dort gab es einen Mann names Jagannath Gune", erzählt Broad. "Er hatte zwar keine wissenschaftliche Ausbildung, doch er gehörte zu der Strömung damals, die Yoga auf rationale Beine stellen wollte. Es gab die nationalistische Bewegung in den 1920er Jahren in Indien. Die Nationalisten wollten die Briten aus dem Land vertreiben. Und gleichzeitig gab es diesen Hunger, Yoga zu purifizieren, all den sexuellen Schmuddel von Tantra los zu werden. Und im Zuge dessen gab es auch die ersten Bemühungen, Yoga wissenschaftlich zu analysieren um herauszufinden, welchen Nutzen es hat."

Jagannath Gune führte beispielsweise die ersten Yoga-Blutdruckstudien durch. Er fand heraus: Entgegen der vorherrschenden Meinung steigt der Blutdruck bei so anstrengenden Asanas wie Kopf- oder Schulterstand nur minimal an.

Studienobjekt Yoga

Seit etwa 2000 ist Yoga ein würdiges und seriöses Studienobjekt für Forschungsgruppen auf Eliteuniversitäten wie Harvard und Stanford. Sie überprüfen den Nutzen von Yoga für beispielsweise Herzerkrankungen oder Asthma oder Rückenschmerzen.

Die Fragestellung bei einer der bisher größten Yoga-Studien in den USA lautete: Hilft Yoga bei chronischen Rückenschmerzen? Und wenn ja, - ist ein Stretching-Programm ebenso wirksam? Die Antwort auf beide Fragen lautet "ja". Und quasi als Draufgabe gibt es mehr Entspannung und ein besseres Körpergefühl.

Yoga hat also noch das gewisse Etwas. Und genau das veranlasst William Broad, jeden Morgen noch vor Sonnenaufgang aufzustehen. Er beginnt den Tag auf der Yoga-Matte. Einfach, weil es ihm gut tut. Jetzt weiß er: Dabei spielt der Neurotransmitter namens Gamma-Amino-Buttersäure - kurz GABA genannt - eine Rolle: "Die moderne Psychopharmakologie experimentiert, wie man die GABA-Werte erhöhen und so unsere Stimmung verbessern kann. Man will quasi den inneren Sonnenschein einschalten können. Bei Versuchen hat sich gezeigt: Yoga bewirkt genau das. Und außerdem: Je anspruchsvoller die individuelle Yoga-Praxis, je ernster man diese nimmt, desto höher liegen die GABA-Werte."

Yoga aktiviert die rechte Gehirnhälfte

Ein Nutzen von Yoga ist noch nicht hieb- und stichfest erwiesen: ob es nämlich die Kreativität fördert. Das interessiert William Broad als Schreiber natürlich besonders: "Es gibt zumindest Hinweise darauf, dass Yoga die rechte Hirnhemisphäre aktiviert. Ich glaube, dass das stimmt, auch wenn die Daten noch nicht vorliegen. Ich spüre das schon. Und zwar daran, dass auf einmal das laute Geplapper von der linken Hirnhemisphäre verstummt. Es ist fast egal, welche Übungen man physisch macht, solange man sich bewegt, auf seinen Körper hört und ihn spürt. Man ist mehr im Einklang mit der Welt der Sinne."

Und dann, so der Autor, fühlt er sich, wie es in den buddhistischen Texten immer so schön beschrieben steht: Er ist völlig im Hier und Jetzt.

Service

William Broad, "The Science of Yoga", aus dem Amerikansichen von Maren Klostermann, Herder Verlag

Herder