Der gekaufte Fußball

Sowohl im nationalen als auch im internationalen Bereich kommen immer mehr Beispiele für gekaufte Spieler, verschobene Spiele und organisierten Wettbetrug ans Licht, wie Benjamin Best berichtet, der seit Jahren zu diesem Thema recherchiert.

Am 16. Juli 2009 spielte im Rahmen der Europa-League-Qualifikation Rapid Wien gegen den mehrfachen albanischen Meister Vllaznia Shkoder. Die Begegnung endete 5:0 für Rapid – was vielleicht nicht wirklich erstaunen muss. Erstaunlich ist eher, dass es bis zur 68. Minute 1:0 stand – und dann in nur 17 Minuten vier weitere Tore fielen; dass die albanischen Verteidiger plötzlich kapitale Abwehrschnitzer produzierten, von einer Spielminute auf die andere, genau ab dem Moment, als der albanische Torwart seine Trinkflasche verlegte, von außen neben dem Torpfosten direkt in die Mitte. Das ist wohl niemandem der rund 15.000 Zuschauer aufgefallen.

Auch Rudolf Stinner, damals Chefermittler der UEFA in Sachen Wettbetrug, zuvor Beamter des Landeskriminalamts in Graz, bemerkte dieses Detail erst bei der Betrachtung der Videoaufzeichnung. Inzwischen haben Stinner und die UEFA erkannt: Die Begegnung war manipuliert. Der Torwart der Gästemannschaft und mehrere Abwehrspieler waren in ein abgekartetes Spiel mit Live-Wetten involviert, in dem es darum ging, dass bis zu einem gewissen Zeitpunkt ein knappes Ergebnis gehalten wird und am Ende dann doch ein überraschend deutlicher Sieg der Heimmannschaft zustande kommt. Das sicherte den Wettbetrügern eine hohe Quote. Der Fall ist kein Einzelfall.

Manipulierte Spiele in aller Welt

"Der österreichische Fußball ist seit Jahren ein Ziel von Wettbetrügern. Und man muss wirklich sehr besorgt sein, was den österreichischen Fußball angeht. Wir stehen erst am Anfang der Ermittlungen. Was da alles noch rauskommen kann – ich bin da äußerst gespannt", so der Autor, Benjamin Best.

Manipuliert werden Spiele natürlich nicht nur in Österreich. Auch in Deutschland, England, Italien und Spanien, in Russland, der Türkei, Israel oder auf dem Balkan wurde geschoben und betrogen, in der Kreisliga genauso wie in der Bundesliga oder der Champions League, bei Jugend- und Erwachsenenspielen.

Die Nationalelf El Salvadors wurde mehrfach von einem Wettpaten aus Singapur bestochen und für Niederlagen fürstlich entlohnt. Die Gehälter der Spieler des belgischen Zweitligisten Royale Namur wurden 2008 von einem kroatischen Zocker bezahlt, der Verein blieb in einer Spielzeit 33 Mal ohne Sieg und kassierte 17 Platzverweise. Der FC Brügge drehte 2011 ein Europa-League-Spiel in Maribor, bei dem er bis 20 Minuten vor Schluss 0:3 zurücklag und schließlich doch noch mit 4:3 siegte – ganz im Sinne von potenten Wettern, die just 20 Minuten vor Spielende riesige Summen auf einen Sieg Brügges setzten.

Explodierender Markt durch Online-Wetten

Der Wettbetrug – er breitet sich wie ein Geschwür über den ganzen Globus aus, wie der bestens unterrichtete Journalist Benjamin Best weiß, der viele Informationen aus erster Hand erhielt: "Meine Informationen kommen aus ganz vielen verschiedenen Quellen, von ganz vielen verschiedenen Personen. Auf der einen Seite habe ich mich mit Wettbetrügern getroffen, mit verurteilten Wettbetrügern, sogar mit einem ehemaligen New Yorker Mafiaboss, Michael Franzese; aber auch mit Ermittlungsbehörden, mit Staatsanwälten, Rechtsanwälten, Funktionären – und natürlich auch Fußballspieler."

Wurden früher Spiele verschoben nicht zuletzt aus sportlichen Gründen, zum Beispiel um dem Abstieg zu entgehen, so werden sie heute manipuliert, um eine Wette zu kassieren. Der Sportwettenmarkt explodierte Ende der 1990er Jahre, Anfang 2000 durch die Online-Wetten. Überall auf der Welt konnten jetzt Wetten platziert werden, rund um die Uhr.

Das staatliche Wettmonopol, wie es jahrzehntelang zum Beispiel in Deutschland praktiziert wurde, wurde abgeschafft, private Wettanbieter drängten auf den Markt: "bwin" zum Beispiel, ein an der Wiener Börse notiertes Unternehmen mit 14 Millionen Kunden, das täglich 30.000 Wetten in über 90 Sportarten anbietet.

"Leider ist es so, dass dort wo viel Geld ist, auch Kriminalität, Korruption und Betrug nicht weit weg sind. Deswegen sind Sportwetten so interessant, um sie zu manipulieren", meint Best.

Wetten sogar auf "Geisterspiele"

Der weltweite Umsatz der Wettindustrie wird von Experten auf 600 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Dabei gibt es nichts, worauf nicht gewettet wird. Im Fußball zum Beispiel auf die Spielstände zu einem gewissen Zeitpunkt, Anzahl der Ecken, Tore, Frei- und Strafstöße, Gelbe und Rote Karten. Gewettet wird dabei auch auf Spiele, die gar nicht ausgetragen werden – sogenannte "Geisterspiele".

"Ein konkretes Beispiel: Es wurde ein Spiel auf dem Wettmarkt angeboten von der U21 von Turkmenistan gegen die U21 der Malediven. Das Spiel endete 3:2 für Turkmenistan. Aber es hat nie stattgefunden. Es wurde gar nicht gespielt. Sondern diese Informationen wurden per Drehbuch von einem Scout an den Wettanbieter durchgegeben, und der Wettanbieter hat empfindlich hohe Verluste einfahren müssen, weil natürlich entsprechende Syndikate auf dieses Spiel gewettet haben", berichtet Best. "Also die Möglichkeiten sind wirklich grenzenlos, weil es einfach so viele Spiele gibt. Da liegt natürlich der Fehler im System, denn so ein Spiel muss zum Beispiel bei der Fifa nicht angemeldet werden. Es gibt gar keine Kontrolle, ob dieses Spiel wirklich stattfindet oder eben nicht."

Manila und Singapur als Zentren

Während in Europa der Wetteinsatz limitiert ist, gibt es in Asien keine Grenzen. Sechsstellige Summen sind hier keine Seltenheit. Dabei wird in der Regel auf Kreditbasis gewettet. Ein Agent legt bei einem Wettunternehmen ein Konto für einen Wetter an, der selbst anonym bleibt - ein Geschäftsmodell, das es Betrügern leicht macht.

"Es ist ein unregulierter, wilder Markt", sagt Best, wo auch Schwarzmarktwetten immer mehr Verbreitung finden. Die Zentren des Wettbetrugs sind Manila und Singapur, ihre Hauptakteure aber, sie heißen Dan Tan, Wilson Perumal oder William Lim, operieren weltweit mit einem Netzwerk von Mittelsmännern, arbeiten mit dem Geld asiatischer Verbrecherorganisationen, wie den chinesischen Triaden, und sind kaum zu fassen.

Dazu Best: "Es war dann z.B. auch so, dass von diesem Wettpaten Dan Tan italienische Behörden ermitteln konnten, dass ein Geldbote von ihm fast 30 Mal zwischen Singapur und Mailand hin und her geflogen ist - und auf der Rückreise die Tasche, die er dabei hatte, immer gewisse Kilogramm leichter war, weil er das Geld in Italien abgegeben hat... Das sind wirklich weltweit verzweigte Netzwerke."

Mit "stumpfen Waffen" gegen den Betrug

Den Machenschaften der Betrüger wird freilich nicht tatenlos zugesehen. Vor allem der sogenannte Hoyzer-Skandal in Deutschland hat die europäische Sportszene aufgeschreckt: ein bestochener Schiedsrichter, der 2005 gestand, Fußballspiele im Sinne seines Wettpaten gepfiffen zu haben. Wettradar- bzw. Frühwarnsysteme wurden daraufhin eingeführt, die auffällige Wetteinsätze signalisieren sollen. Ein System, das nicht wirklich funktioniert: zu viele Wetten finden weltweit statt, zudem wissen Manipulateure auch durch "Verschleierungswetten" abzulenken.

Die Waffen, mit denen gegen Wettbetrug vorgegangen werde, seien stumpf, sagt Benjamin Best, der auch die oft laxe, passive Haltung von Verbänden und Funktionären beklagt, die ein effizientes Vorgehen gegen Wettbetrug nicht wirklich unterstützen, vielmehr das Millionengeschäft Fußball aus den negativen Schlagzeilen herauszuhalten versuchen. Auch die Verquickung von Vereinen mit Wettfirmen – der österreichische Wettanbieter "Tipp3" ist beispielsweise Sponsor eines Bundesligaklubs – sei nicht gerade transparenzfördernd.

"Es muss eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden, dass Wettbetrüger und vor allen Dingen Fußballprofis hart und abschreckend bestraft werden", meint Best. "Es muss eine europäische Institution geben, wo sämtliche Informationen aus allen Ländern zusammenlaufen. Es ist heutzutage immer noch so, dass jedes Land anders mit Wettbetrug strafrechtlich umgeht. Das macht es natürlich für die Ermittlungsbehörden sehr schwierig. Und dann muss man natürlich sich als Sport von Wettunternehmen lösen. Und man muss aber auch weiter aufklären."

Mitten in der Welt der Zocker

Benjamin Best hat ein spannendes, ein informatives, ein erschreckendes und alarmierendes – mit einem Wort: ein immens wichtiges – Buch zum Thema Wettbetrug geschrieben, das mitten hineinführt in die Welt der Zocker und Spielsüchtigen, der Match-Fixer, Mafiosi und Geldwäscher.

Wie gründlich recherchiert es auch ist, so kann es doch nur die Spitze des Eisbergs zeigen. Vielleicht werden wir mehr wissen, wenn die Prozesse in Bochum abgeschlossen sein werden. Hier ermittelt seit 2009 eine Soko "Flankengott" zu mehr als 300 verschobenen Spielen, darunter auch Dutzende Partien in Österreich. Dass man den Wettbetrug aufhalten bzw. ausmerzen kann, glauben freilich weder Benjamin Best, noch der von ihm zitierte Ex-UEFA-Ermittler Rudolf Stinner. Es wäre schon ein Riesenerfolg, wenn man ihn wenigstens eindämmen könnte.

Service

Benjamin Best, "Der gekaufte Fußball. Manipulierte Spiele und betrogene Fans", Murmann Verlag