Zu Besuch bei Amoeba Music
Um Anerkennung musste sich die Musikszene in Los Angeles nie Sorgen machen. Musik hat dort eine vergleichsweise lange Tradition. In den Tausenden Aufnahmestudios der Stadt produzierten seit jeher Musiker aus aller Welt. Bands wie die Beach Boys, The Doors, oder - aktueller - die Red Hot Chili Peppers gelten als Aushängeschilder der Stadt. Genauso wie L. A.s geheimes Wahrzeichen Amoeba Music, das größte unabhängige Plattengeschäft der Welt.
8. April 2017, 21:58
Auf 24.000 Quadratmetern - das ist etwa so groß wie sechs Turnsäle - finden Musikliebhaber, was das Herz begehrt. Amoeba Music verkauft ein ausgewähltes Sortiment und vor allem gebrauchte Vinyl-Schallplatten.
Kulturjournal, 08.01.2013
Eine Amöbe, das ist bekanntlich ein Einzeller ohne feste Form. Das kleinste Lebewesen, das auf unserem Planeten existiert. Nach diesem Tier hat sich der berühmteste und größte unabhängige Plattenladen der Welt benannt: Amoeba Music in Los Angeles, genauer: am legendären Sunset Boulevard in Hollywood. Amoeba Music operiert unabhängig von großen Major-Labels und Musikmegastores, von denen in den letzten zehn Jahren der Großteil in Konkurs gegangen ist.
Bei Amoeba Music scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, und so findet man aktuelle Platten, vor allem aber auch gebrauchte Vinyl-Tonträger. Amoeba Music ist eine wahre Schatzkiste und für Musikliebhaber das geheime Wahrzeichen von Los Angeles. Wer auf der Suche nach guter Musik ist oder alte Scheiben loswerden möchte, der ist bei Amoeba Music in Hollywood richtig.
Der neue König vom Sunset Strip
Schauplatz Sunset Boulevard: Eine Blechlawine rollt über die breite von langstieligen Palmen gesäumte Straße. Von der Straße aus kann man die weißen Buchstaben des Hollywood-Zeichens erkennen. Sie wirken wie ein Versprechen: Wer hier lebt hat es geschafft. Und wer es geschafft hat, der hat es eilig. Los Angeles definierte wie kaum eine andere amerikanische Stadt den Rock'n'Roll und die Popkultur.
Vor allem der Sunset Strip – das ist ein Abschnitt des Sunset Boulevard in West Hollywood - avancierte in den 1960er Jahren zum Epizentrum der Gegenkultur und gilt auch heute noch als Hafen amerikanischer Musiker und Bands. Die größten und besten Musikclubs und Aufnahmestudios der Welt waren seit jeher hier in Los Angeles. Musiker wie Led Zeppelin, Frank Zappa und die Doors spielten in Clubs wie dem "Whisky a Go Go", "Roxy" oder in "Pandora's Box". Bis heute übt der Sunset Boulevard eine magische Anziehung auf junge Kreative aus. Auch auf Marc Weinstein, der Amoeba Music seit 2001 führt.
Pinke Leuchtbuchstaben und Graffitis zieren die Außenwand des Gebäudekomplexes. Drinnen herrscht reger Betrieb. "Bis zu 6.000 Menschen gehen hier jeden Tag ein und aus", erklärt Marc Weinstein gelassen. Sie alle durchforsten die vielen Plattenregale, die sich auf 24.000 Quadratmeter erstrecken. Rund 1 Million gebrauchte und neue Tonträger warten hier auf neue Besitzer. 300 Menschen sorgen bei Amoeba Music im Laden und Hintergrund dafür, dass der Laden läuft.
"Jeden Tag kriegen wir 2.000 bis 3.000 neue Tonträger rein. Ich habe 12 Mitarbeiter, die sich nur darum kümmern, gebrauchte Platten anzukaufen. Menschen, die ihre alten Platten nicht mehr haben wollen, bringen sie bei uns vorbei. Wir kaufen alles, die Auswahl bei uns ist riesig!"
Vom Musikfan zum Unternehmer
Marc Weinstein sammelt selbst seit frühester Jugend Platten. Gemeinsam mit seinem Jugendfreund Dave Prinz eröffnete Marc Weinstein 1990 den ersten Amoeba Store in Berkeley. Mittlerweile gibt es zwei weitere Ableger in San Francisco. Der größte Store ist allerdings der in Los Angeles.
Der Handel mit gebrauchten Tonträgern floriert mehr denn je: 45 Millionen Dollar beträgt der Umsatz pro Jahr. 1000 Vinyl-Platten gehen allein in L. A. jeden Tag über den Ladentisch. In Zeiten einer im Sterben liegenden Musikindustrie kann sich Amoeba Music gut behaupten. Denn: Die schwarzen Scheiben sind wieder in Mode und Plattensammler sind so aktiv wie nie. In Zeiten, in denen Musik nur noch als digitale Kopie im virtuellen Raum existiert, sehnen sich viele Menschen nach der haptischen Qualität einer Schallplatte zurück. Außerdem ist vielen Musikliebhabern die komprimierte Audioqualität eines mp3-Songs nicht genug.
Das geheime Wahrzeichen von Los Angeles
Unter Musikfans und Touristen gilt Amoeba Music als das "geheime Wahrzeichen" von Los Angeles. Sogar im offiziellen Stadtplan ist der Plattenladen mittlerweile eingezeichnet. Und nicht nur sein treuer Kundenstock, auch die Musiker selbst sind beeindruckt und bedanken sich regelmäßig bei Marc Weinstein für sein Engagement.
Auf der kleinen Bühne in der Mitte des Geschäftslokals finden oft spontane Record-Store-Gigs statt. Dann spielen die "ganz Großen" exklusive Konzerte für eine Hand voll Menschen, die maximal ein paar Tage davor von diesem besonderen Event - wenn überhaupt – erfahren. Und das nicht aus Zeitungen, sondern über Social-Media-Plattformen. So kann es passieren, dass man beim zufälligen Stöbern nach neuen Schätzen in den Genuss eines ganz besonderen Konzerts kommt: Elvis Costello, John Cale, PJ Harvey, Nancy Sinatra und Sir Paul McCartney haben bei Amoeba bereits aufgegeigt. Für Marc Weinstein unvergessliche Erlebnisse:
"Das Paul-McCartney-Konzert war wahrscheinlich der schönste Tag in meinem Leben. Eine Woche vor dem geplanten Termin hat er mich gefragt, ob er bei Amoeba Music spielen kann. Und er hat mich gefragt! Vor lauter Rührung sind mir das ganze Konzert über Tränen über die Wangen gelaufen. Das war ein wirklich legendärer Tag!" Bei diesem Konzert ist eine Aufnahme entstanden: "Amoeba's Secret" nennt sich die Platte, die als Limited Edition erschienen ist.
Die letzte Bastion der Plattenläden
Marc Weinstein kann sich erfolgreich als Marktführer einer Nische behaupten. Er weiß, welche Chancen der Melting Pot Los Angeles für die hiesige Musikszene und seinen Laden bietet:
"L. A. ist eine Stadt, die Menschen aus der ganzen Welt anzieht. Wir haben hier große Communities aus Thailand, aus Armenien und aus Russland. Sie kamen von überall her und sie haben auch ihre Musik mitgebracht. Irgendwann landen die Platten bei uns, manchmal hunderte auf einem Schlag! Und plötzlich haben wir im Laden Berge an russischer Popmusik. Wo findet man das sonst in Amerika? Nirgends! Deshalb kommen die Menschen zu uns: Weil sie bei uns Sachen finden, die sie vorher noch nie gesehen haben!"
