Otto Neurath

Der Philosoph, Nationalökonom, Wissenschaftstheoretiker, Arbeiter- und Volksbildner Otto Neurath ist kein Unbekannter. Als eine seiner wichtigsten Erfindungen gilt die Bildstatistik, die wir bis heute in Ausstellungen und Lehrbüchern benützen.

Neuraths Weiterentwicklung des Piktogramms zur "Isotype" findet sich in Leitsystemen aller Art. Und natürlich geht eine der berühmtesten Metaphern zeitgenössischer Philosophie auf Neurath zurück: Es ist ein Bild für wissenschaftliche Erkenntnis auf rein empirischer Basis, die ohne sogenannte metaphysische Grundlagen auszukommen habe. Das Bild-Gleichnis geht folgendermaßen:

Säkularisiertes jüdische Elternhaus

Dass es trotz zahlreicher Einzeluntersuchungen und trotz des prominenten Umfeldes im roten Wien bisher keine wirklich umfassende Biografie von Otto Neurath gab, mag merkwürdig erscheinen - mit der "politischen Biografie" des Wiener Historikers Günther Sandner ist diese Lücke ein für alle Mal geschlossen.

Sandner geht minutiös vor: Am Anfang stehen eine Skizze von Wien um 1900 und der untergehenden Habsburgerwelt und das säkularisierte jüdische Elternhaus, in dem der 1882 geborene Neurath lebenslangen auch wissenschaftlich prägenden Einfluss erfährt - der Vater ist Nationalökonom. Auf die Gymnasien im 3. Bezirk und in Döbling folgen Vorlesungen in Mathematik und Philosophie an der Uni Wien, dann das Studium der Nationalökonomie samt Promotion in Berlin.

Otto Neurath ist frühreif und frech: Er korrespondiert forsch mit der schwedischen Autorin und Reformerin Ellen Key, erlaubt sich einen Ausflug in die Literaturwissenschaft mit einer Arbeit zu "Faust". Die beiden wichtigsten Weichenstellungen in der Folge sind die Bekanntschaft und spätere Ehe mit der Frauenrechtlerin Anna Schapire, mit der er 1910 ein "Lesebuch der Volkswirtschaftslehre" herausgibt, sowie die Begegnung mit Mathematikern und Physikern wie Hans Hahn und Phillip Frank; eine Konstellation, aus der sich später der sogenannte Wiener Kreis bildet.

Die "Kriegswirtschaftslehre"

Bildungshunger und universeller Wissendurst werden Otto Neurath von seiner ganzen Umgebung attestiert, seinen geradezu ausufernden Gestus beschrieb die Architektin Margarethe Schüttte-Lihotzky, mit der ihn vermutlich auch eine Liebschaft verband, folgendermaßen:

Nach einjährig-freiwilligem Militärdienst unterrichtet Neurath an der Neuen Wiener Handelsakademie von 1907 bis 1914 Politische Ökonomie - von Studienreisen in die Balkankriege der Jahre 1912/1913 bringt er die ersten Ansätze seiner "Kriegswirtschaftslehre" mit nach Hause, die sein ganzes späteres Denken durchzieht. Deren Grundansatz: Während des Krieges wird die Ökonomie eines Landes nicht mehr durch die Profitinteressen privater Unternehmer dominiert, stattdessen wird größtmögliche Produktivität erzwungen. Darin finden sich auch die Grundlagen einer umfassenden "Sozialisierung" - spricht einer Verstaatlichung oder Vergesellschaftung der Produktionsmittel.

Kriegswirtschaft und Friedenspolitik

Während des Ersten Weltkrieges vertieft Neurath seine Einsichten zuerst als Wirtschaftsreferent im Verpflegungswesen, später als Leiter der Gruppe Heereswirtschaft der k.-k.-Armee. Neurath, der soeben noch Vorträge vor österreichischen Generälen hielt, wird zum Leiter des Kriegswirtschaftsmuseums in Leipzig und befasst sich mit der wissenschaftlichen Erforschung von Kriegswirtschaft und Friedenspolitik.

Das aus seiner Sicht wissenschaftliche Berater-Engagement in der kurzfristigen bayerischen Räterepublik führt zu einer Anklage wegen Hochverrats und zu einer 18-monatigen Haftstrafe. Aufgrund der Intervention der mit Neurath befreundeten Sozialdemokraten Karl Renner und Otto Bauer wird Neurath vorzeitig freigelassen.

Günther Sandner dröselte die komplizierten "innermarxistischen" Diskussionen von Neuraths Wirtschaftslehrer jener Jahre, was da von der Naturalwirtschaft bis zum Gildenwesen von Belang ist, sorgfältig auf; und er unterschlägt auch die bedeutsamen Gegenstimmen, etwa jene des Soziologen Max Weber, nicht. Weber notiert etwa 1919 zu Neurath:

Entwicklung der Bildstatistik

Als "Kathederstreithengst ... mit einer sprengenden Energie" charakterisierte der Schriftsteller Robert Musil den Vorsitzende des Wiener Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen Neurath im Jahr 1920. Die aus Kriegsnot geborene Institution, die sich ursprünglich mit den "Brettldörfern" der armen Leute am Stadtrand von Wien befasste, war nicht nur ein Vorläufer der bis heute mustergültigen Vorgangsweise des Roten Wien in Sachen kommunaler Wohnbau, für den Netzwerker Otto Neurath war es der Schritt zu jenem universellen Museumskonzept, das heute den Namen "Österreichisches Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum" trägt. "Museum" bedeutete für Neurath nicht "Auswirkung der Vergangenheit", sondern "Vorstufe der Zukunft".

In diese Zeit fällt die Entwicklung der Bildstatistik - Neurath umgibt sich mit einem ganzen Stab von Kartographen, Soziologen, Statistikern und Grafikern - dazu gehört auch seine Geliebte und spätere dritte Ehefrau Maria Reidemeister. Das Konzept, komplexe soziale Entwicklungen und Zusammenhänge, Fragen der Wirtschaft oder der Hygiene auf einfache bildliche Weise darzustellen, findet internationales Interesse von Chicago bis Moskau. Die klassenkämpferische Idee dahinter, in der Freizeit - in einem Museum - das nachzuholen, was Bürgerkinder durch Elternhaus und Schule mitbekommen haben, rasche Orientierung in ökonomischen und sozialen Fragen für die Werktätigen zu schaffen - Günther Sandner beschreibt diese Idee folgendermaßen:

Energiebündel

Otto Neuraths Umtriebigkeit schien keine Grenzen zu kennen: Er arbeitet mit den Architekten von Werkbund und Bauhaus zusammen, 1933 reist er zum Kongress von Athen, in dem die Grundlagen der modernen Architektur manifest-artig niedergeschrieben festgelegt wurden; im Kreis der Philosophen Moritz Schlick und Rudolf Carnap diskutiert er die Grundlagen des "logischen Empirismus", in Moskau beteiligt er sich am Aufbau eines Institutes für Bildstatistik.

Dort erfährt er am 12. Februar 1934 auch vom Ausbruch des österreichischen Bürgerkrieges - Neurath beschließt, nicht mehr nach Wien zurückzugehen und setzt seine Arbeit in Den Haag an der "International Foundation for Visual Education" fort. Es folgen Reisen nach Mexiko und in die USA, das monumentale Projekt für eine "Enzyklopädie der Einheitswissenschaften", 1940 schließlich die Flucht nach England vor den Nazis. Als er in England als sogenannter "feindlicher Ausländer" interniert wird, beginnt er sogleich mit der soziologischen Beschreibung des Lagerlebens. An einen Freund schreibt er sarkastisch: "I was always interested in british prison life, and had paid some pounds for such an experience - now I got it gratis."

Utopist und Projektemacher

Neuraths Arbeitseifer ist auch während des Zweiten Weltkrieges ungebrochen: Er unterrichtet in Oxford, arbeitet mit dem Dokumentarfilmer Paul Rotha zusammen und engagiert sich für sozialdemokratischen Städtebau. Allein die Reflexion der gerade zurückliegenden nationalsozialistischen Barbarei fällt mit der Idee, das "deutsche Klima" sei dafür verantwortlich, einigermaßen obskur aus. Unter "deutschem Klima" verstand Neurath eine Kombination aus deutschem Geniekult und kategorischem Imperativ.

Weniger abwegig sind die Überlegungen zur seiner Spielart des Sozialismus, die er kurz vor seinem überraschenden Tod im Dezember 1945 an den befreundeten Josef Frank notiert. Zu einem der zentralen Probleme des 20. Jahrhunderts, wie sich die Freiheit des Einzelnen zu einer zentral geplanten Wirtschaft verhält, resümierte er lakonisch selbstkritisch: "Ich gestehe, dass hier besondere Schwierigkeiten bestehen."

Günther Sandners "politische Biografie" entfaltet nicht nur eine unprätentiöse und dichte Lebens- und Werkbeschreibung des Utopisten und Projektemachers Otto Neurath, sie lebt auch ganz aus dem Geist ihres Gegenstandes. Das Buch ist aufklärerisch, reflexiv und enzyklopädisch. Kurz gesagt: Es geht dabei um ein selbstbestimmtes, soziales und glückliches diesseitiges Leben.

Service

Günther Sandner, "Otto Neurath. Eine politische Biografie", Zsolnay Verlag

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