Bibelkommentar zu Johannes 14, 1 - 12

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Jesus fordert in dem heutigen Evangelientext Exklusivität. Eine, an der es anscheinend nichts zu rütteln gibt und die keine Kompromisse zulässt.

Jesus schließt scheinbar alle aus, die ihm nicht auf seinem Weg folgen. Der Autor dieses wahrscheinlich um das Jahr 100 verfassten Textes ist jüdischer Herkunft, der Jesus als Messias, als Christus bekennt. Und er spiegelt den Konflikt zwischen Christentum und Judentum, wie er sich eben gegen Ende des 1. Jahrhunderts abgezeichnet hat.

Der nicht zuletzt bei Johannes geschilderten Exklusivität Jesu Christi steht freilich ein anderer Absolutheitsanspruch gegenüber: der der Auserwähltheit des jüdischen Volkes.
Kompromisse zwischen dem christlichen und dem jüdischen Prinzip der Ausschließlichkeit scheinen kaum möglich – und in der Überzeugung, nur der jeweils eigene Weg führe zum Vater, verhöhnten Juden über Jahrhunderte Jesus - und Christen bekämpften die Juden.

Als Christ meine ich, wer den Satz „Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ als Legitimation für religiöse Intoleranz liest, der lässt es an Demut vor dem Einzigen fehlen, der so etwas sagen darf: Jesus von Nazareth, dem Sohn Gottes, der als Jude geboren wurde, als Jude gelebt hat und als Jude am Kreuz gestorben ist.

Durch diesen jüdischen Jesus, durch die Befolgung seiner Botschaft, kommen also Christinnen und Christen zum Vater. Zu jenem Gott der Schöpfung, der sich Juden und Jüdinnen als sein Volk auserwählt hat. Dieses Auserwählt-Sein ist es, dessentwegen die Juden – zwar nicht der Einzelne, aber die Gesamtheit des Volkes – nicht zum Vater kommen müssen, weil sie eben schon bei ihm sind. So sieht es der jüdische Religionsphilosoph Franz Rosenzweig. Juden und Jüdinnen, sie sind und bleiben „Gottes erste Liebe“, sagt der österreichische Historiker Friedrich Heer.

Am kommenden Samstag tritt Papst Franziskus seine erste Reise ins Heilige Land an. Er wird die christlichen heiligen Stätten besuchen und neben den Vertretern aller in Jerusalem versammelten Kirchen auch gläubige Juden treffen. Bei der Begegnung mit den Rabbinern wird erneut die Frage nach dem Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum thematisiert werden.

Jede neue Beziehung braucht Bestätigung und tatsächlich ist das vorurteilsfreie Verhältnis zwischen den beiden Religionen relativ neu. Erst 1965 hat die Kirche mit der Konzilserklärung Nostra Aetate ihrem jahrhundertelangen Judenhass abgeschworen. Den Staat Israel hat der Vatikan überhaupt erst 1994, 46 Jahre nach dessen Gründung, diplomatisch anerkannt.

Trotz der gegenseitigen offiziellen Wertschätzung gibt es immer noch Vorfälle, die das Misstrauen jüdischer Menschen gegenüber der Kirche schüren. Bei einer meiner Reiseleitungen in Israel zeigte sich kürzlich ein Priester, der die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem besuchte, darüber erstaunt, dass man der Shoa „ein ganzes Museum“ widmet. Und eine österreichische Diözesanwallfahrt nahm Yad Vashem erst gar nicht ins Programm, weil das Gedenken an die jüdischen Opfer eine „israelische Angelegenheit“ sei. Das sind zwar nur zwei Beispiele, sie aber machen deutlich, wie schwach das Bewusstsein für die christliche Mitverantwortung am Judenmord ausgeprägt ist. Dabei hat christlicher Antijudaismus bereits eine lange Tradition. „Die Munition für Hitler“, schreibt Friedrich Heer, „lag schon lange bereit.“

Die Verleugnung der eigenen Herkunft ist freilich nicht neu. Bereits der Apostel Paulus musste die Gemeinde in Rom ermahnen: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“

Die Nähe zu Jesus, dem Juden, sollte also klar machen: Christlicher Antijudaismus richtet sich nicht nur gegen das Volk Israel, sondern auch gegen Christinnen und Christen selbst. Das wird auch die Botschaft des Papstes in Israel sein.