"Entführung des Michel Houellebecq" angelaufen

Am 30. Mai fand im Wiener Künstlerhauskino die Österreich-Premiere des Films "Die Entführung des Michel Houellebecq" statt. Der Streifen über den exzentrischen französischen Literaturstar hatte bei der letzten Berlinale viel Aufsehen erregt.

Morgenjournal, 31.5.2014

Im Herbst 2011 sollte Michel Houellebecq auf einer Lesereise für seinen Roman „Karte und Gebiet“ werben, für den er den begehrten Prix Goncourt bekommen hatte. Doch auf einmal verschwand er spurlos. Die wildesten Gerüchte, bis hin zu einer Entführung durch Al Kaida - wegen seiner Islam-feindlichen Äußerungen - wurden kolportiert. Bis heute ist nicht geklärt, wo er in dieser Zeit war.

Nun hat der französische Regisseur Guillaume Nicloux eine Doku-Fiktion herausgebracht, in der der Autor sich selbst als Opfer dreier skurriler Entführer spielt, mit denen er schließlich in einem Häuschen an einem Schrottplatz am Land eine eigentlich angenehme Zeit verbringt. Er raucht und trinkt viel, man diskutiert über Literatur und Politik, und genießt die Küche der Mutter eines der naiv-freundlichen Entführer. Hin und wieder bekommt Houellebecq den Besuch einer jungen Prostituierten, er wird in einen Kampfsport eingeführt und lernt pfeifen.

Regisseur Guillaume Nicloux: "Ich wollte einen Film machen, der Michel so zeigte, wie ich ihn erlebe: beim Essen, beim Zeitvertreib. Diese Persönlichkeit wollte ich zeigen, die ganz anders ist, als das öffentliche Bild, das man von ihm hat." Das Bild eines Zynikers und Provokateurs nämlich. Und so lernt man eine zerbrechlich wirkenden, berührend melancholischen aber vor allem auch umwerfend komischen Michel Houellebecq kennen.

Gedreht wurde mit meistens vier Kameras, Themen wurden vorgegeben, und sonst wurde den Akteuren freie Hand gelassen. "Sie könne sich vorstellen, dass die Mahlzeiten, die im Film zehn Minuten dauern, in Wirklichkeit zwei bis drei Stunden dauerten, also eigene Filme waren, und so musste man manchmal ziemlich drastisch auswählen", so Regisseur Guillaume Nicloux. "Das passiert aber nicht während der Dreharbeiten: Da gibt es zwar die Kameras, aber man lebt und vergisst sie schnell, und man vergisst das Spiel, man befindet sich in etwas Konkretem.“

Michel Houellebecq konnte sich danach an vieles nicht mehr genau erinnern, sagte er, auch in Szenen ohne Alkoholexzesse wisse er nicht mehr, was er von sich gegeben habe. Als er den Film gesehen hat, meint Guillaume Nicloux, war es für Houellebecq am Anfang wie ein Uppercut, eine Ohrfeige, doch schließlich sei er sehr zufrieden und stolz darauf, und das sei das Wichtigste.

Nachsatz: Houellebecq sollte zur Premiere nach Wien kommen, doch das Auto, das ihn in Paris zum Flughafen bringen sollte, wartete vergeblich. Passt eigentlich perfekt zur Promotion eines Doku-Fiktionsfilmes über eine Entführung nach einem realen Verschwinden des Autors? Doch Guillaume Nicloux winkt ab:

"Ich war der erste, der überrascht und enttäuscht war. Aber es stimmt, dass das dem Film entspricht. Und als ich aus dem Flugzeug stieg und ihn nicht sah, war mein erster Gedanke, dass er entführt worden war, und das noch dazu in einem Flugzeug!“ Fortsetzung folgt...

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