Unterwerfung

Wie stark darf, wie stark soll Literatur in der Politik mitmischen? Können ein Roman, ein Gedicht, eine Geschichte die reale Welt verändern? Michel Houellebecqs neues Buch "Unterwerfung" hat diese Debatte neu entfacht.

Dass dem Paris Literaturprofessor die Liebe nicht mehr möglich ist, verwundert aufgrund seiner zahlreichen periodischen Eskapaden mit Studentinnen und nachdem ihm seine Freundin Myriam abhandenkam, nicht weiter. Aber - soll er deshalb Selbstmord begehen? Die Krise hat diesmal einen tieferen Grund, mag sie auch durchaus konventionell existenzialistisch, um nicht zu sagen geradezu katholisch anmuten: Houellebecq schlägt den Tonfall christlicher Bekenntnis-, Erbauungs- und Konversionsliteratur an.

Tatsächlich wäre Michel Houellebecq flaues Romankonstruk, eigentlich eine Art literarischer Großessay über wertkonservative europäische Denker, versetzt mit erzählerischen Momenten und ein bisschen Sex und Porno, auch nur von marginaler Bedeutung, hätte es im Jänner 2015 nicht die tragischen Pariser Terroranschläge mit islamistischem Hintergrund gegeben. Die Verkehrung der idealistisch-romantischen Frage "Leben die Bücher bald? " scheinen dem Buch hingegen Aktualität zu verleihen, die es so einfach nicht besitzt. Mehr als ein Lamento über den Untergang des Abendlandes ist "Unterwerfung" mit seiner fiktiven Machtübernahme durch gemäßigte Islamisten im Paris der Jahre 2017 und 2022 nicht.

Michel Houellebecq wollte mit "Unterwerfung" in guter alter Avantgardemanier dem öffentlichen Geschmack ganz offensichtlich wieder einmal eine schallende Ohrfeige verpassen. Politisch Korrektheit war für ihn ohnedies immer nur eine Lächerlichkeit auf der Müllhalde westlicher Konsumgesellschaften. Dass Gesellschaften keine Verteilungskämpfe, sondern Kriege nur über metaphysische Werte führen, wie es einmal heißt, ist allerdings nicht viel mehr als eine Halbwahrheit für Halbstarke und Spätpubertierende. Houellebecq Botschaft, wenn es denn eine ist, lautet in etwa: Neue Männer braucht das Land. Dass er zum Beweis dafür von Adam und Eva bis zur Maria Muttergottes alles Mögliche und Abwegige aus der Rumpelkammer europäischer Geistesgeschichte herankarrt, um es in seinem kleinen Sextheater neu zu plazieren, beweist die Bildung des Verfassers , nicht mehr. Aber, mag der Autor feixend einwenden, ein Schriftsteller ist ja gar nicht zu mehr verpflichtet. Nun: Das darf bezweifelt werden.

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Michel Houellebecq, "Unterwerfung", Roman, aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek, DuMont Verlag