Crossmediales Projekt "#kunstjagd"

Vor rund drei Jahren sorgte der Fall Gurlitt für Schlagzeilen und weckte das öffentliche Bewusstsein dafür, dass der Verbleib etlicher Kunstwerke, die in der NS-Zeit geraubt wurden, heute unbekannt ist. Das crossmediale Projekt "#kunstjagd" verfolgt nun die Spur eines Gemäldes, das seit der Flucht seiner jüdischen Besitzer aus München 1938 verschollen ist.

  • Historisches Foto eines Ehepaars

    Paula Engelbert rettete ihren Mann aus dem KZ Dachau.

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  • Alter Mann

    Edward Engelbert, der Sohn von Paula und Jakob Engelbert in seiner New Yorker Wohnung vor dem Geschwistergemälde des nun gesuchten Bildes.

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  • Alter Mann

    Edward Engelbert war bei der Flucht 1938 neun Jahre alt: "Dieses Bild hat unser Leben gerettet."

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  • Frauenporträt

    "Unsere Mona Lisa" nennen die Engelberts das verbliebene Gemälde des heute weitgehend vergessenen Otto Theodor Stein. Es zeigt eine Frau im Halbprofil mit einem aufgeschlagenen Buch auf dem Schoß. Das zweite Bild sah äußerst ähnlich aus: Dasselbe Motiv, dieselbe Größe, bloß etwas brauner im Teint.

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Morgenjournal, 21.5.2015

Ab heute begibt sich ein junges Journalistenkollektiv namens "Follow the Money" auf die Suche durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Über die sozialen Medien kann man seinen Weg mitverfolgen und sogar Hinweise geben, und auch der ORF beteiligt sich an dem Projekt.

Am 10. November 1938, am Tag nach der Reichspogromnacht, stand die Gestapo vor der Tür der Familie Engelberg und verschleppte Jakob Engelberg ins KZ Dachau. Sein Sohn Edward, heute 87 Jahre alt, erinnert sich noch gut an die schrecklichen Minuten. Seine Mutter Paula setzte bald alles daran, ihren Mann aus der KZ-Haft zu befreien. "Wir brauchten ein Einreisevisum für die Schweiz", erzählt Edward, "und hier kommt das Gemälde ins Spiel: Meine Mutter nahm das Bild aus dem Rahmen, rollte es zusammen und verließ das Haus. Als sie zurückkam, hatten sie die Visa für uns."

zeichnung

Es ist kein Hämmern an der Wohnungstür, eher ein sachliches Klopfen, das die Kindheit von Edward Engelberg beendet. Unmittelbar nach den Novemberpogromen 1938 wird sein Vater, Jakob Engelberg, von der Gestapo verhaftet. Mit Graphic-Novel-Elementen wie diesem erzählen Follow The Money ebenfalls ihre Geschichte.

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Fortsetzungskrimi mit preisgekrönten Journalisten

Die Visa führten tatsächlich zur Entlassung von Jakob Engelberg - die Familie floh in die Schweiz und von dort schließlich in die USA, wo Edward bis heute lebt. Das Gemälde, ein Frauenporträt des heute fast vergessenen Künstlers Otto Stein, habe ihnen das Leben gerettet, sagt er. Doch was ist mit dem Bild passiert? Um das herauszufinden, inszeniert das deutsche Journalistenteam "Follow the Money" einen multimedialen Fortsetzungskrimi, der heute in München startet.

Ausgefallene Recherche ist das Markenzeichen der mehrfach preisgekrönten Journalistengruppe: Erst letztes Jahr hat sie Schrottfernseher mit GPS-Sendern ausgestattet und so deren illegalen Export nach Westafrika mitverfolgt. Die "Kunstjagd" ist nun ein crossmediales Projekt über drei Länder, an dem sich auch der ORF beteiligt: In ORF ON und oe1.ORF.at etwa können sich Interessierte schon heute und ab dann wöchentlich über den neuesten Stand der Dinge informieren.

Social Media stehen im Zentrum

Facebook und Twitter bilden zusätzlich Diskussionsforen, und noch näher dran ist man mit dem Kurznachrichtendienst WhatsApp: Hier kann mit den vier Reportern in Echtzeit kommunizieren und auch sachdienliche Hinweise liefern. Das wirkt wie eine neue Version des Fernsehklassikers "Aktenzeichen XY...ungelöst" - ein Format, dem man allerdings bald vorwarf, zur Menschenjagd anzustacheln.

Bei der "Kunstjagd" verfolge man einen anderen Ansatz, versichert Marcus Pfeil: "Wir wollen keinen neuen Restitutionsfall schaffen; die Familie möchte das Bild nicht zurück. Wir laden nicht zum Denunziantentum ein. Wenn jemand einen Hinweis für uns hat, ist er herzlich eingeladen, Teil dieser Geschichte zu werden, aber keiner muss Angst haben, dass wir ihm das Bild wegnehmen." Auch gegen unerwünschte Postings oder Shitstorms in den sozialen Medien sei man gerüstet, sagt Pfeil.

Sechs bis acht Wochen soll die Suche dauern; ob das Gemälde am Ende auftaucht, ist freilich völlig offen. Und selbst wenn nicht, hofft Pfeil, wird es zumindest eine spannende Reise mit interessanten Begegnungen.

Service

kunstjagd ist eine Koprodruktion von Follow the Money und Gebrüder Beetz. Medienpartner: BR, SRF und ORF, Deutschlandradio Kultur, Süddeutsche Zeitung, Rheinische Post und Der Standard.

Die Kunstjagd

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Im Wochentakt werden ab 21. Mai die Ergebnisse der Recherchen von Follow The Money als Podcast veröffentlicht.

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