Italien setzt auf Qualitätstourismus

Italien sagt dem Massentourismus den Kampf an. Kulturminister Dario Franceschini will in Zukunft hochwertigen Tourismus fördern und kleine, weniger bekannte Kulturschätze Italiens stärker ins Rampenlicht rücken. Kritik kommt vom Verband der Kulturschaffenden, die beklagen, dass es dafür noch viel zu wenig Konzepte, stattdessen aber viel zu viel Bürokratie gibt.

Italienische Flagge spiegelt sich in einer Wasserlache

APA/EPA/ETTORE FERRARI

Morgenjournal, 15.7.2015

Aus Rom,

Rom - Venedig - Florenz. Dass die Mehrzahl der kunst- und kulturinteressierten Touristen nur diese drei weltbekannten Kulturstätten Italiens besucht und sich nur ein kleiner Teil weiter in den Süden wagt, ist Kulturminister Dario Franceschini schon länger ein Dorn im Auge:

"Wir müssen zugleich an zwei Dingen arbeiten: ein nachhaltiges Tourismusmodell schaffen, das nicht nur auf die vier oder fünf großen Kulturzentren Italiens ausgerichtet ist. Es geht darum, den Besuchern die Schönheit Italiens zu zeigen, die überall zu finden ist. Und es müssen Investitionen her, um Touristen nach Italien zu locken, die Schönheit und Qualität zu schätzen wissen - und nicht solche, die nur kurzfristig konsumieren und für uns keine Bereicherung sind."

Weniger bekannte Kulturschätze fördern

Als Chance für einen qualitativ hochwertigen Tourismus nennt der Minister weniger bekannte Kulturschätze in Süditalien wie den barocken Königspalast von Caserta nördlich von Neapel, die steinzeitlichen Höhlensiedlungen von Matera in der Region Basilikata oder die antiken Bronzestatuen von Riace in Kalabrien.

Historische Bahnstrecke & Pilgerweg

Damit sich dieses Kulturangebot besser erschließen lässt, wolle sich die Regierung um die Förderung einer 800 Kilometer langen, historischen Bahnstrecke bemühen, so Franceschini. Außerdem sei ein Pilgerweg bis ins süditalienische Apulien geplant, der in Hinblick auf das von Papst Franziskus ausgerufene Heilige Jahr mit dem Jakobsweg in Spanien konkurrieren soll.

"Keine Investitionen in zeitgenössische Kunst"

Roberto Grossi vom Verband der Kulturschaffenden Italiens ist das aber noch zu wenig: "Wir riskieren immer noch, zu sehr auf die Vergangenheit zu blicken. Ein Land, das sich selbst ins Schaufenster stellt. Es gibt praktisch keine Investitionen in zeitgenössische Kunst und kein Vertrauen in die junge Generation. Wir haben viele verlassene Kulturstätten, ohne Leitung, ohne technische Innovationen. Die könnten Jugendlichen oder jungen Vereinen anvertraut werden."

Im Ranking gesunken

Tatsächlich hat das weltweite Interesse am Kultur- und Urlaubsland stark nachgelassen. Vor fünfundzwanzig Jahren noch auf dem ersten Platz, ist Italien in der Gunst der Touristen auf den fünften Platz zurück gefallen. Grund dafür sei vor allem die fehlende Organisation, so Grossi:

"Wir verwalten einzigartige europäische Kulturschätze wie das Piccolo Teatro in Mailand oder das römische Auditorium Parco della Musica. Der Gesetzgeber muss sie aber von den Lasten der Bürokratie befreien. Erst dann kann Italien im internationalen Wettbewerb bestehen. Die Kultur muss den Menschen näher gebracht werden, dann kann sie auch zu einem wichtigen wirtschaftlichen Faktor werden, wie das in Frankreich und Deutschland der Fall ist."

Interesse an Kultur steigt

Nach jahrelanger Flaute scheint jetzt zumindest das Interesse der Italiener an ihrem eigenen Kulturangebot wieder zu wachsen: Laut den neuesten Daten des Kulturministeriums sind in den ersten drei Monaten dieses Jahres wieder mehr Karten für Kino, Konzerte und Museen sowie Bücher und E-Books verkauft worden.

Service

Reggia di Caserta - Der Palast
UNESCO - The Sassi and the Park of the Rupestrian Churches of Matera

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