Ö1 Hörspiel
E T T Y: Nach den Tagebüchern von Etty Hillesum
Etty Hillesum war eine niederländische Jüdin, die 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde. Nachdem sie 1941 Julius Spier kennengelernt hatte, der sowohl psychoanalytisch, als auch körpertherapeutisch arbeitete, begann sie auf dessen Empfehlung Tagebücher zu schreiben. Das Gesamtwerk ihrer Tagebucheinträge, Briefe und Schriften wurde erst 2023 auf Deutsch veröffentlicht. Elisabeth Weilenmann hat für Ö1 daraus eine zweiteilige Hörspielfassung komponiert.
22. Jänner 2026, 02:00
Der Frieden kann erst zu einem wirklichen Frieden werden, wenn zuerst jedes Individuum in sich selbst Frieden schließt und den Hass gegen die Mitmenschen, welcher Rasse oder welchen Volkes auch immer, in sich ausrottet, besiegt und in etwas verwandelt, das kein Hass mehr ist, vielleicht auf lange Sicht sogar in Liebe.
Diese Zeilen schreibt die niederländische Jüdin Etty Hillesum am 20. Juni 1942 in ihr Tagebuch. Es ist das neunte von elf Tagebuchheften. Zu schreiben begonnen hat sie gut 15 Monate zuvor, am 8. März 1941, nachdem sie einen Schüler C. G. Jungs, Julius Spier, kennengelernt hat. Er empfahl der 27-jährigen Studentin, Tagebuch zu schreiben.
Es entstehen mehr als 1.000 Seiten an Tagebüchern und Briefen, die 1983 in der Gesamtausgabe auf Niederländisch veröffentlicht wurden, die deutsche Gesamtausgabe folgte erst 2023. Etty Hillesum beschreibt darin ihre Kämpfe ("Lebensangst auf der ganzen Linie"), ihre Lebenslust ("Wir müssen dazu beitragen, den Liebesvorrat auf dieser Erde zu vergrößern"), ihre Suche nach körperlicher Verschmelzung ("All die Abenteuer und Affären haben mich im Grunde todunglücklich gemacht"), ihre Emanzipation ("Viele Menschen, vor allem Frauen, schöpfen ihre Kraft aus einem anderen Menschen statt direkt aus dem Leben"), ihre Auseinandersetzungen mit Gott und der Mystik ("Ich führe einen irrsinnigen, kindischen oder todernsten Dialog mit dem Allertiefsten in mir, das ich der Einfachheit halber Gott nenne"), die Verfolgung von Jüdinnen und Juden ("Man ist auf unsere völlige Vernichtung aus, damit muss man sich in seinem Leben abfinden und dann geht es wieder weiter").
Nach ihrer kurzen Arbeit im jüdischen Rat 1942, geht Etty Hillesum freiwillig in das Lager Westerbork, um den Kranken dort beizustehen. Überlebende des Lagers bezeichnen sie als "leuchtende Persönlichkeit", sie selbst schreibt: "Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein." Am 7. September 1943 wird Etty Hillesum gemeinsam mit ihren Eltern und ihren beiden Brüdern nach Auschwitz deportiert. Ihr Todesdatum legt das Rote Kreuz mit 30. November 1943 fest. Ihre Tagebücher hatte Etty Hillesum einer Freundin gegeben, mit der Bitte um Veröffentlichung.
"Es heißt seit Langem", so schreibt Sascha Feuchert in der "Zeit", "in Hillesums Werk sei eine Frau zu entdecken, die Ähnlichkeit habe mit der globalen Ikone Anne Frank, mit der sozialrevolutionären jüdischen Philosophin Simone Weil, mit der ursprünglich jüdischen, in Auschwitz ermordeten katholischen Nonne Edith Stein, und das trifft alles zu."
Ich habe Etty Hillesums Werk spät in meinem Leben kennen und schätzen gelernt. Und ich bin dankbar, dass ich ihre Schriften als Hörspiel in zwei Teilen bearbeiten und inszenieren durfte. Die deutsche Schauspielerin Lou Strenger übernimmt die Rolle der Etty Hillesum, Julius Spier wird von Roland Koch verkörpert, Johannes Silberschneider ist Etty Hillesums Vater, Sabine Muhar ihre Mutter. In weiteren Rollen hören Sie Julius Belá Dörner, Marlena Reinwald, Marie Theres Müller, Nils Arztmann, Tilman Tuppy und Markus Meyer.
Text: Elisabeth Weilenmann
Service
Bei C.H Beck ist das Buch "Ich will die Chronistin dieser Zeit werden", 2023 erschienen.
Ebenfalls bei C.H Beck erschien 2024 die Biografie über Etty Hillesum "Mit dem ganzen Herzen: Das furchtlose Leben der Etty Hillesum 1914-1943", von von Judith Koelemeijer (Autor), Simone Schroth (Übersetzer)
Weitere Bücher: Bei Rowohlt Taschenbuch erschien 1983 das Buch: "Das denkende Herz: Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941 - 1943"
