Timothy Snyder schreibt Geschichte neu
Black Earth
Der amerikanische Historiker Timothy Snyder, Professor an der Yale Universität, hat ein Buch veröffentlicht, in dem er darlegt, warum und wie man die europäische Geschichte der Dreißiger- und Vierzigerjahre neu bewerten soll. Es heißt auf Deutsch, wie im Original "Black Earth" - Schwarze Erde - und es löst bereits heftige Kontroversen unter Kollegen und in der Öffentlichkeit aus.
8. April 2017, 21:58
Kontext, 6.11.2015
Vor fünf Jahren hat Snyder in seinem Buch "Bloodlands" die europäische Region zwischen dem Baltikum und dem Schwarzen Meer als die weitaus gefährlichste, tödlichste jener Jahrzehnte beschrieben, eben als blutige Länder. Um das im Detail zu belegen, ist er die Materialien, Statistiken und Protokolle in etlichen Archiven durchgegangen.
Manche dieser Archive vor allem im ehemaligen Ostblock waren erst seit kurzem zugänglich gewesen, und außerdem hat der Historiker nach seinem Doktorat 1997 in Oxford mehrere Jahre lang Osteuropa bereist und die dortigen Sprachen gelernt.
Das alles ist ihm für "Black Earth" zugutegekommen. Im neuen Buch stützt er sich zum einen auf das genannte empirische Material, zum anderen auf Hitlers Schriften und was ihre Umsetzung in Politik und Kriege bedeutet hat.
Im einigermaßen überraschenden letzten Kapitel des Buches, das deswegen auch den Zusatztitel trägt "Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann" – im englischen Original schlicht "History and Warning". Snyder macht einen Schnitt. Er spricht über die Gegenwart und die Zukunft, und er schreibt, dass es wieder Problemlagen geben kann und in Ansätzen schon gibt, die gefährliche, aggressiv expansive Lösungen attraktiv erscheinen lassen.
Er nennt Länder wie China, die ein Ernährungsproblem haben, die expandieren wollen und nur noch ein Feindbild brauchen, um willkürlich vorgehen zu können. Er spricht von Wüstenbildung und Versteppung, die in Ländern wie Libyen, Syrien und dem Sudan Missernten und Hungersnöte ergeben haben, was wiederum zur Destabilisierung dieser Staaten mit den bekannten Folgen beigetragen hat.
Er nennt aber auch die Vereinigten Staaten, wo starke politische Kräfte das Problem der Klimaerwärmung einfach nicht wahrhaben wollen und politische Willkür an die Stelle von Wissenschaft setzen – eine Ignoranz, die ihn in Ansätzen durchaus an die Nazi-Ideologie denken lässt.
An all diesen Fronten stößt Snyder nicht nur auf Zustimmung. Jedenfalls aber sind seine Thesen und Schlussfolgerungen sehr bedenkenswert und, weil sie flüssig und geradezu spannend geschrieben sind, auch sehr gut lesbar.
Service
Timothy Snyder, "Black Earth", C.H. Beck
