Doku "Was wir nicht sehen"

In den vergangenen Jahren hat sich eine stille Revolution vollzogen: Drahtlose Technologie prägt in Form von Wireless Internet oder Handys unser Leben. Während viele den Fortschritt genießen, gibt es auch Personen, die unter der hochfrequenten Strahlung leiden. Die junge Filmemacherin Anna Katharina Wohlgenannt zeigt diese Betroffenen und ihren mühsamen Kampf.

Frau mit Kopfhörern

PLAN C FILMPRODUKTION

Kulturjournal, 10.2.2016

Eine Frau spaziert mit zwei umgerüsteten Tennisschlägern und großen Kopfhörern zwischen riesigen Strommasten in einem weitläufigen Ödland. Ihr Vorhaben: ein unsichtbares Phänomen zumindest hörbar zu machen. Die Frau heißt Christina Kubisch, ist Künstlerin und produziert akustische Übersetzungen von elektromagnetischen Feldern. Die daraus entstehende Kakophonie des technologischen Fortschritts wird zum verstörenden Soundtrack von "Was wir nicht sehen".

Sensibles Frühwarnsystem

Migräne, Schlaflosigkeit, Erschöpfung oder permanentes Ohrensausen gehören zu den Symptomen dessen, was die Medizin Elektrohypersensitivität (EHS) getauft hat. EHS bezeichnet das ganz konkrete körperliche und seelische Leiden unter hochfrequenten elektromagnetischen Wellen. In einer rasanten High-Tech Welt werden die Betroffenen zu Außenseitern und Aussätzigen gestempelt oder zu Spinnern erklärt. Oft ist die völlige Isolation die Folge der Diagnose. Die junge Regisseurin Anna Katharina Wohlgenannt will mit "Was wir nicht sehen" genau diesen Menschen eine Stimme geben. Dabei war der Zweifel ein ständiger Begleiter ihres Filmprojekts. Sogar in ihrem eigenen Team.

Es ist ein Leben im Käfig, das Wohlgenannt hier zeichnet. Da werden ganze Familienhäuser völlig umgerüstet und jedes einzelne Kabel speziell isoliert. Spazieren gehen wird zu einer verblassenden Erinnerung und schmucklose Kleidung mit eingenähten Silberfäden wird zur Ganzjahresuniform, die Strahlung abwenden soll.

Was die Protagonisten des Films verbindet, ist ihr unbedingter Wille zur Selbsthilfe, der Zwang zur Improvisation und die Kreativität mit der sie sich ihre Überlebens-Schneisen bahnen. Oft hilft nur der Weg ins Abseits. In Wälder etwa. Eine Protagonistin in Amerika haust dort ohne jegliche moderne Annehmlichkeiten in der Nähe eines Observatoriums, das keine unmittelbare Strahlung erlaubt - ein himmlischer Zustand für EHS-Betroffene. Von der Gemeinschaft hat sie sich verabschiedet.

Vernetzung breitet sich rasant aus

Eine Lösung ist nicht in Sicht, denn die aktuelle Entwicklung geht rasant in Richtung ständig intensivierter Vernetzung: Google und Facebook betreiben Planspiele, in denen sie mithilfe von Ballonen und Drohnen auch die entlegensten Winkel des Planeten mit drahtlosem Internet versorgen. Und das so genannte "Internet der Dinge", also die effiziente Online-Vernetzung von Alltagsanwendungen wie etwa dem heimischen Stromzähler, läutet bereits die nächste Wireless-Welle ein.

Für Anna Katharina Wohlgenannt geht es aber nicht nur darum, den Betroffenen eine Stimme zu geben, sie möchte Aufmerksamkeit für das Thema schaffen. Denn auf lange Sicht gesehen bedeute angenehme Technologie nicht zwingend auch angenehme gesundheitliche Folgen.

Dass der Film nur auf das Porträt von Betroffenen setzt und keine Mediziner oder Wissenschaftler zu Wort kommen, kann kritisiert werden, intensiviert aber die menschliche Dimension des Leidens. Wohlgenannt versteht ihre Protagonisten auch als eine Art Frühwarnsystem für eine Gesellschaft, die hemmungslos auf Fortschritt setzt und für unsichtbare Gefahren ein nur mäßig ausgebildetes Sensorium hat. „Was wir nicht sehen“ zeigt eine Gruppe von Technologieverlierern, die den eigenen Blick für eine als selbstverständlich hingenommene Technologie schärfen kann.