Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz

Die Geschichte eines Juden, der sich im ideologischen Labyrinth des Sowjetsystems verrennt, hat Ilja Ehrenburg 1928 im Roman "Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz" aufgeschrieben. Dieser konnte erst 1989 in Russland erscheinen. Die erste deutsche Übersetzung von Waldemar Jollos erschien ebenfalls 1928. Diese wurde nun neu aufgelegt.

Buchcover "Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz"

Die Andere Bibliothek

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Ilja Ehrenburg, "Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz", Roman, aus dem Russischen übersetzt von Waldemar Jollos, versehen mit einem Nachwort von Peter Hamm, Die Andere Bibliothek

Wer nicht mehr atmet, kann auch nicht mehr seufzen. Zu seufzen bedeutet im Umkehrschluss: am Leben zu sein. Mehr schlecht als recht. Das gilt jedenfalls für den Schneider Lasik Roitschwantz, den Titelhelden im Roman des russischen Schriftstellers Ilja Ehrenburg.

Der kleinwüchsige jüdische Schneider kommt aus Homel, der zweitgrößten Stadt Weißrusslands, nahe der Grenze zur Ukraine. Der Roman spielt in den 1920er Jahren. Homel war damals noch ein Zentrum jüdischen Lebens. Das war im Zarenreich beschwerlich und gefährlich gewesen. Viele Juden sympathisierten daher mit der bolschewistischen Revolution - deren Erfolg aber nicht die Bedrohungen für die Juden verringerte. Im Roman wählen sich die einen nun russisch klingende Namen, andere, wie der Schneider Roitschwantz, geben sich linientreu, indem sie ihr Heim mit politisch korrekten Bildern schmücken und sich bemühen die Phraseologie des neuen Regimes zu erlernen.

Doch alle Bemühungen des Protagonisten sich durchzulavieren werden von widrigen Umständen und menschlicher Gemeinheit zunichte gemacht. Eigennutz triumphiert auch im neuen System. Fenitschka, seine Geliebte, heiratet einen reichen Amtsträger, Nussja, seine Nachbarin heiratet ihn - doch nur um in sein Zimmer zu ziehen, sich einen Tag später scheiden zu lassen und Lasik rauszuschmeißen. Die Bürgerin Pukke, Parteimitglied erst seit Kurzem, denunziert Lasik. Er sei vor einer offiziellen Verlautbarung zum Tod eines Funktionärs in lautes Lachen ausgebrochen.

Aufsässiger Narr und ewiger Verlierer

Der Seufzer ist der Atem des Juden, "das jüdische Erkennungsmerkmal", wie ihn einer der Klassiker jiddischer Dichtung, Jizchok Leib Perez, nannte. Seufzer rechtzeitig zu unterdrücken, gelingt dem sympathischen Lasik meist nicht. Er ist unfähig zur Anpassung und macht den Irrwitz der Verhältnisse im nachrevolutionären Russland sichtbar. Allerdings wird er immer wieder Opfer dieser Verhältnisse. Dabei besitzt er Humor und Witz und Lebensklugheit. Sein Verhalten jedoch, wie auch die Zärtlichkeit seines Gemüts, provozieren. Er ist ein aufsässiger Narr und ewiger Verlierer. In Homel wird Lasik zum ersten Mal zu Gefängnishaft verurteilt. Und von da an überall wieder, nicht nur in Russland. Polen, Deutschland, Frankreich, England und am Ende Palästina sind Stationen einer Reise, die man eine fortwährende Flucht nennen könnte und die nur ein Ziel hat: Überleben.

Autor Ilja Ehrenburg war selbst ein Überlebenskünstler. Freund von Bucharin und Babel, Pasternak und Mandelstam. Ständig bedroht von der stalinistischen Säuberungspolitik und dem Terror der Tscheka, bemühte er sich, dem Diktator zu gefallen, und war doch kein lupenreiner Kommunist. Er lavierte zwischen Linientreue und eigenen ästhetischen Kriterien. Wie sein Anti-Held Lasik Roitschwantz lebte auch Ehrenburg inmitten eines historischen Wirbelsturms. Sein satirisches Talent entfaltet sich in Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz ebenso zündend wie die existenzielle Weisheit des osteuropäischen Judentums.

Auch sprachlich stoßen in dem Roman die Welten, die Lasik Roitschwantz durchquert, aufeinander. Jiddische Erzählkunst verbindet sich mit marxistischem Jargon, talmudischem Denken und Fabulierlust.