Erasmus-Jubiläum in Basel

Für Stefan Zweig war er der erste Europäer, der "erste streitbare Friedensfreund", der "beredteste Anwalt des humanistischen Ideals": Erasmus von Rotterdam, der berühmte Gelehrte des 16. Jahrhunderts. Vor 500 Jahren, 1516, legte Erasmus seine epochale Neuübersetzung des "Neuen Testaments" vor, die erste textkritische Edition der Menschheitsgeschichte. Ein Jubiläum, dessen in ganz Europa gedacht wird - vor allem aber in Basel, wo Erasmus die längste Zeit gelebt hat.

Kulturjournal, 31.8.2016

Service

Ausführlicher mit Erasmus von Rotterdam und seiner Zeit beschäftigt sich Günter Kaindlstorfer am 5. Oktober im "Salzburger Nachtstudio".

Literatur:
Christine Christ-von-Wedel, "Erasmus von Rotterdam - Ein Porträt", Schwabe-Verlag, Basel, 192 Seiten
Stefan Zweig, "Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam", Anaconda-Verlag, 192 Seiten

Historisches Museum Basel - Erasmus MMXVI
Basel Münster - Erasmus-Ausstellungen 2016

Als Erasmus von Rotterdam im Basler Münster im Juli 1536 zu Grabe getragen wurde, gab ihm die halbe Stadt die Ehre. Schließlich wurde da der berühmteste Gelehrte seiner Zeit zur letzten Ruhe gebettet, der "Fürst der Humanisten", ein hochgebildeter Mann, geachtet von Kaisern, Fürsten, Päpsten, Bischöfen und auch von vielen Reformationsanhängern. Erasmus’ Bücher - in anmutigem, von Klarheit und Frische durchdrungenem Latein geschrieben - waren zu ihrer Erscheinungszeit allesamt europäische Bestseller gewesen.

In Basel kam Erasmus von Rotterdam - der im Laufe seines Lebens halb Europa durchstreift hatte - zur Ruhe, zumindest zeitweise, wie Marcel Henry, Kurator am Historischen Museum der Stadt, feststellt: "Basel ist sicher eine wichtige Station, um nicht zu sagen: In seinem Leben war Basel jene Stadt, in der er die meisten Jahre verbracht hat, es waren über zehn Jahre, aber es ist nur eine Stadt in seinem Leben."

Interaktive Ausstellung

"Erasmus MMXVI" heißt eine interaktive Ausstellung im Historischen Museum Basel, die sich mit modernster Technologie auf die Spuren des großen Humanisten begibt. Mit Tablets werden die Besucherinnen und Besucher auf die Reise geschickt, um sich mittels "Virtual und Augmented Reality" ein möglichst plastisches Bild von Erasmus’ Leben und Werk zu machen. Kurator Marcel Henry setzt aber natürlich auch auf die handfesten realen Erasmus-Reliquien, die das Museum besitzt: "Hier sehen wir sein persönliches Tafelmesser, wir verfügen über seinen persönlichen Dolch, wir haben noch zwei Goldbecher, die in seinem Besitz waren. Es sind leider nur noch zwei, wir wissen aus den Testamenten, dass Erasmus über dreißig Gold- und Silberbecher besaß."

Gegner der Kirchenspaltung

Vor genau 500 Jahren - 1516 - erschien in Basel jene Schrift, die Erasmus von Rotterdam zu einem Wegbereiter revolutionärer Umwälzungen machte: seine Neu-Übersetzung des Neuen Testaments aus dem griechischen Original. Sie diente Reformatoren wie Luther und Zwingli als Grundlage für ihre umstürzlerische Neu-Interpretation des Christentums. Erasmus selbst aber - einer der Wegbereiter der Reformation - lehnte die Spaltung der Kirche in Papsttreue und Protestanten aus tiefster Überzeugung ab. Er fürchtete - zu Recht - jahrhundertelange Religionskriege. Zum Lager Luthers oder Zwinglis wollte er sich ebenso wenig bekennen wie zu einem theologisch rückwärtsgewandten, prunk- und machtversessenen Papsttum.

"Erasmus stand in seiner Zeit zwischen den Fronten. Er war institutionell immer auf der Seite von Rom, grundsätzlich, er war immer gegen eine Kirchenspaltung. Er war aber, was die Haltung gegenüber Rom betrifft, immer auf der Seite der Reformatoren; er wird immer auch Person genannt, die die Reformation begünstigt hat", sagt Marcel Henry.

Kompromisslos für den Frieden

Die Historikerin Christine Christ-von-Wedel hat im Basler Schwabe-Verlag - 1488 gegründet – soeben eine lesenswerte Erasmus-Monografie vorgelegt. Man könne Erasmus nur verstehen, meint Christ-von-Wedel, wenn man ihn als christlichen Philosophen und Schriftsteller sieht: "Erasmus stand für ein undogmatisches Christentum, und zwar für ein Christentum, das alles ableitete aus der Liebe Gottes zu den Menschen. Und daraus folgte dann die Liebe zum nächsten Menschen. Und aus dem hat er eine Gesellschaftstheorie entwickelt, wenn man so will, eine neue Pädagogik, die sehr kindgemäß und menschenfreundlich war, eine andere Politik, eine Politik, die auf Frieden und Mäßigung ausgerichtet war. Das war eigentlich das Grundsätzliche."

Marcel Henry: "Er setzt sich immer für den Frieden ein, das ist ihm eigentlich das Wichtigste. In jeder Situation steht der Friede über allem."

Zweig: "ein ungewöhnlich weiter Geist"

Da lag es durchaus nahe, dass sich der pazifistische Schriftsteller Stefan Zweig vier Jahrhunderte nach Erasmus’ Tod im Leben und Werk des großen Humanisten wiedererkannte. Stefan Zweig feierte den hochgelehrten Menschenfreund aus Basel in seinem wortgewaltigen Erasmus-Buch als "Praeceptor mundi", als "ersten bewussten Europäer", der sich durch die Ablehnung alles Extremen als wahrhaft menschenfreundlicher Denker bewährt habe. "Erasmus war ein ungewöhnlich weiter Geist", schreibt Stefan Zweig, "ein Freidenker im Sinne Voltaires und Lessings, ein vorbildlicher Versteher und Verständlichmacher, ein Aufklärer in des Wortes edelster Bedeutung."

So ähnlich sieht das auch der Kunsthistoriker Bodo Brinkmann. Er bereitet im Kunstmuseum Basel - als Beitrag zum Erasmus-Jahr - gerade eine Ausstellung über das "Christusbild des 15. und 16. Jahrhunderts" vor. Im Basler Kunstmuseum hängt ja auch das berühmte Holbein-Porträt, das den großen Erasmus im Profil mit Schreibfeder zeigt. Dass sich der bedeutende Humanist in der freien Reichsstadt Basel wohlgefühlt habe, sei kein Zufall, meint Bodo Brinkmann. "Es gab damals in Basel eine regelrechte Gelehrtenszene, die sich um die Drucker gruppierte. Wir haben leider kein Dokument, in dem sich Erasmus an Holbein wenden würde oder umgekehrt, aber möglicherweise wäre das gar nicht notwendig gewesen, weil man einfach von Tür zu Tür gehen und sich unterhalten konnte."

"Ich will und kann niemals einer Partei dienen"

"Ich liebe die Freiheit, ich will und kann niemals einer Partei dienen" - diese Worte hatte Erasmus dem rebellischen Mönch Martin Luther entgegengeschleudert, als der ihn aufgefordert hatte, öffentlich für die Sache der Protestanten einzutreten. Erasmus wollte nicht einsehen, dass man hunderttausende von Toten in Kauf nahm, nur weil man sich über die theologische Bedeutung der Gnadenhaftigkeit Gottes oder die genaue Zahl der Sakramente nicht einigen konnte.

Dieses unbedingte Eintreten für Gewaltlosigkeit - und gegen jeglichen Fanatismus - mache Erasmus modern, meint Bodo Brinkmann: "Es ist erstaunlich, wie sehr Erasmus aktuell wieder in unsere Zeit passt - mit seinem Bemühen um Frieden. Dafür steht er kompromisslos: Es muss Friede herrschen. Man muss sich verständigen, man muss miteinander reden. Sein Ein und Alles ist der Dialog. Und wenn Sie sich die aktuelle Weltlage und die Bemühungen der Diplomatie gerade gegenwärtig anschauen, zwischen scheinbar völlig unvereinbaren Positionen zu vermitteln, dann ist das etwas, das erstaunlich aktuell wieder geworden ist in letzter Zeit."