Kunsthalle Wien: Wovon lebt die Poesie?

"Mehr als nur Worte (Über das Poetische)" ist der Titel einer Ausstellung, die gestern Abend in der Kunsthalle Wien eröffnet wurde. Poesie - also alles, was jenseits semantischer Eindeutigkeit liegt, steht im Focus dieser Schau: in Filmen, Fotografien, Skulpturen, Installationen und Performances.

Installationsansicht: Mehr als nur Worte [Über das Poetische], Kunsthalle Wien

STEPHAN WYCKOFF

Mittagsjournal, 8.3.2017

Das, was zwischen den Worten liegt

Dass Sprache mehr sein kann als Worte und das Wort mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Buchstaben, zeigt eine originelle Arbeit von John Baldessari aus dem Jahr 1972: Man sieht in einem Film, wie er versucht, einer Zimmerpflanze das Alphabet beizubringen. Er hält ihr Tafeln mit einzelnen Buchstaben hin und obwohl die kleine Pflanze wenig lernfähig zu sein scheint, wiederholt er unermüdlich insistierend: tttttttttt oder uuuuuuuuuu.

Gleich daneben in einem dunklen Raum hat die Künstlerin Elisabetta Benassi zwei alte Morselampen von diagonal gegenüber gestellt, die einander Gedichte aufsagen. Eine andere Art von poetischer Sprache hat der Italienische Künstler Bruno Monari in den markanten Handbewegungen von Italienern in den Straßen Neapels entdeckt. Hier hängen ihre Handzeichen als Fotoserie aus den 1950er Jahren. Aus derselben Zeit gleich daneben vier Collagen von Gerhard Rühm, einem der Begründer der Wiener Schule. Wie die Kuratorin der Schau, Vanessa Joan Müller meint, erlebt die Poesie heute unter jungen Menschen ein Revival.

Widerstandspotential der Poesie und ihr Revival

"Poetische Sprache ist die einzige Sprache, die sich der Ökonomisierung widersetzt. Wenn man sich Google Translation ansieht, wo alles über Algorithmen funktioniert, dann scheitert die Übersetzung von Poesie auf hohem Niveau. Alles was Poesie ausmacht: die Zwischentöne, Klangfarbe, Metaphern fliegen raus. Und deshalb interessiert sich eine jüngere Generation von Künstlerinnen und Künstlern wieder sehr für Poesie als etwas, was noch ein gewissen Widerstandspotential hat", so die Kuratorin.

Das beste Beispiel dafür: der deutsche Olaf Nicolai, der mit einer poetischen Soundinstallation im Juni zur documenta in Kassel eingeladen ist. Er ist in der Kunsthallenschau präsent mit schwarzweiß Postern, auf denen riesige sternförmige Kekse zu sehen sind. Davor steht ein Teller voller frischer Kekse in derselben Form. Schon den französischen Philosophen Georges Bataille hat ein solcher Keks zum Nachdenken angeregt, wie Olaf Nicolai erklärt.

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Vom Sterneessen und Lärm in der Kunsthalle

"Vielleicht stellt man sich vor: was wäre, wenn ich die Sterne essen könnte? Da spielt natürlich das Unendliche, der Himmel eine große Rolle. Und natürlich die Idee, ob der Sterneesser wirklich glaubt, dass die Sterne so klein werden, dass man sie in der Hand halten kann oder ob man sich wünscht so groß zu werden wie das Universum. Etwas, was viel mit Poesie zu tun hat: Was wäre wenn …?"

Zur großen Freude der Ausstellungsbesucher werden auch sie zum Sterneessen verführt, indem man ihnen Kekse anbietet. Sie dürfen sich groß oder klein fühlen, ganz wie es ihrer Persönlichkeit entspricht. Getrübt wird dieser zugleich poetische und kulinarische Genuss nur durch die intensive Beschallung von diversen Kunstwerken rundherum. Obwohl die unterschiedlichen Sounds manchmal sogar zu einem Rhythmus zusammenfinden - dieser meist chaotische Lärm behindert das Einlassen auf zarte Poesie ganz gewaltig. Auch die mit Klebstreifen lieblos hingepickten Saaltexte zeugen von einem recht eigenwilligen Verständnis von Poesie.

Service

Kunsthalle Wien – Mehr als nur Worte (Über das Poetische)
3. März bis 7. Mai 2017

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