Rainer Rosenberg

ORF/JOSEPH SCHIMMER

ORF-Erfolge bei den Dr.-Karl-Renner-Publizistikpreisen 2017

Am 19. Dezember wurden im Wiener Rathaus die renommierten, vom Österreichischen Journalistenclub verliehenen Dr.-Karl-Renner-Publizistikpreise vergeben. Für den ORF gab es Auszeichnungen in den Kategorien Fernsehen, Radio, Online, sowie den Preis für das Lebenswerk in Person des Ö1 Sendungsmachers Rainer Rosenberg.

Radio, Online und Fernsehen

Für ihre Themensendung Silicon Valley wurden die Ö1 Kolleg/innen Christine Scheucher und Peter Waldenberger in der Kategorie "Radio" für die beste Sendung des vergangenen Jahres ausgezeichnet. Laudatorin Susanne Ayoub hob die bravouröse Leistung der beiden hervor, ein komplexes Thema in EINE Sendung zu verpacken. Ö1 wiederholt diese nun prämierte Sendung zum Auftakt der "Greatest Hits" am 30. Dezember.

In der Kategorie "Online" wurde die ebenfalls im Wiener Funkhaus ansässige Redaktion des ORF Teletextes ausgezeichnet. Was im Jänner 1980 als mehr als bescheidenes Versuchsprogramm mit wenigen Seiten für ebenso wenige Zuseher/innen begann, hat sich - dem Aufstieg der Internet zum Trotz - bis heute mit mehr als zwei Millionen User/innen pro Monat, das entspricht einer Reichweite von 27 Prozent - als überaus erfolgreiches Informationsangebot des ORF bewährt.

In der Kategorie Fernsehen wurde Nina Horowitz für eine "Schauplatz"-Doku zum Thema "Müll" ausgezeichnet, der Print-Preis ging an Nina Strasser von "News". Der Solidaritätspreis wurde dem in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel und der kürzlich dort enthafteten Mesale Tolu zugesprochen.

Ein fleißiger Anarchist

Den Preis für sein Lebenswerk erhielt der langjährige Ö1 Sendungsgestalter und Sendungsverantwortliche Rainer Rosenberg. Von der legendären "Ö3 Musicbox", den Jugendsendungen "X-Large" und "Zickzack" über "Radio Nachbar in Not" und "Ö1 Campus" bis zu "help", "Moment", "Rudi", den "Menschenbildern" und zuletzt "Punkt eins" spannt sich dieses in der Tat beeindruckende Lebenswerk. Es ist das Werk eines ebenso kreativen wie disziplinierten Medienmachers, dessen anarchisches Wesen ihn nicht daran gehindert habe, Chef zu sein, wie Helmut Kletzander in seiner Laudatio hervorhob.

Rainer Rosenberg

Rainer Rosenberg "on air"

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Von "blinden Flecken", öffentlichen Dialogen und demokratischer Öffentlichkeit

Fast alle, die ich kenne, die mit einem "Lebenswerkpreis" ausgezeichnet werden, haben dazu ambivalente Gefühle. Nach mehr als 40 Jahren Radioarbeit lässt sich so ein Preis aber jedenfalls mit großer Freude annehmen. Besonders, wenn man, wie ich als Teil des Teams der Minibox vor genau 40 Jahren den "Förderungspreis" des Rennerpreises erhielt.
Lebenswerk - soll ich sagen "Ich werke, also lebe ich"? Oder umgekehrt "Ich lebe, also werke ich"?

Lassen wir einmal das "ich" weg, kommen wir zum Radio und seinen Hörerinnen und Hörern, denen seit so vielen Jahrzehnten meine Zuwendung gilt. Das Radio ist ja wohl die am meisten dialogische Form im Journalismus, denn Abseits der Recherche findet praktisch jede Informationsvermittlung im fallweise imaginären meist jedoch realen Dialog statt.

Beobachtungen führen zu Fragestellungen, Fragestellungen führen zu Antworten, Antworten zu weiteren Fragen und Schlussfolgerungen; Schlussfolgerungen von Journalisten und Journalistinnen, und von Hörerinnen und Hörern.

Zuhören können zwar Hundertausende und doch ist es immer nur eine einzelne konkrete Person, die zuhört, reagiert und ihre Schlüsse zieht. Und diese einzelnen Menschen, die gemeinsam "Öffentlichkeit" bilden, verdienen, dass ihnen der Journalismus ausreichendes Material zu einer realistischen Einschätzung der Welt bietet.

Um die vielen Realitäten einzelner Menschen darzustellen, und weil Journalismus nicht nur einen Markt von Meinungen zu bedienen hat, sondern der Demokratie dienlich sein muss, gibt es öffentlich rechtliche Medien, wie den ORF, die BBC oder die gerade vor einer Existenzfrage stehende SRG. Diese Einrichtungen geben Menschen wie mir die Möglichkeit und sie verpflichten uns auch, so zu arbeiten, dass die Öffentlichkeit imstande ist, die Informationen aufzugreifen, die für eine Demokratie die Basis bilden: Bedingung dafür sind: Auseinandersetzung, Kritik, Neugierde, Wahrhaftigkeit, Einschätzung von Relevanz, Diskurs, eine Kommunikation, die nicht interessengeleitet ist sondern aufklärerisch.

Zu diesem Prozess gehört auch die Weiterentwicklung von Redaktionen: so wie ich einmal begonnen habe journalistisch zu arbeiten und bei aller interner Konkurrenz unterstützt wurde, sind im Lauf der Jahre viele, viele Kolleg/innen gekommen, die ich bei ihrem weiteren journalistischen Weg unterstützen konnte, da habe ich viele namentliche Gründe stolz zu sein - und ich möchte festhalten, dass ein offener Zugang zu Medien von gesellschaftlicher Bedeutung und eine wesentliche Bedingung für freien Journalismus ist. Qualifikation ist notwendig, rein formale Zugangskriterien und Tests vor dem Start in den Journalismus reichen bei weitem nicht aus.

Ich würde jetzt gerne den einen oder anderen Scherz einstreuen, wenn das Publikum bei Dankesworten nicht lacht, hat man ja eigentlich verloren, aber mir ist - wenn ich die Zeiten meiner journalistischen Arbeit vergleiche - nur beschränkt nach Scherzen zumute.

Nehmen wir nur mein Beispiel: den Renner Förderungspreis erhielt ich mit meinen Kolleg/innen für eine Jugendsendereihe, die sich speziell um Berichterstattung aus der Arbeitswelt gekümmert hat, der Bereich in dem so viele acht und mehr Stunden verbringen, ist nach 40 Jahren nach wie vor ein blinder Fleck journalistischer Berichterstattung geblieben, und vom "Durchfluten aller Lebensbereiche mit Demokratie" ist gerade hier wenig zu bemerken. Das gilt gerade in einer Zeit, in der jeder Bericht Aktienkurse beeinflussen kann, und in der sich die PR-Abteilungen der Firmen um möglichst intensive Kontrolle dessen bemühen, was nach außen dringt. Das geht vom Industriekonzern zum Fußballverein, von der Schule bis zum Medienunternehmen.

In Zeiten der freiwilligen Veröffentlichung fast jeder Intimsphäre bleibt die Arbeitswelt Tabu, und Medienkonsumenten fragen sich nach Indikatoren, an denen sie erkennen können, wer jetzt in welchem Zusammenhang mit wem gemeinsame Sache macht, um im Zusammenspiel z.B. von Politik oder Wirtschaft und Medien Interessen durchzusetzen, die nichts zu tun haben mit den vorher genannten Punkten: Auseinandersetzung, Kritik, Neugierde, Wahrhaftigkeit, Einschätzung von Relevanz, Diskurs, einer Kommunikation, die nicht interessengeleitet ist, sondern aufklärerisch - und ja - an den Menschenrechten orientiert ist.

Ich bleibe bei der Behauptung, dass das dialogische Medium Radio hier seine großen bleibenden Chancen hat: durch die Medienvielfalt ist Radio nicht mehr so Propaganda-anfällig wie in seiner Gründungszeit, es ist ein sehr einfach zu lernendes Medium und hat dadurch hohes demokratisches Potenzial. Menschen treten persönlich auf und ihre Stimmen müssen sich dabei von der ersten Sekunde an einer Authentizitätsprüfung unterziehen, Radio kann live sein, dialogisch, muss Fakten in erzählten Geschichten vermitteln, und ist immer ergänzungsbedürftig - schon allein deshalb, weil die Zuhörenden selbst die Bilder zur Erzählung kreieren. Es unterscheidet sich in diesen Punkten massiv von Print, Fernsehen und den sozialen Medien im Internet - ich bin davon überzeugt, dies ist eine Überlebensgarantie für journalistisches, erzählendes Radio unabhängig vom Ausspielweg, den es benützen wird.

Viele sagen, ein Programm wie Österreich 1 sei für sie so etwas wie eine Universität, und ich kann dem nur zustimmen, muss aber anfügen, dass ich da gleichermaßen Student und Vortragender bin. Meine wichtigsten Lehrenden sind die tausenden Gesprächspartner, die ich am Wege meines journalistischen "Lebenswerkes" getroffen habe, bei Ihnen und meinen Kollegen und Kolleginnen möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken.