Parlament, Wien

ARCHITEKTURZENTRUM WIEN, SAMMLUNG/FOTO: MARGHERITA SPILUTTINI

Parlament, Wien

Das österreichische Parlament wurde von 1874 bis 1884 für den Reichsrat der Monarchie Österreich-Ungarn gebaut.

Ein Tempel für die Demokratie

Sonja Bettel

Architekt Theophil Hansen orientierte sich stilistisch an der griechischen Antike aufgrund seiner Vorliebe für die klassische griechische Baukunst und als Verweis auf die Ursprünge der Demokratie.

Er verwendete Materialien aus allen Kronländern der Monarchie, die das Zusammenströmen aller Kräfte versinnbildlichen sollte. Auch die Gewaltenteilung sollte räumlich abgebildet werden: im linken Gebäudeteil war das Herrenhaus (der spätere Nationalratssaal) untergebracht, im rechten das Abgeordnetenhaus.

Nach dem Ende der Monarchie 1918 wurde das Gebäude zum Parlamentsgebäude der Ersten Republik.

Fassade des Parlamentsgebäudes

Blick auf die Fassade des Parlamentsgebäudes von der Ringstraßenseite.

PARLAMENTSDIREKTION/PETER KORRAK

Am 4. März 1933 kam es im Nationalrat aufgrund einer Abstimmung zu einem Streit über die Geschäftsordnung, in dessen Folge alle drei Nationalratspräsidenten – Karl Renner (Sozialdemokratische Arbeiterpartei), Rudolf Ramek (Christlichsoziale) und Sepp Straffner (Großdeutsche) – zurücktraten. Eine Fortsetzung der Sitzung elf Tage später wurde von der Regierung unter Polizeieinsatz verhindert und die parlamentarische Demokratie damit beendet.

Säulenhalle

Säulenhalle

PARLAMENTSDIREKTION/MIKE RANZ

Das Parlamentsgebäude wurde in "Haus der Bundesgesetzgebung, Sitz des Bundestags" umbenannt. Die Bundesgesetzgebung diente nur als formales Gesetzgebungsorgan des austrofaschistischen Ständestaates. Mit dem sogenannten "Anschluss" im März 1938 übernimmt Gauleiter Josef Bürckel das Gebäude. 1940 folgt ihm Baldur von Schirach nach, der das Parlamentsgebäude zum "Gauhaus" der Stadt Wien erklärt, also zum Sitz der NSDAP.

Dafür wurde das Gebäude erstaunlich wenig umgestaltet, sagt die Historikerin Verena Pawlowsky, die gemeinsam mit Bertrand Perz und Ina Markova im Auftrag des Parlaments die Geschichte des Gebäudes zwischen 1933 und 1956 untersucht hat. Im Inneren wurden Gemälde und Statuen von österreichischen Politikern entfernt und die Säle umgestaltet, um dort Appelle veranstalten zu können oder Büros einzurichten. Auf den Fahnenmasten wurden die Embleme der Diktatur angebracht.

Holzvertäfelung, Adler

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Im Februar 1945 wurde das Parlamentsgebäude zwei Mal durch Bomben der Alliierten getroffen, dabei wurde die Säulenhalle schwer beschädigt und der Herrenhaussitzungssaal zerstört. Das Mobiliar von Theophil Hansen war zum Ende des Krieges zum Großteil verschwunden.

Am 29. April 1945, nur etwa zwei Wochen nachdem die Rote Armee den Kampf um Wien gewonnen hatte, traf sich die provisorische Regierung unter Karl Renner im Rathaus und marschierte gemeinsam ins Parlamentsgebäude, um es symbolisch wieder zu übernehmen. Überall lag noch Schutt und teilweise fehlte das Dach.

Bassena im Parlament

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Karl Renner gab in seiner kurzen Rede im erhalten gebliebenen Abgeordnetensaal ein Versprechen: "Und so grüßen wir in tiefster Erschütterung dich, altehrwürdiges Haus der Volksvertretung, mit dem Gelöbnis, diese Ruinenstätte zu säubern und zu entsühnen und wiederum zum herrlichen griechischen Tempel der Freiheit neu einzuweihen."

Aufgrund der Materialknappheit nach dem Krieg und der Bürokratie der Besatzungszeit dauerte es jedoch bis 1956, bis das Parlament unter der Leitung der Architekten Max Fellerer und Eugen Wörle wieder hergestellt werden konnte.

Der damals neu gebaute Nationalratssaal wird nun im Zuge der Generalsanierung des Parlamentsgebäudes neu und barrierefrei gestaltet.

Service

Am 1.10.2018 erscheint das Buch zur Studie:
Bertrand Perz, Verena Pawlowsky, Ina Markova, Parlamentsdirektion (Hg.), Inbesitznahmen. Das Parlamentsgebäude in Wien 1933-1956.
Residenz Verlag 2018

Sanierung des Parlamentsgebäudes

Gestaltung

  • Sonja Bettel

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