Sesselreihe bei Klartext, Reservierungsschilder

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Die große Streit-Lust

Talkshows sind beliebt - bei TV-Sendern wegen der geringen Produktionskosten, beim Publikum wegen der wilden Debatten, und bei Gästen wegen der großen Reichweite. Doch sie stehen auch in der Kritik.

"Haben Sie schon mal erlebt, dass jemand während einer Talkshow seine Meinung geändert hat?" Mit dieser Frage wird der deutsche Schriftsteller und Moderator Roger Willemsen zitiert. Talkshows, so lautet zumindest die Kritik, sind gar nicht für eine konstruktive, lösungsorientierte und ehrliche Debatte gemacht. Ganz im Gegenteil: Es geht um die Show und das Abklopfen erwartbarer Antworten, von den immer gleichen – meist männlichen – Experten.

Provokation für die Quote

Zu dieser prinzipiellen Kritik am TV-Format Diskussion kommt in Zeiten von aufgeheizten Debatten im Netz ein neuer Aspekt: Der Trend zu Provokation und immer schriller werdenden Themensetzungen. Das jüngste Beispiel des Grenzen-Überschreitens liefert die Radio-Talkshow "Dienstagsdirekt" des öffentlich-rechtlichen MDR Sachsen. Die Frage der Diskussion zum Thema Political Correctness lautete Mitte April: "Darf man heute noch Neger sagen?" Ein antirassistischer Shitstorm war die Folge. Der Sender zog die Notbremse und sagte den Talk ab. Zuvor gab es freilich reichlich Häme im Netz, auch von den Kollegen des Satiremagazins "Extra 3".


Hauptsache, es kracht

Sachsen ist jenes deutsche Bundesland, wo die rechtspopulistische AfD bei der Bundestagswahl 2017 stärkste Kraft vor der CDU geworden ist. Zur abgesagten Radio-Show eingeladen war auch Frauke Petry, die ehemalige AfD-Chefin. Sie und ihre Ex-Parteikollegen sind auch gern gesehene Gäste in österreichischen Talkshows. Denn auch hier gibt es den Trend zur Provokation, sei es durch die Themensetzung oder die Gästeauswahl. Hauptsache kontroversiell und extrem.

Etwa bei "Talk im Hangar 7". Seit 2016 moderiert dort der Ex-Presse-Chefredakteur und heutige Addendum-Herausgeber Michael Fleischhacker wöchentlich. Fleischhacker setzt mit Servus TV stark auf das Migrationsthema, das seit 2015 unbestritten eine der wichtigsten Fragen der Zeit ist.

Worüber in Talkshows gesprochen wird

Um herauszufinden, worüber in den drei wichtigsten österreichischen Talkshows - "Im Zentrum" auf ORF 2, "Pro und Contra" auf Puls4 und "Talk im Hangar 7" auf Servus TV - gesprochen wird, hat sich #doublecheck die Diskussionsthemen angesehen. Insgesamt waren es 144 Sendungen. Die #doublecheck-Auswertung zeigt: Am häufigsten wurde im Wahljahr 2017 über das Koalitions-Aus, Koalitionsmöglichkeiten und Parteipolitik gesprochen. Der zweitbeliebteste Themenblock ist Migration, Integration und Asyl.

Claudia Reiterer

Claudia Reiterer

ORF/THOMAS RAMSTORFER

Bei Servus TV ist diese Reihenfolge umgekehrt. Dort ging es mit Fragen wie "Muslime in Österreich: Woran scheitert die Integration?" oder "Vorwurf Asylindustrie: Wer profitiert von Flüchtlingen?" am häufigsten um Integrations- und Asylthemen. Servus-TV-Moderator Fleischhacker ist zufrieden mit dem Fokus seiner Sendung, die von der Quo Vadis Stiftung produziert wird: "Wenn es drängendere Themen gibt als die Migrationsthematik, würde mich das wahnsinnig interessieren, wenn mir jemand das erklären kann, welche das sind." Über zugespitzte Titel lasse sich freilich streiten, so Fleischhacker.

Michael Fleischhacker

Michael Fleischhacker

SERVUSTV/NEUMAYR/LEO

Randfiguren im Rampenlicht

Bei "Talk im Hangar" dürfen auch Vertreter von Randpositionen mitreden. "Weil wir nicht wieder den mild-linken Mainstream abbilden wollen", sagt Fleischhacker. Ende 2016 war etwa der Chef der als rechtsextrem eingestuften Identitären Bewegung, Martin Sellner, eingeladen. Drei Gäste sagten deshalb ab, Sellner nahm teil.
Fleischhacker verteidigt seine Gäste-Auswahl. Viele würden nicht wahrhaben wollen, "dass viele der Positionen, die die Identitären vertreten, relativ weit in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Like it or not".

Diskutieren ohne Holzhammer

Corinna Milborn, Infochefin und Moderatorin von "Pro und Contra" bei Puls4, hält das Migrationsthema ebenso für ein ganz zentrales. Darüber müsse man reden, aber anders. Bei ihr gehe es nicht um den "Clash oder Schaukampf", sagt Milborn, sondern darum, zu zeigen, dass es "innerhalb der Communities verschiedene Zugänge gibt – liberale, konservative, fundamentalistische. Das halte ich eigentlich für interessanter in diesen Diskussionen." Und das komme auch gut an, so Milborn. "Es ist nicht so, dass man den Holzhammer braucht, um Interesse zu wecken. Vielleicht ist es sogar umgekehrt."

Die Message-Control im Talk-Studio

Die Versuchung, das Aufregerthema zu spielen, ist natürlich groß. Beispiel Kopftücher: Mit der Ankündigung, das Kleidungsstück in Kindergärten zu verbieten, hat die Regierung in der ersten April-Woche abermals versucht, ein Thema vorzugeben. Und am Sonntag darauf war es dann auch der Diskussionsgegenstand bei "Im Zentrum" auf ORF2. Der Talk hat schlechte Kritiken bekommen. Moderatorin Claudia Reiterer war im Krankenstand und daher nicht eingebunden, doch sie meint generell: "Die Message Control darf einen nicht beeinflussen."

Weniger Zusagen, öfter Absagen

Einfluss und Kontrolle, das geht aber auch anders, etwa durch Abwesenheit. Die Zusagen werden weniger, die Absagen kurzfristiger, schildert Reiterer. Ein leidvolles Thema für die Redaktion von "Im Zentrum", die jede Woche darum kämpft, Verantwortungsträger in die Sendung zu bekommen. "Es macht mir Sorge, ob hier die Verantwortlichen glauben, unter Umständen dem ORF zu schaden." Es schade aber dem Diskurs, der nicht stattfinde. Die Regierung sei der halben Million Menschen, die "Im Zentrum" sehen, verpflichtet, meint Reiterer.

Auch Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) macht sich in renommierten politischen Formaten rar – zum Beispiel auch im Ö1 Klartext. Dafür taucht der Kanzler dann völlig überraschend in dem neuen Talk "Brennpunkt" der "Kronen Zeitung" auf. Es moderiert Katia Wagner, die als streitbare Besitzerin eines Beauty-Salons in Wien berühmt geworden ist und jetzt bei der "Krone" als Kolumnistin arbeitet.

Zwei Print-Seiten als Deal

Im Vergleich zu den etablierten Talks hat "Brennpunkt" ohne TV-Sender im Hintergrund eine geringere Reichweite - wären da nicht die Tageszeitung und die sehr erfolgreiche Online-Seite der "Krone", die am Tag danach den Talk und die Gäste groß platzieren. "Die Politiker wissen, dass die paar tausend Menschen, die das vielleicht linear sehen, egal sind. Aber der Deal ist wohl, dass dann auch eine ganze Seite in der Zeitung darüber erscheint. Und das ist dann Reichweite", so die Einschätzung von Michael Fleischhacker. Und tatsächlich: einen solchen "Deal" hat der Chefredakteur der Online-"Krone" noch während des Livestreams auf Twitter verlautbart.


Die Regierung forciert solche Kanäle schon länger, neben der "Krone" gehen sie auch zu Wolfgang Fellners oe24.TV, der ebenfalls mit Rundumberichterstattung im Netz und in seinem Gratisblatt lockt. Eben erst war auch SPÖ-Chef Christian Kern wieder bei Fellner, dem Kern im Wahlkampf nach ins Persönliche gehenden Veröffentlichungen den Krieg erklärt hatte.

Heinz-Christian Strache, Corinna Milborn und Sebastian Kurz

Heinz-Christian Strache, Corinna Milborn und Sebastian Kurz

APA/HERBERT NEUBAUER

Solo-Auftritt für den Kanzler

Für Corinna Milborn ist das neue Angebot an Talkformaten kein Problem, zu Puls4 seien die Spitzen der Regierung immer noch gekommen. Kein Wunder, dort kriegen sie eigene Sendungen: Bei der "Puls 4 Arena" haben Kanzler und Vizekanzler jeweils die volle Sendezeit, um die Arbeit der Regierung zu erläutern, Betroffene aus dem Publikum stellen Fragen.

Der ORF hat so etwas nur einmal gewagt. Noch auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Jahr 2016 durfte der damalige Kanzler Werner Faymann (SPÖ) seine Linie zur Migration erklären. Der Soloauftritt wurde heiß diskutiert. Der damalige ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner sprach in der ZIB2, wo er gerade seine zwölf Live-Minuten gehabt hatte, sogar von "Bestellfernsehen".

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