James Baldwin

ULLSTEIN - ROGER-VIOLLET/JEAN-PIERRE COUDERC

"Von dieser Welt" von James Baldwin

Das sprachgewaltige Debüt des afroamerikanischen Autors liegt in einer Neuübersetzung vor.

In der Geschichte von John Grimes zeichnet James Baldwin die Bruchlinien einer Familie nach, die eine afroamerikanische Christengemeinde im New Yorker Stadtteil Harlem der zwanziger Jahre zu ihrer Heimat erklärt hat. Der Debütroman des Autors ist 1953 unter dem Titel "Go tell it on the Mountain" erschienen und hat autobiografische Züge.

Wie John war auch der 1924 in New York geborene James Baldwin ein uneheliches Kind, auch seine Mutter hatte einen Reverend geheiratet, und der junge James musste sich ebenfalls um seine jüngeren Halbgeschwister kümmern. Das Leben und Schreiben dieses Autors ist ebenso wie das von John Grimes vom schmerzlichen Bewusstsein geprägt, schwarz zu sein in einer Welt der Weißen.

Familienbande

Die beiden Söhne des Predigers Gabriel und seiner Frau Elizabeth sind ungleiche Brüder. Anders als der draufgängerische Roy, der jüngere von beiden, sucht der 14-jährige John die Liebe und Achtung des Vaters durch vorbildliches Verhalten zu erringen und geht dabei doch immer leer aus.

Im Verlauf des Romans entknotet James Baldwin die Vorgeschichte des zerrütteten Familiensystems und erzählt die Lebensgeschichten der Mutter, Elizabeth, sowie des ebenso frommen wie gewalttätigen Vaters Gabriel und der rebellischen Tante, Gabriels Schwester Florence. In mehrfachen Verästelungen wird ihr Weg vom Süden in den Norden der Vereinigten Staaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts nachgezeichnet. Dabei werden Familiengeheimnisse gelüftet, von denen John nichts ahnt.

Furcht und Frömmigkeit

Die Geschichte von John Grimes und aller mit ihm verbundenen handelnden Figuren ist eine Geschichte von Selbstwert und Selbstachtung, und sie handelt von den Fallstricken der sich über Generationen tief eingeprägten Opfererfahrung eines sozialen Kollektivs, in denen man sich hoffnungslos verheddert. In einer unergründlichen Nebelwolke scheint Gott über diesem Buch zu schweben, es ist aber eine Gotteserfahrung, deren Unerbittlichkeit im Licht und deren Barmherzigkeit im Schatten der kollektiven Erinnerung zu stehen scheint.

Buchcover "Von dieser Welt"

dtv

Diese Volksfrömmigkeit hat die Gottesfurcht verinnerlicht, wobei die Betonung auf "Furcht" liegt. Das Heilsversprechen gilt, wie auch in anderen streng gläubigen Christengemeinden, für jene, die das Kollektiv nicht verlassen und den Verlockungen der verführerischen Außenwelt zu widerstehen vermögen. Verworfen ist, wer der Gottlosigkeit in der Welt da draußen erliegt: der lasziven Musik des Blues, dem Alkohol, der Begierde des Körpers. Dabei ruht die Religions- und Traditionsgebundenheit auf den Säulen einer patriarchalen Herrschaft.

Baldwin ist ein feiner und kritischer Beobachter der menschlichen Seele: Die durch die Weißen erlittene Schmach der Unterdrückung wird gnadenlos an Schwächere weitergegeben, an die Frauen und Kinder. Die Frauen in diesem Buch fügen sich, überwiegend jedenfalls, in Gehorsam und ergeben sich der Frömmigkeit.

Ein Stilist erster Güte

James Baldwin beschreibt die religiöse Erfahrung des ihm vertrauten sozialen Milieus aus der Erfahrung seiner Herkunft. Sein Roman ist eine Art Labyrinth, in dem man sich auf der Suche nach Gott hoffnungslos verirrt. Gott bleibt ungreifbar und ungewiss, und Baldwins Meisterschaft der sprachlichen Gestaltung mag diese Ungewissheit trefflich in Worte und Bilder zu fassen.

Sprachgewaltig packt er das Diffuse und Ungenaue in Visionen des religiösen Empfindens, mit dramaturgischem Feingefühl flicht er die Erzählung in unterschiedlichen Handlungssträngen weiter, um die Doppelmoral auf mehreren Ebenen auf den Punkt zu bringen. Dieses Buch wirft Fragen auf, Fragen an und über Gott, die nicht beantwortet werden können. Nur eine Annäherung ist möglich, und die ist ebenso vage und offen wie der Schluss und Johns weiteres Schicksal.

Mit dem Blick auf die eigene Community hat James Baldwin den vordersten Rang der Weltliteratur erobert. Er hat die Widersprüchlichkeiten des menschlichen Lebens an einem Ort sichtbar gemacht, wo sie ebenso zu Hause sind wie auf der ganzen Welt.

Service

James Baldwin, "Von dieser Welt", aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow, dtv Verlag
Originaltitel: "Go tell it on the Mountain"

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