Naomi Watts

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Filmkolumne

Wenn sich zwei streiten ... Filmfestivalpolitik 2018

Seit Mittwoch laufen die 75. Filmfestspiele von Venedig mit dem Wettbewerb um den Goldenen Löwen. Das Festival am Lido ist das älteste Filmfestival der Welt und die Reaktionen über das heurige Programm fielen so euphorisch aus, wie schon lange nicht. Was - wenn man genau hinschaut - auch daran liegt, dass Venedig heuer von einem Streit zwischen dem Festival von Cannes und dem Streaminganbieter Netflix profitiert hat.

Kulturjournal | 31 08 2018

Benno Feichter

Cannes kann nicht

Laut Gesetz dürfen Filme in Frankreich online erst 36 Monate - also drei Jahre - nach einem regulären Kinostart freigeschaltet werden. Nun will aber Netflix zum einen nicht drei Jahre darauf warten, die eigenen Produktionen der eigenen Klientel zu präsentieren, sondern verzichtet andererseits - im Gegensatz etwa zu Amazon Studios - auch weitgehend auf Kinostarts.

Das Festival von Cannes hat daraufhin die Statuten geändert und Netflix aus dem Wettbewerb ausgeladen, mit der Konsequenz, dass sich Netflix selbst komplett aus Cannes zurückzog und auch jene Filme aus dem Programm nahm, die außerhalb des Wettbewerbs laufen hätten sollen. Das entfachte eine Grundsatzdiskussion über die Liebe zum Kino und zur großen Leinwand, über Traditionspflege und Realitätsverweigerung auf einem sich wandelnden Filmmarkt.

Vanessa Redgrave und Alberto Barbera

Vanessa Redgrave und Alberto Barbera

AFP/FILIPPO MONTEFORTE

Ein lachender Alberto Barbera

"Es finden sich heuer viele große Autoren im Programm, die teils zum ersten Mal nach Venedig kommen", konnte sich Alberto Barbera, Festivaldirektor in Venedig, bei der Programmpräsentation einen trockenen Seitenhieb auf die Konkurrenz nicht verkneifen. Autoren die sonst Stammgäste auf anderen Festivals, wie etwa jenem von Cannes, gewesen seien.

Oscar-Preisträger Alfonso Quaron etwa, dessen Film "Roma" eigentlich schon in Cannes hätte laufen sollen. Oder der neue Film von Paul Greengrass. Beides Netflixproduktionen, wie auch jener der Coen Brüder - alle laufen sie jetzt im Wettbewerb um den goldenen Löwen. Insgesamt sind es sogar sechs Netflix-Produktionen (Rekord!), die sich heuer in den medialen Scheinwerfern am Lido sonnen. Darunter auch der letzte, nie vollendete, und jetzt von Netflix fertig gestellte "The Other Side of the Wind“ von Orson Welles. Eigentlich sollte dieses unvollendete Kapitel der Filmgeschichte ja in Cannes präsentiert werden, jetzt läuft es in Venedig.

Jeff Goldblum

Jeff Goldblum in Venedig

AFP/VINCENTO PINTO

O sole mio - Gelassenheit am Lido

Cannes war heuer mit dem Vorwurf konfrontiert, ein alter behäbiger Festivaldampfer zu sein, der auf aktuelle Entwicklungen nicht mehr reagieren könne oder wolle. Und umso lauter klingen die Lobeshymnen auf das vorausschauende Denken der alten Dame am Lido. Hier laufen Netflix-Produktionen seit 2015 so selbstverständlich wie sich Gondeln durch den Canale Grande schlängeln.

Seit vergangenem Jahr hat Venedig als erstes A-Festival eine eigene Virtual-Reality-Schiene, und Serienproduktionen auf der großen Leinwand bereicherten die Mostra, als man anderenorts erst mit einer Grundsatzdiskussion darüber begann.

"Das Fernsehen habe das Kino und die Filmkunst nicht umgebracht, Netflix werde es auch nicht tun", beruhigte Netflix-Programmchef Ted Sarandos, der mit dem Rückzug aus Cannes 2018 eine Grundsatzdiskussion lostrat und sich zugleich seinen Platz im Sandkasten der Großen des Filmbusiness medienwirksam einzementierte. Fakt ist, Netflix ist eine Realität und vielleicht der große neue Player auf dem Markt. Dafür stehen: 125 Millionen Abonnenten weltweit. Noch einmal Ted Sarandos: "Die Sehgewohnheiten des Publikums haben sich verändert, mit diesem die Distributionswege und vor allem auch die Produktionsbedingungen."

Festivals sind Festspiele für die Filmkunst

Künstler gehen dorthin wo ihnen maximale Autonomie, vor allem aber auch nach oben scheinbar immer weiter offene Budgets garantiert werden. Siehe Martin Scorsese, der sich für das Mafiaepos "The Irishman" von seinem Stammstudio Paramount Richtung Netflix verabschiedet hat. Sieben bis acht Milliarden US-Dollar wollte Netflix ursprünglich 2018 in Eigenproduktionen investieren. Mittlerweile hat das Unternehmen die Zahlen nach oben korrigiert. Bis zu 13 Milliarden fließen heuer in Serien- und Filmproduktionen. Zahlen mit denen Netflix alteingesessene Studios bei weitem übertrifft. Zum Vergleich: 2018 plant Netflix 82 Langfilmproduktionen. Warner und Disney kommen laut dem Fachmagazin indiewire gemeinsam auf gerade einmal 33.

Keineswegs entzückt sind angesichts dessen all jene, die das Kino als Kulturform bedroht sehen. Aber Festivals sind nun einmal keine Klassentreffen der Kinolobby - auch wenn die damit verbundenen Filmmärkte immer wichtiger werden. Festivals sind im Idealfall kuratierte Oasen, an denen eine Kunstform über sich selbst und seine Zukunft nachdenken kann. Im Idealfall.

Zwischen Realitätsverweigerung und notwendiger Kooperation

Wenn ein Festival glaubt, an dieser neuen Realität im Filmgeschäft vorbeizukommen, dann wirkt das angesichts der aktuellen Zahlen und Fakten wie Realitätsverweigerung. Andererseits brauchen auch Netflix und Co das Rampenlicht der Festivals und die großen Leinwände der Kinos, damit ihre teuren Produktionen nicht nur im Massenangebot der eigenen Plattformen strahlen.

Und nicht nur dafür: Voraussetzung für eine Oscar-Nominierung ist etwa, dass ein Film mindestens sieben Tage lang in einem kommerziellen Kino im Los Angeles County läuft. Wohl ein wichtiger Hintergedanke, bei den Bestrebungen von Netflix und Amazon eigene Kinoketten kaufen zu wollen, was wiederum die Kinobetreiber in Alarmzustand versetzen sollte. Denn was würde es bedeuten, wenn diese großen Streaming Player auch noch auf diesen Markt drängen? Wenn sie auch an den Kinokassen ihre eigenen Gesetze mit Vorteilen für die eigenen Abonnenten diktieren könnten?

Auch die italienischen Kinobetreiber kritisierten - ohne Netflix beim Namen zu nennen - in einer Aussendung unlängst die wachsende Festivalpräsenz von Produktionsfirmen, die ihre Filme unmittelbar nach der Festivalpremiere auch online verfügbar machen. Alberto Barbera reagierte gelassen. Die Festivallandschaft befinde sich eben - wie die Filmbranche allgemein - in einer Phase des Wandels. Diese Realität müsse man akzeptieren, so der Venedig Direktor weiter. Es bringe nichts mit Verboten darauf zu reagieren. Der Spielplatz wäre jedenfalls groß genug für alle Beteiligten.

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