Kirill Serebrennikow

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"Verliert nicht den Mut"

Regisseur Serebrennikow seit einem Jahr in Hausarrest

Er ist der in Europa wohl bekannteste moderne russische Regisseur, leitete eines der spannendsten und mutigsten Theater Moskaus, drehte Filme und inszenierte Theater, Opern und Ballett - doch seit nun schon einem Jahr steht er unter Hausarrest: Kirill Serebrennikow. Die Justiz wirft ihm die Unterschlagung von Fördergeldern vor.

Morgenjournal | 30 08 2018

Christian Lininger

Die Moskauer Kulturszene sieht in dem Gerichtsverfahren allerdings den Versuch der zunehmend konservativen und autoritären Staatsführung, kritisches Theater zu unterbinden. Auch nach eine Jahr beschäftigt die Verhaftung Serebrennikows die russische Theaterwelt wie kaum ein anderes Thema.

"Leto" - Stimmung einer Epoche

In den russischen Kinos läuft zur Zeit der Film "Leto" (Sommer). Es ist ein Film von Kirill Serebrennikow. Geschnitten hat ihn der Regisseur alleine im Hausarrest. Serebrennikow war vor einem Jahr während der letzten Tage der Dreharbeiten direkt am Set verhaftet worden.

"Leto" ist ein sanfter, verträumter Film, der die Stimmung einer Epoche einfängt, der 1980er Jahre in der Sowjetunion, als eine aufkeimende Rockkultur ausprobiert, wie weit sie gehen darf, wo die Grenzen der Freiheit der Kunst sind in einem unfreien Regime. Serebrennikow hat damit erneut ein Werk geschaffen, in dem es indirekt auch um das heutige Russland geht.

"Von Monat zu Monat fühlt man sich weniger frei"
Philipp Awdejew

Heute fühle man sich in Russland von Monat zu Monat weniger frei, sagt der junge Schauspieler Philipp Awdejew, der in "Leto" und mehreren anderen Serebrennikow-Produktionen spielt. Wie praktisch die gesamte liberale Kulturszene Moskaus hat auch Awdejew keine Zweifel, dass die Betrugs-Vorwürfe gegen Serebrennikow nur ein Vorwand sind, dass die Staatsmacht - oder, wie es Awdejew nennt, das "System" - in Wirklichkeit die Kunst Serebrennikows unterbinden will.

Alle paar Monate wird der Hausarrest verlängert

"Unser Theater und Kirill Serebrennikow haben Stücke inszeniert, die die Menschen zwingen, die Komfortzone zu verlassen und zu spüren, wie die Last dieses Systems auf uns alle drückt", sagt Awdejew. "Aber dieses System wehrt sich auf seine Art. Das System kämpft gegen das echte Leben, gegen die wahren Gefühle und Wünsche, dagegen, dass die Menschen frei sind, dass sie denken, intelligent sind, gebildet und entwickelt."

Kulturjournal | 30 08 2018 | Theaterkritiker Rudnew zur Frage: Warum gerade Serebrennikow?

Christian Lininger

Der über Serebrennikow verhängte Hausarrest wird alle paar Monate verlängert, im Gerichtsverfahren selbst bewege sich hingegen nichts, meint der freie Theaterkritiker Pawel Rudnew. Eines sei aber inzwischen klar geworden: "Der Fall wird zweifellos von einer gewichtigen Persönlichkeit gesteuert. Wenn das nicht so wäre, würde die Staatsanwaltschaft nämlich logischer vorgehen und nicht alle vernünftigen Argumente der Anwälte Serebrennikows zerschmettern oder ignorieren. Es ist klar - das ganze Verfahren ist eine Einschüchterungsaktion."

Eine Aktion gegen die gesamte Theaterwelt

Eine Einschüchterungsaktion, die sich nicht nur gegen Serebrennikow richtet, sondern gegen die gesamte Theaterwelt, ist man in der Kulturszene überzeugt. Doch zumindest im Gogol-Zentrum, jenem Theater, das Serebrennikow aufgebaut und geleitet hat, will man sich nicht einschüchtern lassen.

Serebrennikow selbst ist zwar in seiner 35-Quadratmeterwohnung gefangen, darf nur zwei Stunden pro Tag unter Aufsicht spazieren gehen, das Internet nicht benützen und nur mit seinem Vater und seinem Anwalt sprechen, erzählt Anna Schalaschowa, die Assistentin Serebrennikows im Gogol-Zentrum. Doch über den Anwalt stehe das Theater mit Serebrennikow dennoch im Kontakt. Der Regisseur arbeite zu Hause rund um die Uhr und wirke aus der Ferne auch am Programm des Gogol-Zentrums mit. Das, so erklärt Schalaschowa, bestehe jetzt aus Produktionen von Gast-Regisseuren und der Wiederaufnahme alter Serebrennikow-Inszenierungen.

"Verliert in der Kunst und im Leben nicht den Mut"
Kirill Serebrennikow

"Wir sind nicht vorsichtiger geworden, wir sind im Gegenteil jetzt stärker. Wir verstehen jetzt besser, wofür Theater notwendig ist. Unser Protest, unser Aufstand ist es, stärker zu werden", so Schalaschowa. Ermunterung dazu kommt auch von Serebrennikow selbst: "Verliert in der Kunst und im Leben nicht den Mut", rief der Regisseur seinen Unterstützern zu, als er letzte Woche vor Gericht befragt wurde.

Service

Gogol Center (engl.)

Gestaltung

  • Christian Lininger

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