Laterne in London 1945

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"Kriegslicht" von Michael Ondaatje

Einen Roman über Familie, Treue, Spionage und Moral legt Michael Ondaatje mit seinem jüngsten Werk vor.

Merkwürdig, wie viele Autoren derzeit das Weltkriegsende und die unmittelbare Nachkriegszeit zum Thema machen. Eben erst haben Arno Geiger, Hans Pleschinski und Ralf Rothmann Romane über das Kriegsende 1945 in Deutschland und Österreich veröffentlicht. Eben erst ist auch Jane Gardams stark autobiografischer Debüt-Roman "Weit weg von Verona" auf Deutsch erschienen, in dem die letzten Kriegsjahre aus der Sicht eines 13-jährigen Mädchens in Yorkshire erzählt werden.

Und nun erscheint "Kriegslicht", der jüngste Roman von Michael Ondaatje, dem kanadischen Autor mit britisch-niederländisch-tamilischen Wurzeln, der ein Pendlerleben zwischen Toronto und seinem Geburtsland Sri Lanka führt. Erzähler des Romans ist Nathaniel, ein junger Mann Ende zwanzig, der im Jahr 1959 auf das Weltkriegsende zurückblickt, das er als Vierzehnjähriger in London erlebte, ohne zu begreifen, was da rings um ihn geschah.

Dämmrige Düsternis

Bereits Ondaatjes erster Satz packt den Leser und wird ihn 300 Seiten lang nicht mehr loslassen: "Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherwiese Kriminelle waren." Und schon sind wir mitten in einer verstörenden Geschichte voller Ungewissheiten und Zweifel, voller Rätsel, Trug, Täuschung und Verrat - einer Geschichte, die sehr passend in eine dämmrige Düsternis getaucht ist durch das titelgebende Kriegslicht, die Verdunkelung Londons zum Schutz gegen deutsche Bombenangriffe.

Nathaniel und seine Schwester Rachel tappen buchstäblich im Dunkeln. Die Eltern haben ihnen die Legende aufgetischt, sie würden für ein Jahr nach Singapur fliegen, wo der Vater eine neue Manager-Stelle bei Unilever antrete. Doch Rachel findet den Überseekoffer, den die Mutter Rose so ostentativ für Singapur gepackt hat, Monate später im Keller. Die Eltern haben ihre Kinder also im Stich gelassen und sind sonstwohin verschwunden. Damit stürzt das Grundvertrauen der Kinder in die Erwachsenen-Welt ein. Sie sind aus allen Ordnungen herausgerissen. Fortan gibt es für sie keinen festen Boden mehr unter den Füßen. Sie wachsen im Ungewissen auf. Auf nichts, was ihnen erzählt wird, ist Verlass. Sie fühlen sich permanent beschwindelt. Keiner sagt ihnen ehrlich, was los ist.

Lebensrätsel

Im ersten Teil des Romans, 1945, herrschen nur Anarchie und Verwirrung. Das Leben der Geschwister erscheint improvisiert und dirigiert von zwei zwielichtigen Männern mit obskuren Spitz- oder Decknamen: "Der Falter" und "Der Boxer von Pimlico". In seiner bodenlosen Unsicherheit sucht Nathaniel zunächst Halt beim Boxer, der für ihn zu einer Art Vaterfigur wird. Der Boxer zieht den Jungen in seine nächtlichen, lichtscheuen Geschäfte hinein, darunter Schmuggel von Windhunden für illegale Hunderennen, aber auch Waffen- und Sprengstoff-Transport auf unauffälligen Muschelbooten die Themse entlang.

Die vielen Fingerzeige, die auf die Schattenwelt der britischen Geheimdienste deuten, erschließen sich dem erwachsenen und systematisch nachforschenden Nathaniel erst in der Retrospektive. Erst nach dem Tod der Mutter gelingt es ihm das Lebensrätsel der Mutter zu entschlüsseln (der Verbleib des Vaters bleibt ungeklärt). Jetzt erst kann er sich ein Bild machen von Roses Doppelleben als britische Geheimagentin im Kampf erst gegen Hitler-Deutschland und dann gegen versprengte Faschisten-Gruppen auf dem Balkan.

Loyalitätskonflikt

Dennoch ist "Kriegslicht" kein zünftiger Geheimdienst-Roman à la John le Carré. Le Carré erzählt Geschichten über Politik, Ondaatje erzählt Geschichten über Moral. Zwar geht es auch bei Ondaatje um Loyalität und Verrat, doch sein Fokus liegt weniger auf einer verratenen Geheimdienst-Kameraderie als vielmehr auf dem Treuebruch an den verlassenen Kindern. Im Loyalitätskonflikt zwischen der Verantwortung für ihre Familie oder ihr Land, der Treue zu ihren Kindern oder der Treue zu ihrer Aufgabe entscheidet sich Mutter Rose, die eigentliche Protagonistin des Romans, für die vermeintlich übergeordnete Pflicht - den Schutz Englands.

Buchcover

HANSER VERLAG

Auf den bitteren Vorwurf des Sohnes ("Du hast uns verlassen, ohne ein Wort zu sagen") antwortet sie: "Ich hatte meine Arbeit. Hatte Verantwortung zu tragen. Als wir die Bomber über uns hörten, musste ich aktiv werden, um euch zu schützen." Ondaatje misstraut seit jeher jedem angeblich naturgegebenen Familiensinn. In seinen Romanen - von "Der englische Patient" bis "Anils Geist" - zeigt er immer wieder, dass aus der Not formierte familienähnliche Ad-hoc-Allianzen nicht nur als Ersatz für dysfunktionale leibliche Familien einspringen können; solche Surrogat-Familien erweisen sich bei ihm auch meist als das stabilere, weil frei gewählte Treue-Bündnis.

Gleichwohl liest sich "Kriegslicht" kaum weniger spannend als ein genre-typischer Spionage-Roman. Ondaatje setzt auf eine raffinierte Technik von zerstreuten und scheinbar disparaten Erzählsplittern, von halben und verzögerten Enthüllungen. Ganz beiläufig und nebenher werden Dinge erwähnt, die erst viel später erzählt werden. Dinge, die absehbar sind, erledigt Ondaatje in einem Satz oder setzt sie im folgenden Kapitel bereits als geschehen voraus. Mit auf der Hand liegenden Details hält er sich und den Leser nicht auf. Ondaatje schreibt erwachsene Romane für aufmerksame Leser, die seinen immer mitschwingenden feinen Grundton von menschlichem Anstand zu schätzen wissen.

Service

Michael Ondaatje, "Kriegslicht", Hanser Verlag
Originaltitel: "Warlight"

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