Imre Kormos

PRIVAT

Imre Kormos - Held und Halunke

Die abenteuerliche Geschichte eines widersprüchlichen Mannes aus Ungarn, dessen Leben die Geschichte des 20. Jahrhunderts und seiner diktatorischen Regime abbildet.

Ein Angeber?

Meine Mutter hat immer schlecht über ihren Ziehvater geredet: Imre Kormos soll unnahbar gewesen sein, egozentrisch, und außerdem ein Angeber. Er hat behauptet, 1944 in Budapest als Nazi verkleidet Juden gerettet zu haben. Meine Mutter konnte das nie glauben: Wie soll einer, der selbst Jude ist, in Nazi-Uniform herumspazieren und anderen Juden das Leben retten? In einer Zeit, in der Hunderttausende ungarische Juden ermordet wurden und meine Großmutter mit viel Glück in verschiedenen Verstecken überlebte?

Ein Frauenheld?

Er war sehr raffiniert, hat alle wie Puppen nach seinem Willen tanzen lassen, behauptete meine Mutter. Außerdem war er ein Frauenheld, ein Draufgänger, ein Halunke, der es mit den Gesetzen nicht so genau nahm. Meine Oma ist nach dem Krieg wegen Imre Kormos im kommunistischen Ungarn im Gefängnis gelandet. Und dann später in Wien hat er sie mit einer gewissen Lusztig Margit betrogen. Diese aber dann doch verlassen, um mit meiner Oma zu leben. Meine Mutter gab diese Anekdote gern zum Besten: Die Frau Lusztig wohnte in einer Hochparterre-Wohnung in der Burggasse. Imre - er war damals Mitte 60 - sprang einfach aus dem Schlafzimmerfenster und lief davon. Ohne ein Wort des Abschieds.

Alte Unterlagen und Fotos von Imre Kormos

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Ein Geizkragen?

Im Alter wurde er immer geiziger, das Zusammenleben in Wien mit ihm schwierig. Am liebsten erzählte meine Mutter die „Orangetten-Geschichte“: Gemeinsam mit meiner Großmutter kaufte sie ihm seine Lieblingssüßigkeit in einem Zuckerlgeschäft in der Kärntner Straße. Zehn Deka Orangetten - kandierte Orangenscheiben, mit dunkler Schokolade überzogen. Daraufhin sprach er drei Tage kein Wort mit ihnen. Orangetten in der teuren Kärntner Straße zu kaufen war in seinen Augen pure Geldverschwendung. Aber wenn Freunde ihn um Geld baten, gab er es ihnen, ohne nachzufragen oder es jemals zurückzufordern, erinnerte sich meine Mutter.

Ein Heiliger?

Ich habe Imre nicht mehr persönlich gekannt. Ich bin mit den Erzählungen über ihn aufgewachsen – in jener Wohnung in der Wiener Innenstadt, in der er und meine Oma gewohnt hatten. Dort fand ich vor langer Zeit einen Sack voller alter Fotografien und Dokumente, darunter auch der Nachlass von Imre Kormos. Erst Jahre später las ich die Dankesbriefe an ihn aus den USA, Israel, Australien und Brasilien. Ein alter Ungar namens Miklos schrieb aus Sao Paulo und lobte Imre für seine Selbstlosigkeit, seine unzähligen guten Taten und verglich ihn sogar mit einem Heiligen. Im Internet entdeckte ich einen Link zu einem US-amerikanischen Buch. Ein Kapitel trug den Titel: „Imre Kormos, der unbekannte Held der ungarischen Judenrettung und des jüdischen Widerstands“. Er habe 1944 mehr als 1.000 Menschen versteckt, unzählige Juden und Jüdinnen mit falschen Papieren versorgt und zu Kriegsende eine Privatarmee von Deserteuren befehligt, konnte man dort lesen.

Alte Unterlagen und Fotos von Imre Kormos

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Eine Spurensuche

Das war der Beginn meiner langjährigen Suche. Ich stieß auf Familiengeheimnisse und stöberte Zeitzeug/innen in Ungarn und in den USA auf, die ihm ihr Leben zu verdanken hatten. In den Archiven fand ich bisher unzugängliche Gerichtsakten, die seine außergewöhnlichen Taten bestätigten und auch seine Niederlagen dokumentierten. Mit der Zeit konnte ich die abenteuerliche Geschichte eines widersprüchlichen Mannes rekonstruieren, dessen Leben die Geschichte des 20. Jahrhunderts und seiner diktatorischen Regime nachvollziehbar macht. „72 Jahre ist wahrlich kein hohes Alter, aber was ich in dieser Zeit erlebt habe, würde auch für 200 Jahre reichen“, schreibt Imre Kormos kurz vor seinem Tod.

Diese Recherche wurde vom Literar-Mechana Projektstipendium Journalismus unterstützt, vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus sowie vom Zukunftsfonds der Republik Österreich. Der Text von Natasa Konopitzky entstammt der Dezemberausgabe des Ö1 Magazins gehört.