Thomas Bernhard

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Zum 30. Todestag von Thomas Bernhard

Bernhards Gegenwärtigkeit

Er suchte die Nähe und war doch auf Distanz angewiesen. Dieser Dichter aus Ohlsdorf, Thomas Bernhard, trieb die Anziehungskraft der konträren Pole Nähe und Distanz auf die Spitze. Was zu einer großen Verunsicherung bei jenen führte, die um ihn - als Freundinnen und Begleiter - warben. Bis zu einem gewissen Grad dürfte der Schriftsteller dies auch genossen haben. Am 12. Februar jährt sich Thomas Bernhards Todestag zum 30. Mal.

Bernhard, der eine entbehrungsreiche und frustrierende Kindheit und Jugend im nationalsozialistischen Österreich, das damals seine Eigenstaatlichkeit eingebüßt hatte, durchleben musste, behütet lediglich von den Großeltern, nahm aus dieser deprimierenden Phase seines Lebens viel Misstrauen und Zweifel ins spätere, erfolgreiche Leben mit. Auch als er längst arriviert war, pflegte er eine zwischen Ironie und Sarkasmus angesiedelte Haltung, die er wohl als die angemessenste Form des zwischenmenschlichen Umgangs erachtete.

Das Pendel konnte rasch umschlagen

Wenn Thomas Bernhard gut drauf war, war er ein ausgezeichneter, geistreicher Erzähler, voller Humor. Doch das Pendel konnte rasch umschlagen, hochempfindlich gegenüber Reaktionen aller Art, bekamen auch enge Vertraute des Dichters mitunter seine Eiseskälte zu spüren. Gegenüber seiner sozialen Umwelt agierte Bernhard wie ein Regisseur, der es nicht hinnehmen konnte, wenn ihm das Steuer entrissen wurde.

30 Jahre nach seinem Tod ist er immer noch in der literarischen Rezeption allgegenwärtig. Nach wie vor fasziniert Bernhard als Schriftsteller und als Mensch. Wahrscheinlich müssen noch immer alle, die sich ernsthaft mit moderner Literatur beschäftigen, durch des Dichters finsteres Tal aus Kälte, Verstörung und Einsamkeit von "Frost" bis "Auslöschung".

Zwei unabdingbare Publikationen

Nach dem Tod des literarischen Unruhestifters, den dieses Land bitter notwendig gehabt hatte, sind zwei Publikationen erschienen, die für die Rezeption von Bernhards Werk unabdingbar sind. Zum einen der 1980 verfasste Band "Meine Preise", den der Dichter zurückgehalten hatte und der 2009 publiziert wurde. In ihm widmet sich der Autor mit gallenbitterem Humor der Perfidie und den Unzulänglichkeiten des Kulturbetriebs. Die kulturelle Verfasstheit Österreichs aus der subjektiven Perspektive des intelligent-sarkastischen Beobachters liefert vor allem ein mentalitätsgeschichtliches Dokument.

Die zweite starke posthume Veröffentlichung beinhaltet den Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und seinem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld. Selten ist die Geschäftsbeziehung Verleger/Autor spannungs- und facettenreicher dargestellt worden. Gleich zu Beginn dieses Verhältnisses, bei dem jeder vom anderen möglichst viel herauspressen wollte, stand das Geld. Bernhard süffisant: "Ich forderte 40.000 DM, weil ich es eilig hatte, in zwanzig Minuten. Unseld hatte zu diesem Zeitpunkt vierzig Grad Fieber. Ich forderte also damals, wie ich heute denke, für jeden Fiebergrad des Verlegers tausend Mark." Bernhard bekam das Geld und investierte es in seinen Vierkanthof im Alpenvorland, der zum Zeitpunkt des Kaufes einer Ruine glich.

Streit um die "Autobiographische Schriften"

Lange Zeit hindurch war der Zankapfel zwischen Unseld und Bernhard der Umstand, dass der Schriftsteller seine sogenannte Autobiografie ("Autobiographische Schriften - Die Ursache, Der Keller, Der Atem, Die Kälte, Ein Kind") im österreichischen Residenz-Verlag publiziert hatte. Diese Bände machten Bernhard bei einem größeren Lesepublikum bekannt und populär. Unseld wollte sie unbedingt in seinem Verlag haben, und Bernhard hielt das Kräftespiel zwischen den beiden Verlagen bis zum Schluss in der Schwebe. Nach einer Beinahe-Entzweiung zwischen Bernhard und Unseld kam es kurz vor dem Tod des Dichters doch noch zur versöhnlichen Aussprache.

Als ich Unseld nach Bernhards Tod in Frankfurt/Main besuchte und wir - naturgemäß - auch auf Thomas Bernhard zu sprechen kamen, sagte er wehmütig: "Da muss ich emotional werden: Ich habe diesen Mann geliebt!"

Dieser Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe des Ö1 Magazins "gehört".

Gestaltung

  • Robert Weichinger