Donald Trump und Sebastian Kurz

BKA/DRAGAN TATIC

Wenn der Millennial-Kanzler eine Reise tut

Sebastian Kurz war bei Donald Trump in Washington, und die österreichischen Medien haben sich das nicht entgehen lassen. Rund 20 Journalisten sind mit dem Kanzler mitgeflogen, die Berichte aus dem Weißen Haus waren zum Teil überschäumend. Der Korrespondent des Düsseldorfer Handelsblatts spricht von einem "Highlight der medialen Machtdurchdringung" - und meint das alles andere als freundlich.

Live-Schaltung zu Wolfgang Fellner hier, ein Extra-Video für "Krone-TV" da, reihenweise Interviews – so einen Besuch mit Medienbegleitung, das muss man erst einmal aushalten. Sebastian Kurz hält das locker aus, weil er weiß: Es mehrt seinen Ruhm als "very young leader", wie ihn Donald Trump beim gemeinsamen Auftritt vor den Medien bezeichnet hat. Tags darauf war Kurz schon Trumps neuer Verbindungsmann in die Europäische Union. Wenn man die Journalisten an der Hand hat, verbreitet sich so ein Spin besonders rasch.

"Kurz Seinitz" und der junge Mann

"Trump mag diesen jungen Mann", hat uns die "Kronen Zeitung" eingebleut. Außenpolitikchef Kurt Seinitz war mit, ein Kurz-Bewunderer der ersten Stunde. Dass der "Krone"-Journalist in der Zeile unter einem Selfie mit dem Kanzler von seinen Kollegen gleich in "Kurz Seinitz" umbenannt worden ist, war wohl unabsichtlich, aber so gesehen nur konsequent. In den Kommentarspalten der Zeitungen wurde der Besuch als sehr bedeutend dargestellt, die Tageszeitung "Die Presse"adelte Sebastian Kurz zum "Millennial-Kanzler".

Vernichtende "Handelsblatt"-Kritik

"Die Begeisterung der Kollegen, die mitgeflogen sind, die war doch sehr groß. In der Art und Weise ist das schon außergewöhnlich für eine westeuropäische Demokratie." Hans-Peter Siebenhaar beobachtet Österreichs Medienszene für das deutsche "Handelsblatt" und macht auf Spaßverderber. Seine jüngste Kolumne hatte den Titel "Österreichs Kanzler Kurz nimmt die Medien an die kurze Leine" – und Siebenhaar bleibt im #doublecheck-Interview dabei: "Die Regierung Kurz hat es innerhalb von nur fünfzehn Monaten geschafft, die hiesigen Medien weitgehend zu domestizieren."

Gruppendruck mit kuriosen Folgen

Der Washington-Besuch habe das exemplarisch aufgezeigt, meint Siebenhaar. Das ist ein hartes Urteil, bezieht es sich doch auf diverse Postings in den Sozialen Medien, wo mitgereiste Journalisten auf Fotos im Press-Briefing-Room zu sehen waren und ähnliches. Christian Nusser, Chefredakteur der Gratiszeitung "Heute", war mit und erzählt, wie das so abläuft: "Man macht sich selbst Druck, die Gruppe macht auch Druck, und dann kommt es zu kuriosen Situationen." Nämlich dass sich alle im selben Setting fotografieren lassen. Das Handy-Foto von Isabelle Daniel ist sogar in der Druckausgabe des anderen Gratisblatts "Oe24" erschienen.



Wenn alle auf allen Kanälen klotzen

Wer das Ereignis so inszeniert wie der Boulevard, der muss klotzen, nicht kleckern. Aber auch die Bundesländerzeitungen haben sich anstecken lassen. Für die "Vorarlberger Nachrichten" war Chefredakteur Gerold Riedmann mit, und der hat nicht nur geschrieben, sondern ganze Pressekonferenzen gestreamt und Aufsager via Smartphone gemacht. Gerade Print-Journalisten, die alle Kanäle ihrer Marke beliefern müssen, sind da sehr gefordert. "Was auf der Strecke bleibt, ist die Reflexion – eine Viertelstunde, um zu überlegen, was da vor sich geht", sagt Christian Nusser.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Sebastian Kurz im Du Jiangyan Panda Parks.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Sebastian Kurz im Du Jiangyan Panda Parks.

APA/BUNDESKANZLERAMT/DRAGAN TATIC

Eine pandastische Reminiszenz

Er hat bei einem China-Besuch mit Kanzler und Bundespräsident im Vorjahr versucht, einen Kontrapunkt zu setzen - mit humorvollen Online-Artikeln nach dem Motto: "Wir sind sicher: Es wird pandastisch." Eine Anspielung auf den unter anderem auf dem Besuchsplan stehenden Dujiangyan Panda Park. Das Format habe nicht allen gefallen, erinnert sich Nusser.

Besondere Einblicke aus der Nähe

Abseits der Hektik der Berichterstattung kosten die Journalisten natürlich die Nähe zum Politiker aus. Das hat man so nicht immer, da kriegt man oft besondere Einblicke. Isabelle Daniel hat etwa beobachtet, dass der souveräne Sebastian Kurz "gerade bei dieser Reise nervös war" – Donald Trump gilt ja als unberechenbar, das hätte auch schiefgehen können. Generell sei der Kanzler im Vergleich zu früher aber enorm selbstsicher, fast schon übertrieben selbstgewiss, so der Eindruck von Radio-Außenpolitikchef Hartmut Fiedler, der in Washington mit dabei war.

Nur Kneissl will ihre Ruhe haben

Bei manchen Politikerinnen ist das mit den Einladungen kein Problem, weil sie nicht gern mit Journalisten reisen. Außenministerin Karin Kneissl gehört da dazu. "Ich möchte meine Arbeit in Ruhe machen", hat sie einmal in einem Interview gesagt. Und das kann Vorteile haben. Kneissl trifft wie alle FPÖ-Minister die Kontaktsperre der israelischen Regierung - umso überraschender waren Bilder von der Warschauer Nahost-Konferenz, die Kneissl plaudernd mit Israels Premier Benjamin Netanjahu zeigen.

Netanjahu und das Nicht-Gespräch

Netanjahu sei auf Kneissl zugekommen, hieß es. Ihr Büro kommentierte das nicht, Journalisten waren nicht dabei, man konnte es also glauben - oder nachfragen. Ein Sprecher Netanjahus in Jerusalem sagte auf #doublecheck-Anfrage - Zitat: "Die Außenministerin überraschte den Premierminister und hat ihn unerwarteterweise angesprochen. Es gab weder ein Gespräch, noch fand ein Treffen statt."

Gruppenbild bei der Nahost-Konferenz in Warschau (Ausschnitt).

Gruppenbild bei der Nahost-Konferenz in Warschau (Ausschnitt).

AP/CZAREK SOKOLOWSKI

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