Sudetendeutsche 1945 auf der Flucht

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Gerta - Das deutsche Mädchen

Katerina Tuckova ist das Aushängeschild der jungen tschechischen Literatur. Ihr jüngster Roman "Das Vermächtnis der Göttinnen" wurde gleich mit vier tschechischen Preisen ausgezeichnet und in 13 Sprachen übersetzt. Und mit dem wichtigsten Literaturpreis des Landes, dem Magnesia Litera, wurde auch schon ihr Debüt ausgezeichnet. Das hat wohl viele verwundert, handelt die Autorin darin doch ein Tabuthema der tschechischen Geschichte ab: die Vertreibung der deutschen Minderheit. "Gerta - Das deutsche Mädchen" heißt der Roman jetzt in der deutschen Übersetzung.

Kulturjournal | 06 03 2019

Kristina Pfoser

Ein Tabuthema

Es begann am 31. Mai 1945, dem Fronleichnamstag. Rund 27.000 Menschen - vor allem Frauen, Kinder und alte Männer - wurden zu Fuß von Brünn über die Grenze ins sowjetisch besetzte Niederösterreich getrieben. Mehr als 5.000 starben an Entkräftung, Hunger, Durst und Typhus. Der Brünner Todesmarsch war Teil der kollektiven Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Mähren, ein Racheakt, der eine "Vergeltung" für Nazi-Verbrechen sein sollte. "Dieses Thema war total tabuisiert", sagt Katerina Tuckova, "die ältere Generation hat das totgeschwiegen, auch meine eigenen Großeltern wollten nicht darüber reden. Ich war darauf gekommen, als ich als Studentin in den 90er Jahren eine Wohnung in den so genannten Brünner Bronx gefunden hatte und dort immer wieder auf deutsche Aufschriften gestoßen bin."

Die Brünner Bronx

Katerina Tuckova lädt ein zu einem Rundgang durch diese Brünner Bronx. Zabrdovice heißt das Viertel, ein ehemaliges Industriegebiet nahe dem Stadtzentrum, mit teils verfallenen Fabriken mit hohen Schornsteinen. Heute leben hier vor allem Roma, die meisten sind arbeitslos. In der Bratislavska-Straße macht Katerina Tuckova Halt - vor einem Haus, das vor 100 Jahren wohl prächtig war. Auf der bröckelnden Stuckfassade ist ein verblasster Schriftzug zu erkennen: "Mährische Glas und Spiegelindustrie".

"Diese Aufschrift war so etwas wie die Initialzündung für mein Buch", erzählt Katerina Tuckova. "Ich habe begonnen, mich mit der Geschichte zu beschäftigen und Menschen gesucht, die schon lange hier leben und es ist mir tatsächlich gelungen, Zeitzeuginnen zu finden: Drei Frauen, die den Todesmarsch als Kinder erlitten haben, sie waren acht, zehn und elf Jahre alt, d.h. sie hatten schon eigene Erinnerungen an diese Zeit, und die haben sie mit mir geteilt." Durch diese Begegnung habe sie einen ganz neuen Blick auf die Geschichte ihres Landes bekommen.

Der Todesmarsch

Von den drei Frauen hat Katerina Tuckova auch von einer 21-jährigen Frau aus einer deutsch-tschechischen Familie erfahren, die damals auch vertrieben wurde. "Diese junge Frau hatte ein Baby, das ein halbes Jahr alt war, sie selbst war 21, so alt wie ich damals war. Sie hat in der Sterngasse gelebt, die heißt heute Hvezdova und in dem Haus, in dem ich jetzt wohne. Ich habe sie Gerta genannt und ich musste über sie schreiben", sagt Katerina Tuckova.

Und das ist die Geschichte, komponiert aus Fakten und Fiktion: Gerta Schnirch stammt aus einer zweisprachigen Familie: Die Mutter, eine nationalbewusste Tschechin, stirbt 1942, der Vater, ein fanatischer Deutscher, vergewaltigt seine eigene Tochter, sie wird schwanger. Mit ihrem Baby überlebt Gerta Tochter den Todesmarsch und nach Jahren als Zwangsarbeiterin in Südmähren kehrt sie in die ihr fremde Heimatstadt Brünn zurück und lebt, als Deutsche stigmatisiert, am Rand der kommunistischen Gesellschaft in der Tschechoslowakei.

Die Vertreibung der Gerta Schnirch

"Gerta - Das deutsche Mädchen" lautet der deutsche Titel. Im Original heißt das Buch "Die Vertreibung der Gerta Schnirch" und das war bereits eine Provokation, hatte man bis dato in Tschechien offiziell nur von Abschiebung gesprochen. "Man hat verschiedene Euphemismen benutzt, damit die Geschehnisse für die tschechische Bevölkerung annehmbar waren - falls man überhaupt darüber gesprochen hat", sagt Katerina Tuckova. "Auf dem Gymnasium haben sie uns gesagt ‚Die Deutschen haben Brünn verlassen‘."

Wenn Katerina Tuckova anhand eines Einzelschicksals die Geschichte der Deutschen und Tschechen erzählt, stellt sie auch die Frage nach kollektiver und persönlicher Schuld und ob Vergebung und gegenseitiges Verständnis möglich sind. Damit wurde sie zunächst gar nicht gern gehört: "Bei den ersten Lesungen erlebte ich wütende Reaktionen von Vertretern der älteren Generation, die sich abgrenzen wollten. Das tschechische Schulwesen wollte ja diesen Teil der Geschichte komplett ausradieren. Aber nachdem 2009 mein Buch erschienen ist, mussten sich die Menschen zwangsläufig mit dem Thema befassen."

Versöhnungsjahr

Das Buch stand jedenfalls wochenlang auf der Bestsellerliste und verkaufte sich in Tschechien 100.000 Mal und nicht nur das Feuilleton zeigte sich beeindruckt. Als die Stadt Brünn 2001 aufgefordert worden war, sich zu den Vertreibungen zu äußern, hatte es noch heftige Proteste einer breiten Öffentlichkeit gegeben, erinnert sich Katerina Tuckova. "Die Zeit war noch nicht reif. Aber wenn die Leute Einzelschicksale sehen, können sie das offenbar besser verstehen.

2015 war es dann soweit: Die Politiker haben sich im Rahmen des so genannten Versöhnungsjahres bei den deutschen Opfern entschuldigt." Am 30. Mai 2015 gab es zum 70. Jahrestag einen Gedenkmarsch in umgekehrter Richtung von den Massengräbern 30 Kilometer vor Brünn zurück in die Stadt und bei dem anschließenden Festakt wurde zum ersten Mal in einer öffentlichen Deklaration auch auf Tschechisch der Begriff "Vertreibung" verwendet.

Service

Katerina Tuckova: "Gerta - Das deutsche Mädchen", aus dem Tschechischen von Iris Milde, Klak Verlag.
Originaltitel: "Vyhnání Gerty Schnirch"

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