Karl-Markus Gauß

BILDRECHT/KURT KAINDL

Erzählungen

Die abenteuerliche Reise des Karl-Markus Gauß

Karl-Markus Gauß kennt man als großen Reisenden an die Ränder des Kontinents mit ihren vielen vergessenen und verdrängten Kulturen. In Texten wie "Die Hundeesser von Svinia", "Die sterbenden Europäer" oder "Die versprengten Deutschen" hat er sich mit Minderheiten verschiedener Ethnien auseinandergesetzt. Seine Mission: Unentdecktes aufspüren und Zusammenhänge sichtbar machen. Für sein neues Buch hat sich der Salzburger in seiner allernächsten Umgebung umgesehen: "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer" heißt der Band.

Morgenjournal | 08 03 2019 | Rezension

Kristina Pfoser

Keine Rede von biedermeierlicher Weltflucht, von einem Rückzug in die eigenen vier Wände. Wenn Karl-Markus Gauß eine Reise durch sein Zimmer unternimmt, dann führt das Abenteuer durch ganz Europa, ja, rund um den Globus und durch die Jahrhunderte. "Eine Wohnung ist einerseits ein introvertierter Raum, man ist 'bei sich', und die Türen sind geschlossen“, meint Karl-Markus Gauß, „andererseits ist es ein Raum, der mit seinen Gegenständen sehr vielfältig mit der Welt und auch mit verschiedenen Zeiten verbunden."

Vom Hundertsten ins Tausendste

Ausgangspunkt der Erzählungen ist ein Haus nahe der Salzburger Altstadt, erbaut 1896, genauer: eine Wohnung in diesem Haus, die Karl-Markus Gauß mit seiner Familie seit 1994 bewohnt, ein akribischer Rechercheur und präziser Beobachter mit Freude am Detail. Wenn er etwa seinen Brieföffner zur Hand nimmt, dann landet er bei der näheren Betrachtung dieser Werbegabe eines Eternit-Herstellers alsbald im Mähren des frühen 20. Jahrhunderts, mit einem Überseekoffer seines Schwiegervaters führt er uns in die Geschichte Südtirol und mit einer Tasse in den Süden der Republik Moldau zu den Gagausen, von denen die meisten wohl noch nie gehört haben.

Dazwischen macht sich Gauß Gedanken über das Warten oder das Geheimnis der Dinge und er outet sich als begeisterter Schuhputzer und als Sammler von Duschhauben. Kurz: In bewährter Manier kommt Karl-Markus Gauß vom Hundertsten ins Tausendste, das sei ein Spezifikum seines Denkens und Scheibens, sagt Karl-Markus Gauß, "in Wohl und vielleicht auch in Wehe". - Es ist jedenfalls gewiss zum Wohl des Lesers, der Leserin, dem Meister der literarischen Alltags- und Geschichtsbetrachtung zu folgen.

Die Barbaren

Immer wieder biegt er auch ab in die Literaturgeschichte, etwa zu dem griechischen Lyriker Konstantinos Kavafis und seinem oft interpretierten Gedicht "Die Barbaren" aus dem Jahr 1904. Da erträumt sich die Zivilisation ihre Rettung von einem großen Dreinhauer, der neue Gesetze erlassen und eine neue Ordnung einführen soll.

Gauß sieht heute "ähnliche Gestalten, die bereits endemisch auftreten. Die zuerst in der Bevölkerung das Gefühl verstärken oder auch erst erzeugen, dass eigentlich alles furchtbar ist, und dass man dem Ganzen nicht mehr durch eine demokratische Entwicklung Herr werden kann, oder durch ein aufklärerisches Sich-Innewerden dessen, was denn unsere Probleme tatsächlich sind, sondern nur dadurch, dass einer kommt, der mit einer Rhetorik der dauerndes Grenzüberschreitung die Dinge für uns zerschlägt."

Schönsprech

"Der politische Diskurs wird umso kuscheliger, je rauer die Sitten sind", hat Karl-Markus Gauß kürzlich in der "Süddeutschen Zeitung" geschrieben, in einem Essay über die verharmlosende Sprache der Politik. "Ich habe den Eindruck, dass es eine fast amtliche Schönsprech-Bewegung gibt", meint Gauß, "das ist politisch zunächst erfolgsträchtig, steigert in vielen Menschen aber nicht ganz zu Unrecht das Gefühl, dass die offizielle Sprache eigentlich verlogen ist und dass daher jene, die sich an überhaupt keine sprachlichen Konventionen halten, die ruchlose Reden führen und vorsätzlich alle zivilisatorischen Normen überschreiten, die Rebellen sind, die die Wahrheit sagen." Und das, warnt Karl-Markus Gauß, sei ein durchaus gefährlicher Prozess.

Service

  • Karl-Markus Gauß, "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer", Erzählungen, Zsolnay-Verlag
  • Buchpremiere ist am kommenden Montag im Mozarteum in Salzburg und am 20. März gibt es eine Lesung im Wiener Kasino am Schwarzenbergplatz.

Gestaltung

Übersicht