Barbara Frischmuth

CHRISTIAN JUNGWIRTH

"Verschüttete Milch" - Barbara Frischmuths neuer Roman

Das geschichtsträchtige k.u.k.-Hotel "Wasnerin" in Bad Aussee, wo einst die Wiener Prominenz aus Adelskreisen und Kultur in der Sommerfrische war, wird am kommenden Wochenende zum fünften Mal Schauplatz des Literaturfestivals "Literasee" - hochkarätig besetzt unter anderem mit Christoph Ransmayr, Nell Zink und Barbara Frischmuth. Für Frischmuth ist es sozusagen ein Heimspiel, wohnt sie doch in der unmittelbaren Nachbarschaft in Altaussee und ebendort ist auch ihr neuer Roman angesiedelt: "Verschüttete Milch" erzählt vom Nachkriegs-Österreich im Salzkammergut, eine Kindheitsgeschichte mit starken autobiografischen Anklängen.

Verschüttete Milch - das ist ein Erinnerungsbuch, aber es ist auch ein Buch über das Erinnern: "Wenn man so etwas schreibt, kommt man drauf, wie unverlässlich die Erinnerung ist und wie sehr sie von Emotionen geprägt ist", sagt Barbara Frischmuth. Mnemosyne ist keine zuverlässige Göttin, weiß auch Juliane. "Die Kleine" heißt sie im ersten Abschnitt, "Juli" im zweiten, und erst im dritten und letzten Kapitel "Juliane".

Sie ist - wie Barbara Frischmuth auch - die Tochter von Hoteliers aus dem Salzkammergut, einem geschichtsträchtigen Ort. Hier hat einst der Kaiser Urlaub gemacht und viele jüdische Künstler auf Sommerfrische haben sich in den See-Orten Grundstücke und Villen gekauft. Ab 1938 gab es rund 250 Enteignungen.

Urlaub vom Töten

Das weiß wohl auch die Mutter von Juliane. Auf Fragen gibt sie allerdings nur ausweichende Antworten, "so als gelte das Siegel der Verschwiegenheit noch immer", schreibt Barbara Frischmuth. Gemeinsam mit Juliane versucht Barbara Frischmuth zu rekonstruieren, was damals geschehen ist, sie hat in Bibliotheken recherchiert, mit Zeitzeugen gesprochen und eigenen Erinnerungen durch Fotos geweckt, etwa die Erinnerung an die so genannte "Alpenfestung, ein Refugium für diese Bonzen, die Urlaub vom Töten haben wollten", sagt Barbara Frischmuth.

Kindheitstrauma

Aber auch nach 1945 war das Salzkammergut letzter Fluchtpunkt für hochrangige Naziverbrecher und für Mitglieder der faschistischen Exilregierungen Ungarns, Rumäniens, Bulgariens und deren Familien. Für die Kleine Juliane waren es "diejenigen, die so anders redeten, dass sie sie überhaupt nicht verstehen konnte."

Barbara Frischmuth erinnert sich: "Ich habe mit ihren Kindern gespielt und ich habe damals auch eine Traumatisierung erfahren, als die Rumänen vor meinen Augen zwei Pferde erschossen. Daraufhin konnte ich drei Tage lang nicht reden.

Nachkriegsüberheblichkeit

Mit dem Kind führt Barbara Frischmuth zurück in diese Jahre und in die Atmosphäre dieser Zeit. Im letzten Kapitel landet Juliane in der Klosterschule, die wir schon aus Barbara Frischmuths Debütroman kennen. Dort wurden nicht nur Disziplin und Selbstbeherrschung gelehrt, sondern wohl auch christliche Tugenden wie Gerechtigkeit und Demut, Tugenden, die in aktuellen Debatten in Erinnerung gerufen werden sollten.

Etwa, wenn von Integration die Rede ist. "Was mich so aufbringt ist, dass man es noch immer verabsäumt, mit diesen Leuten zu reden. Wenn man mit so einer Nachkriegsüberheblichkeit glaubt, auf der richtigen Seite zu stehen, was ja während der Kriegszeit den wenigsten gelungen ist. Jetzt sind wir die Guten, die alles wissen. Wie soll Integration funktionieren, wenn wir uns ununterbrochen die Deutungshoheit vorbehalten. Das kann nicht funktionieren."

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