Fledermausflügelartiges Modell nach einer Skizze von Leonardo Da Vinci

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Leonardo - zum 500. Todestag eines Genies

Leonardo da Vinci verkörpert das Universalgenie der Renaissance. Der Maler der "Mona Lisa", des "Abendmahls" in der Mailänder Kirche Santa Maria delle Grazie, der Zeichner des ideal proportionierten Menschen, der Konstrukteur von Flugapparaten und Kanälen, der Verfasser von philosophischen Überlegungen, der alles über die Welt wissen wollte, wurde zu einer mythischen Figur.

Leonardo Da Vinci

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Selbstporträt von Leonardo Da Vinci

Zahlreiche Klischees begleiten den Lebensweg von Leonardo. Bei seinem ersten Biografen, Giorgio Vasari, der ihm nicht wohlgesonnen war, finden sich bereits einige Vorwürfe: Leonardo sei so verrückt gewesen, die Eigenschaften der Kräuter zu verstehen sowie den Lauf der Sonne und des Mondes zu beobachten.

Dies habe ihn dazu geführt, sich ketzerisch über die christliche Religion zu äußern; lieber sei er Philosoph als Christ gewesen; außerdem unfähig, Auftragsarbeiten, die er angenommen habe, auszuführen. Er sei ein verbummeltes Genie gewesen, das sein Talent verschleudert und dazu noch mit seinem Lustknaben Salaï im Konkubinat gelebt habe.

Anlässlich seines 500. Todestages haben führende Renaissance-Experten wie Volker Reinhardt und Bernd Roeck umfangreiche Studien vorgelegt, die diesen Mythos dekonstruieren. Ein sorgfältiges Quellenstudium – speziell der Notizbücher – zeigt Leonardo als einen eigenwilligen Künstler. Da er aufgrund seiner unehelichen Geburt über keine höhere Bildung verfügte, ging er einen anderen Weg.

Für Leonardo galt nur die einfache Erfahrung des optischen Eindrucks, die er in obsessiver Weise zeichnend und malend festhielt. Leonardo verstand die Malerei als eine Philosophie, mit der er die Natur wie auch die menschliche Anatomie erforschte. Ihn interessierte das Sichtbare; nur mit dem Auge könne die Schönheit der Welt erfasst werden.

Diese Annäherung bedarf der sich immer mehr verfeinernden Darstellung durch Zeichnungen. Von keinem anderen Künstler seiner Generation ist ein so umfangreiches, innovatives grafisches Œuvre überliefert, das sich durch Fantasie, aber auch durch disziplinierte, zeichnerische Akribie auszeichnet. Beispiele dafür sind seine Studien zu Proportion, Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers; speziell die Proportionszeichnung nach Vitruv. Diese Obsession für die Zeichnung unterscheidet ihn von Zeitgenossen wie Botticelli oder Raffael, die sich mehr auf Gemälde konzentrierten.

Zeichnungen von Leonardo Da Vinci

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Die Ausrichtung auf die Materie machte Leonardo zum schärfsten Kritiker der wort- und schriftgewandten Humanisten und der christlichen Theologen, die seiner Ansicht nach mit einem metaphysischen Überbau die materiellen Grundlagen des menschlichen Lebens verleugneten. Und Leonardo kannte auch die Abgründe der menschlichen Existenz: In zahlreichen Zeichnungen finden sich Physiognomien von Dementen oder Monstren, die Samuel Becketts Rumpfexistenzen, die in Tonnen hausen, vorwegnehmen. Auch die zerstörerischen Kräfte der Natur und das Ende der Spezies Mensch faszinierten ihn.

Die singuläre Existenz von Leonardo hat kaum jemand treffender charakterisiert als der französische Schriftsteller Hippolyte Taine: "Es gibt vielleicht auf der ganzen Welt kein anderes Beispiel eines solch universalen Geistes, der gleichzeitig so unfähig war, sich selbst zufriedenzustellen, so voller Sehnsucht nach dem Unendlichen, so natürlich verfeinert, soweit seinem Jahrhundert voraus."

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