Blindenschrift

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Auge und Ohr im Hörsaal

Blind selbständig zum Hörsaal finden und rechtzeitig an Prüfungsunterlagen kommen. Mit Hör- und Sehschwäche in Seminaren mitdiskutieren, wenn das Hörgerät nicht ausreicht - zwei Studentinnen aus Innsbruck haben selbst Methoden entwickelt, um mit solchen Herausforderungen umzugehen.

Nicole Wimmer ist von Geburt an blind. Die Tirolerin lebt in Innsbruck und hat bis vor einem Jahr Englisch an der Universität Innsbruck studiert. In ihrem Studium hat sie ihre persönliche Methode entwickelt, um selbständig zu Räumen auf der Universität zu finden. Auf einem kleinen MP3-Player hat sich die 31-Jährige Wege als Audiodateien gespeichert: Wo geht’s zum Hörsaal 2? Wo ist die nächste Toilette? Wie finde ich zur Mensa?

"Als Sehender erfährst du am ersten Tag vom Semester: Ok, diese fünf Bücher brauch ich, die hol ich mir in der Bibliothek. Ist als blinde Person nicht möglich."

Um blind Texte zu lesen, bedarf es Unterstützung: Eine Braillezeile wird an den Computer angeschlossen. Das Gerät ist wie eine längliche Tastatur – für Blindenschrift. Darauf wird der Text vom Bildschirm von einem Leseprogramm in Brailleschrift übersetzt.

Aber nicht jede Datei ist geeignet, denn: "Viele Professoren haben die Unterlagen zwar digital, aber als PDF. PDF ist schwer bis gar nicht zu lesen für blinde Menschen", sagt Nicole Wimmer. Ein weiteres Problem: Dokumente werden oft eingescannt. Allerdings in schlechter Qualität. Die Buchstaben sind fast nicht bis gar nicht mehr lesbar für den Scanner oder den PDF-Converter.

Dafür gibt es das Literaturservice der Universitätsbibliotheken. Für Studierende wie Nicole Wimmer werden Bücher und Lernmaterialien digitalisiert und eingescannt. Bis die Unterlagen bereit sind, kann es aber lange dauern und die blinde Studentin musste oft lange warten.

Insgesamt habe sie sich aber sehr unterstützt gefühlt auf der Uni in Innsbruck. Bei Prüfungen konnte sie die spezielle Prüfungsaufsicht in Anspruch nehmen, die von der Universität angeboten wird. Beeinträchtigte Studierende bekommen oft mehr Zeit. Da das im zeitlich streng getakteten Unialltag ein Problem sein kann, bietet ein eigens eingerichteter Prüfungsraum Ruhe und genügend Steckdosen für technische Hilfsmittel.

"Das schafft es nicht, wenn es weit entfernt ist. Dann müsst ich so riesen Teile mit mir rumtragen: Und Bassverstärker und alles, wie a Stereoanlage. Dass i wirklich alles hören könnte, was ein Hörgerät verstärken soll."

Lydia Kremslehner ist hörbeeinträchtigt und studiert ebenso in Innsbruck. Die Master-Studentin hat das sogenannte Usher-Syndrom, bei dem zwei Sinne beeinträchtigt sind. Von Geburt an ist sie schwerhörig. Als junge Erwachsene wurden auch ihre Augen immer schlechter. Trotz allem hat die 33-Jährige bereits ein abgeschlossenes Bachelor- und Masterstudium in Erziehungswissenschaften. Jetzt macht sie noch einen Master im Fach "Gender, Kultur und sozialer Wandel" dazu, ein interdisziplinäres Studium, in dem Studierende aus verschiedensten Fachrichtungen zusammenkommen.

Im direkten Gespräch hört die Studentin mit dem Hörgerät gut genug. Im Hörsaal ist der Vortragende aber zu weit weg. Deshalb gibt es Hörsäle, in deren Böden Induktionsschleifen eingebaut sind: Diese leiten das Signal direkt vom Mikrophon auf dem Rednerpult an das Hörgerät der Studierenden weiter.

Ein mobiles Mikrophon, um alles zu hören

Bei alten oder denkmalgeschützten Räumen sind solche Schleifen oft nicht vorhanden. Deshalb können sich Studierende gegen Kaution auf der Uni ein sogenanntes FM-Gerät ausleihen. Das Gerät überträgt die Stimme der Vortragenden, und zwar frequenzmoduliert wie ein Radiosender – daher FM. Der Vortragende steckt sich den Sender ans Revers und die Studentin trägt den Empfänger mit Schleife um den Hals. Dieser leitet über Funk den Ton an ihr Hörgerät weiter. Das FM-Gerät überträgt allerdings nur das Signal des Vortragenden. Das Interessante an Seminaren und Vorlesungen ist aber auch, was die anderen Studierenden zu besprechen haben, welche Diskussionen geführt werden.

Daher kam Lydia Kremslehner auf die Idee, ein mobiles Mikrophon mit dem FM-Gerät zu verbinden, das sie sich bei der ÖH ausgeliehen hat. Dieses Mikrophon kann in Seminaren weitergereicht werden.

Wegen ihrer Sehschwäche druckt sich Lydia Kremslehner Texte auf buntem Papier aus. Weißer Hintergrund macht für sie Text unlesbar. Bei PowerPoint-Präsentationen mit hellem Hintergrund schaut sie weg, das kann sie nicht lesen - zum Füllen dieser Lücken ist eine Assistenz da. Diese bekommt die Studentin über den Verein "selbstbestimmt leben" vermittelt. Im Seminar achtet sie darauf, dass das Mikrophon herumgereicht wird, damit Mitstudierende es auch wirklich verwenden. Darüber hinaus schreibt die Assistenz in den Kursen zusätzlich mit und hilft bei organisatorischen Dingen.

Österreichweit sind die Behindertenbeauftragten der Universitäten seit 1996 im Verein "uniability" vernetzt. Sie arbeiten daran, die Unis Stück für Stück barrierefreier zu gestalten.

Gestaltung: Lara Weber/Red.