Gefängnisstäbe

AP/TED S. WARREN

Gefängnisroman von Rachel Kushner

Mehr als zwei Millionen Menschen sitzen in den USA im Gefängnis - auf die Gesamtbevölkerung gerechnet sind das mehr als in jedem anderen Land der Welt. Der neue Roman der US-amerikanischen Bestsellerautorin Rachel Kushner, "Ich bin ein Schicksal", blickt jetzt hinter die hermetischen Fassaden der Gefängnisindustrie.

Morgenjournal | 18 06 2019

Wolfgang Popp

Romy Hall arbeitet als Stripperin im Sunset-District von San Francisco, der aber wenig mit dem Postkarten-San Francisco der Beat-Lyrik und steilen Straßen zu tun hat, sondern nebelgedämpft, baumlos und trist ist, und von Unterschichtsamerikanern bewohnt wird, wie es im Roman heißt.

Hier wuchs auch Rachel Kushner auf: "Romy Hall ähnelt sehr stark verschiedenen Menschen, mit denen ich in den 80er-Jahren in San Francisco meine Jugend verbracht habe. Die Erinnerungen an damals halfen mir, in die Figur hineinzufinden, denn um diese Geschichte aus der Ich-Perspektive einer Lebenslänglichen zu erzählen, musste ich mich im Kopf von meiner eigenen Biografie und meinem gebildeten Elternhaus lösen."

Sackgasse lebenslang

Einer von Romy Halls Stammkunden im Striplokal beginnt sie zu stalken, bis sie ihn eines Nachts auf der Terrasse ihres Hauses erschlägt. Nur von einem Pflichtverteidiger vertreten, wird sie zu zweimal lebenslänglich plus sechs Jahren verurteilt.

Rachel Kushner: "Ich wollte verstehen, wie es ist, eine lebenslängliche Haftstrafe ohne die Hoffnung auf Bewährung abzusitzen. Gleichzeitig sollte mein Roman aber auch aus dieser düsteren Sackgasse herausfinden und darüber nachdenken, ob es nicht irgendetwas gibt, das mehr Bedeutung hat als diese unumstößliche Einheit eines Menschenlebens."

Recherche im Rekordgefängnis

In "Ich bin ein Schicksal" erzählt Romy Hall in Rückblenden aus ihrem Vorleben, vor allem aber aus ihrem Gefängnisalltag. Rachel Kushner bezog ihre Informationen direkt vor Ort, denn für die Menschenrechtsorganisation Justice Now gab sie in einem Frauengefängnis Schreibkurse.

Rachel Kushner: "Ich habe sehr enge Beziehungen zu einer Handvoll von Menschen, die eine lebenslängliche Haftstrafe im Frauengefängnis von Chowchilla in Kalifornien absitzen. Bei der Anstalt handelt es sich mit 4.000 Insassinnen um das größte Frauengefängnis weltweit, aber die USA hält alle Rekorde, wenn es um Gefängnisse geht."

Roman ohne Botschaft

Kushner wechselt in ihrem Roman mehrmals die Perspektive, lässt einen Gefängnislehrer zur zentralen Figur werden oder einen korrupten Polizisten, der als Auftragskiller mehrere Morde begangen hat. Rachel Kushner: "Je mehr ich versuchte, diesen unsichtbaren Ort zu verstehen, desto sicherer wusste ich, dass dabei nur ein Roman herauskommen konnte. Nicht einer mit einer Botschaft, die habe ich nicht, nein, ich wollte meinen Erfahrungen ein Gesicht geben ohne einfache Urteile abzuliefern."

Experten hinter hohen Mauern

Rachel Kushners Roman "Ich bin ein Schicksal" spielt zwar in der Enge von Zellen und Höfen, überwindet aber sprachlich und thematisch die hohen Gefängnismauern. Da hat Humor genauso Platz wie tiefe Erkenntnisse über das menschliche Miteinander, denn wie Kushner in einem Interview meinte: Häftlinge sind Menschen, die keinerlei Privatsphäre haben und deshalb die Dynamiken einer Gesellschaft besser verstehen als irgendwer sonst.

Service

Rachel Kushner, "Ich bin ein Schicksal", Roman, aus dem Amerikanischen: Bettina Abarbanell, Rowohlt. Originaltitel: "The Mars Room"

Gestaltung

  • Wolfgang Popp

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