Gebärden Sprache

AFP/JEAN-PHILIPPE KSIAZEK

Dolmetschen für Gehörlose

Manuskript der Dimensionen-Sendung "In die Stille übersetzen" in voller Länge zum Nachlesen.

Andreas Reinelt: Also ich bin hochgradig schwerhörig. Auf der rechten Seite bis zum 42. Lebensjahr, war ich taub, oder ich bin taub, und habe dann ein Cochlea-Implantat bekommen um zu schauen, da vielleicht noch etwas machbar ist – wenig. Am linken Ohr seit dem 4. Lebensjahr ein Hörgerät, hochgradig schwerhörig und durch intensives Sprachtraining im Kindesalter habe ich natürlich die Lautsprache auch gelernt.

Moderation: In die Stille übersetzen

Andreas Reinelt: Ich höre meine Stimme, bis zu einem gewissen Grad kann ich sie auch kontrollieren. Problematisch ist, wenn Störlärm ist, draußen. Dann wird es schwierig. Dann bin ich manchmal auch auf Rückmeldungen anderer angewiesen. Die meisten sagen zu mir, ich spreche zu leise.

Moderation: Dolmetschen für Gehörlose

Andreas Reinelt: Wie ich sechs Jahre alt war, haben meine Eltern immer gesagt, ich soll bei den Großeltern anrufen und fragen, ob wir vorbeikommen dürfen. Da war die Tradition: am Sonntagnachmittag besuchen wir Opa und Oma. Und da habe ich vorher immer telefonieren müssen. So habe ich das Hören auch gelernt, weil das Telefon die Qualität natürlich nicht so rüberbringen kann, wie live. Das mag auch ein Grund sein, warum ich so gut sprechen kann, weil die Eltern sehr dahinter waren und geschaut haben sich Zeit genommen haben, dass ich richtig aussprechen kann und vor allem ob ich richtig verstanden habe. Das ist ein großes Problem bei dem Hörgeschädigten, sie sagen immer „Ja“, aber haben nicht verstanden.

Moderation: Eine Sendung von Sabine Nikolay

Musik: Simon and Garfunkel, The Sound of Silence Version 1964

Moderation: Andreas Reinelt gehört zur Gruppe der Gehörlosen und Hörgeschädigten in Österreich. Offiziell wird die Zahl der Gehörlosen mit rund 8.000 angegeben, und die der Schwerhörigen auf 10 - 15.000 geschätzt. Die Dunkelziffer ist vermutlich höher, denn die Zahlen umfassen nicht nur Menschen, die von Geburt an gehörgeschädigt sind oder durch Krankheit oder Unfall ihr Gehör verloren haben. In unserer alternden Gesellschaft wächst die Zahl der Gehörgeschädigten. Hörbeeinträchtigungen aufgrund des höheren Lebensalters sind für die Betroffenen oft mit Scham verbunden. Sie sprechen nicht über die zunehmende Stille in der sie leben, sondern ziehen sich zurück. Einsamkeit und eine sinkende Lebensqualität können die Folgen sein.

Musik: Simon and Garfunkel, The Sound of Silence Version 1964

Moderation: Andreas Reinelt wurde 1969 mit einer Hörbehinderung geboren. Dank des großen Engagements seiner Eltern erlernte er das Sprechen. Trotzdem wurde das intelligente, neugierige Kind ab dem Volkschulalter durch gesellschaftliche Vorurteile und Unwissenheit einer weiteren Behinderung ausgesetzt.

Andreas Reinelt: Also die Volkschule bin ich in eine Sonderschule gegangen. Da war das so dass ich mich immer wieder zu Hause beschwert habe, mir ist es so langweilig in der Schule. Und das war auch ein Anlass für meine Eltern zu sagen: gibt es da eine Möglichkeit, dass ich inklusiv beschult werden kann? Ich bin dann auch inklusiv beschult worden. Hab’ die Hauptschule gemacht, dann das Gymnasium gemacht und die Matura abgeschlossen und zwei Studien.

Moderation: Andreas Reinelt studierte zunächst Geologie. Da er in diesem Fachbereich keine seinen Ansprüchen gerechte Arbeitsstelle finden konnte, absolvierte er noch das Studium der Erziehungswissenschaften.

Andreas Reinelt: Dafür habe ich ein spezielles Gerät bekommen, das nennt sich Funkmikrofon, kurz FM-Anlage, ein Mikrophon und ich habe ein Empfangsgerät gehabt, das direkt mit dem Hörgerät angeschlossen war und so war die Situation so als ob der Lehrer immer neben mir gestanden wäre, weil das Mikrophon nicht weit weg vom Mund war, und so hatte ich den Eindruck als stände er direkt neben mir. Das hat mir sehr geholfen. Eigentlich eine einfache Technik wenn man sie auch bekommt.

Moderation: Eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung wirkt sich dann als Behinderung aus, wenn die Gesellschaft nicht alles tut, um diese Menschen in das Alltagsleben zu inkludieren. Österreich hat mit dem Bundesbehindertengleichstellungsgesetz von 2006 den gesetzlichen Rahmen dafür geschaffen. Gleichbehandlung und Barrierefreiheit sind in Österreich heute geltendes Recht, kein bloßes Entgegenkommen. Das bedeutet: Für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, muss Barrierefreiheit gegeben sein: Gehsteigkanten müssen abgeflacht, Treppen durch Aufzüge zu überwinden sein. Türen sollten automatisch öffnen. Blinde und sehbehinderte Menschen sollten sich dank Blindenleitsystemen und akustischen Signalen frei bewegen können. Und für Gehörgeschädigte gibt es die Verständigung mittels Gebärdensprache und das Schriftdolmetschen.

Franz Pöchhacker: Der Ausdruck Schriftdolmetschen ist eigentlich sehr ungewöhnlich und durchaus noch sehr umstritten, das Wort dolmetschen suggeriert für die meisten Menschen, dass es da um einen Wechsel zwischen verschiedenen Sprachen geht. Das ist die herkömmliche Bedeutung dieses Wortes - im deutschsprachigen Raum hat sich aber diese Bezeichnung für eine Tätigkeit durchgesetzt, die nicht zwischen Sprachen sondern innerhalb von einer Sprache praktiziert wird, nämlich von der gesprochenen Form der Sprache in eine schriftliche Form.

Moderation: Franz Pöchhacker ist ausgebildeter Konferenzdolmetscher und außerordentlicher Universitätsprofessor. Er forscht und lehrt seit über 20 Jahren am Institut für Translationswissenschaften an der Universität Wien.

Franz Pöchhacker: In anderen Sprachen gibt es Möglichkeiten wie im Englischen das sogenannte Voice Writing das ja schon darauf hinweist, dass hier das gesprochene Wort schriftlich ausgedrückt wird, oder es gibt auch den Ausdruck Speech to Text Reporting – auch hier wird das Wort „dolmetschen“ – „interpreting“ vermieden, aber im deutschsprachigen Raum hat man sich auf den Ausdruck Schriftdolmetschen geeinigt um die Übertragung von Gesprochenem in das Schriftliche zu benennen.

Musik: Limelight von Charlie Chaplin

Moderation: Schriftdolmetschen, oder "Audiodeskription", wie dieser Vorgang auch genannt wird, ist aus einer Technik hervorgegangen, die es seit der Einführung der Kinematografie gibt: in der Frühzeit des Kinos gab es nur Stummfilme. Die Dialoge wurden auf Inserts in schriftlicher Form wiedergegeben. Dazu wurde Live-Musik gespielt.

Musik: Limelight von Charlie Chaplin

Moderation: Seit der Einführung des Tonfilms erübrigt sich die Einblendung von Dialogen in schriftlicher Form. Bei fremdsprachigen Filmen gibt es jedoch weiterhin die Widergabe von Dialogen durch Schrift: mit Untertiteln. Oft stehen sogar Sätze in verschiedenen Sprachen am unteren Bildrand. Die Film-Untertitelung wird natürlich nicht live gemacht, sondern im Zuge des Produktionsprozesses vorbereitet. Anders ist es bei Live-Diskussionen im Fernsehen: steht keine Simultandolmetscherin für eine Sprachübersetzung zur Verfügung, kann man eine Live-Untertitelung anbieten. Zu den Fernsehprogrammen des ORF gibt es für gehörlose und gehörgeschädigte Menschen eine Untertitelung aller Sendungen via Teletext.

Franz Pöchhacker: Für diesen Prozess vom Gesprochenen zum Schriftlichen gibt es verschiedene Möglichkeiten.

Moderation: Sagt der Translationswissenschafter Franz Pöchhacker.

Franz Pöchhacker: Ursprünglich wurde dieses Schreiben mit einer herkömmlichen Tastatur betrieben. Dann gibt es auch Systeme die mit einem stenografischen Tastatursystem funktionieren. Benennungen wie "Stenotype", "Velotype" werden hier verwendet, aber diese Schriftsysteme, Schreibsysteme, sind sehr komplex und aufwändig und es braucht oft Jahre bis man mit diesem System umgehen lernt. Eine Ausbildung von bis zu zwei Jahren ist erforderlich und das war auch der Grund weshalb man mit dem zunehmenden Fortschritt in der Technologie der Spracherkennung dazu übergegangen ist, diese gesprochenen Äußerungen nicht direkt aufzuschreiben sondern mithilfe einer Spracherkennungssoftware umzuwandeln. Eine Person, der sogenannte „Respeaker“ wiederholt die Äußerungen und diese gesprochenen Äußerungen werden dann von der Spracherkennungssoftware in Text umgesetzt.

Moderation: Technische Innovationen führen zu immer neuen Möglichkeiten: heute kann nicht nur die gesprochene Sprache synchron in Schrift übersetzt werden: auch eine Übersetzung in mehrere Sprachen gleichzeitig ist möglich. Die Schrift erscheint dann auf dem Fernsehschirm, bei internationalen Konferenzen, in Theater und Oper auch auf einer Leinwand oder einem Platz-Bildschirm. Ein Service, das nicht nur für Menschen mit Behinderung sehr angenehm ist – denn oft ist das Englisch der Vortragenden nicht gut zu verstehen, oder die Raumakustik ist schlecht.

Atmosphäre: Konferenz, Gemurmel im Publikum

Moderation: Wie die verschiedenen Übersetzungstechniken angewendet werden, konnte man im Februar 2019 bei einer internationalen Konferenz im Rahmen des EU-geförderten Projekts ILSA erleben.

Atmosphäre: Konferenz, Gemurmel im Publikum

Moderation: Die Abkürzung "ILSA" steht für "Interlingual Live Subtitling for Access", also: "Barrierefreie Live-Untertitelung und Übersetzung". Die Konferenzteilnehmerinnen und Teilnehmer kommen aus ganz Europa. Unter ihnen befinden sich viele hörgeschädigte und gehörlose Menschen. Vor der Eröffnung der Konferenz schwirrt der Raum von vielen Sprachen - und dazwischen Menschen, die sich in Gebärdensprache unterhalten.

Atmosphäre: ILSA Konferenz, Gemurmel im Publikum

Andreas Reinelt: Die Gebärdensprache ist nicht einheitlich. Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass die Gebärdensprache weltweit einheitlich ist. Das stimmt nicht.

Moderation: Der gehörbeeinträchtigte Geologe, Bildungswissenschafter und Unternehmer Andreas Reinelt.

Andreas Reinelt: Es gibt innerhalb vom Land regionale Unterschiede. Die Tiroler Gebärdensprache ist zum Beispiel anders aufgebaut, als die Wiener Gebärdensprache. Man versucht schon seit Jahren eine sogenannte universelle Gebärdensprache aufzubauen, damit die Gehörlosen weltweit verstehen können. Es gibt auch die sogenannte internationale Gebärdensprache, die mehr oder weniger ein Mix aus verschiedenen Dialekten zusammengewürfelt ist. Es etabliert sich immer mehr und mehr die internationale Gebärdensprache.

Atmospähre: ILSA Konferenz, Gemurmel im Publikum

Moderation: Bei der ILSA Konferenz am Institut für Translationswissenschaften der Universität Wien werden drei Übersetzungsmöglichkeiten angeboten: Auf beiden Seiten des Rednerpults stehen Gebärdensprachendolmetscher, die simultan ins Deutsche und Englische übersetzen. Und auf einer Leinwand über der Bühne wird der Text der Simultanübersetzung aus dem Englischen ins Deutsche projiziert.

Atmosphäre: ILSA Konferenz / Eröffnung Atmosphäre
Ladies and Gentlemen if you kindly take your seats I would propose that we start a technical check of the setup to give our interpreters who will be the main receivers of simultanious interpretation from English into German for this first part of the event to give them a chance to adjust the receivers and see that things are working ok.

Moderation: Technisch sind barrierefreie Veranstaltungen für Gehörlose eine große Herausforderung: Mikrophone, Verstärker, Lautsprecher und Beamer, aber auch Kopfhörer, die Computer, die die Simultanübersetzungen machen, und die Übertragungstechnik an den Beamer müssen funktionieren. Franz Pöchhacker plant deshalb am Beginn solcher Veranstaltungen immer ausreichend Zeit für Sound- und Video-Check ein.

Atmosphäre: ILSA Konferenzeröffnung

Moderation: Im hinteren Bereich des Hörsaals befinden sich die Kabinen, in denen die Simultanübersetzer und –übersetzerinnen arbeiten.

Atmosphäre: ILSA Konferenzeröffnung

Atmosphäre: Übersetzungskammerl, Martina Tampir / im Hintergrund leise ILSA Konferenzgemurmel
Martina Tampir : Ich habe ein Headset auf und höre über den Kopfhörer den Ton und spreche über das Mikrophon in die Spracherkennungssoftware ein und habe auf dem Bildschirm ein....es schaut aus wie ein Worddokument wo dann die Spracherkennungssoftware die Verschriftlichung ausspuckt.

Moderation: Martina Tampir ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim EU-Projekt "ILSA" - "Interlingual Live Subtitling for Access". Sie hat Konferenzdolmetschen in den Sprachen Deutsch, Englisch und Spanisch studiert und arbeitet außerdem als Live-Untertitlerin für Deutsch. In Vorbereitung der Konferenz hat Martina Tampir der Spracherkennungssoftware bereits einige Fachausdrücke beigebracht.

Atmosphäre: ILSA Konferenzgemurmel

Atmosphäre: Übersetzungskammerl, Martina Tampir / im Hintergrund leise
Martina Tampir: Es gibt auch bestimmte Kommandos mit denen man Begriffe der Spracherkennungssoftware antrainieren kann, wenn sie sie anders nicht erkennt.

Moderation: Die Simultanschriftdolmetscherin kann also während des Übersetzungsvorgangs, der nur noch über Sprache funktioniert, eingreifen, wenn die Verschriftlichung fehlerhaft wiedergegeben wird, oder die Software bestimmte Ausdrücke nicht erkennt.

Atmosphäre: ILSA Konferenz, Begrüßung: Ladies and Gentlemen, if you kindly take your seats

Moderation: Noch einmal die Eröffnung der Konferenz – diesmal aus dem Blickwinkel der Simultandolmetscherin Martina Tampir: Franz Pöchhacker tritt ans Rednerpult und beginnt mit der Begrüßung. Martina Tampir übersetzt simultan ins Deutsche. Was sie in ihr Mikrofon spricht, erscheint In Echtzeit auf der Leinwand.

Atmosphäre: ILSA Konferenz, Eröffnung: Iwould propose that we start with a technical check of the setup, to give our interpreters who will be the main receivers of ….

Martina Tampir: Wir beginnen mit einem technischen Test, Punkt. So können wir den Dolmetscherinnen Komma welche die Dolmetschung vom Englischen ins Deutsche gewährleisten Komma die Möglichkeit kommen.....Tastatur......geben....Komma die Verstärker anzupassen und zu sehen Komma ob alles funktioniert. Funktioniert das für alle, Fragezeichen.

Moderation: Martina Tampir übersetzt simultan vom Englischen ins Deutsche. Den kleinen Versprecher kann sie sofort über die Tastatur ausbessern. Auf der Leinwand über der Bühne ist zu sehen, wie die Schrift verschwindet und neu geschrieben wird. Ebenso verfährt sie mit schwierigen Worten, die der Computer nicht versteht, oder wenn sich die Vortragenden korrigieren.

Atmosphäre: ILSA Konferenz Eröffnung: Yes, with that ladies and gentlemen, dear guests, dear colleagues it is my pleasure to welcome you to this event which is a socalled ..........

Martina Tampir: Liebe Damen und Herren Komma liebe Gäste Komma liebe Kolleginnen und Kollegen, mir ist es eine Freude, Sie heute willkommen zu heißen Punkt. Es ist ein (Tastatur) dass durch ILSA-Bla finanziert wird.

Atmosphäre: ILSA Konferenz Eröffnung

Moderation: Da die Software komplizierte Worte nicht von selbst erkennt oder falsch interpretiert, gibt es Möglichkeiten, dem Computer diese vorab beizubringen, wie im Fall der Abkürzung "ILSA", die in Großbuchstaben geschrieben wird.

Martina Tampir: ILSA-Bla habe ich deswegen gesagt, weil ich vorher versucht habe nur ILSA einzusprechen, dann ist es als kleines Wort gekommen, eben als Name. Da ILSA aber als Akronym groß geschrieben wird, habe ich das als Makro einsprechen müssen und dann weiß die Software, dass ich genau dieses Wort meine und schreibt es genau so wie ich es will. Es gibt ein Vokabular und ich füge dem Vokabular dieses Akronym hinzu und es gibt eine geschriebene und eine gesprochene Form im Vokabular und als gesprochene Form kann ich ILSA-Bla hinschreiben und so erkennt das Programm wenn ich ILSA-Bla sage, schreibt es nur ILSA hin.

Moderation: Bei Simultanübersetzungen müssen die Dolmetscherinnen und Dolmetscher vorab wichtige Entscheidungen zum Übersetzungsstil treffen.

Daniela Eichmeyer-Hell: Schriftdolmetschen kommt in den verschiedensten Situationen zum Einsatz. Gehen wir mal aus von der primären Zielgruppe – die Hörgeschädigten, da ist es vor allem bei Schule, Ausbildung, Universität, Fort- und Weiterbildung im Beruf, Teammeetings, Telefonkonferenzen, bei Arztbesuchen, vor Gericht, bei der Polizei auch.

Moderation: Daniela Eichmeyer-Hell ist Konferenz- und Schriftdolmetscherin für Deutsch, Englisch und Spanisch. Sie sieht sich nicht nur als Übersetzerin für Gehörlose und hörgeschädigte Menschen - denn Schriftdolmetschen kann auch Menschen ohne Beeinträchtigungen zugute kommen.

Daniela Eichmeyer-Hell: Es hat sich immer mehr herausgestellt, dass bei internationalen Konferenzen Schriftdolmetschung sehr sehr hilfreich ist, vor allem dann, wenn die Konferenzen einsprachig sind, sei es jetzt Deutsch oder Englisch, das Publikum aber international ist und dann auf Grund von Akzenten oder auch der Geschwindigkeit der Sprecher nicht mitkommen würde. Aber wenn sie das Ganze dann auf einem zusätzlichen Monitor lesen können, dann verstehen sie’s.

Moderation: Die komplexen Inhalte von wissenschaftlichen Konferenzen, die heute überwiegend in Englisch präsentiert werden, seien für die meisten Teilnehmenden Dank der Untertitelng leichter verständlich, sagt Daniela Eichmeyer-Hell.

Daniela Eichmeyer-Hell: Grad im wissenschaftlichen Bereich lesen eigentlich alle Englisch und lesen und verstehen das sehr gut. Aber die gesprochene Sprache ist dann doch wieder ganz etwas anderes. Die Schriftdolmetscher machen dann intralingual Englisch und dann kommt das in Englisch auf den Monitor und mit dem Mitlesen haben sie dann keine Probleme.

Moderation: Die Schriftdolmetscher können den Vortrag eins zu eins in Schrift übertragen, meint Daniela Eichmeyer-Hell. Das sei zwar die Methode, bei der nichts vom Gesagten verloren gehe, doch die Verständlichkeit erhöhe diese Technik nicht.

Daniela Eichmeyer-Hell: Also ich hab den Versuch schon gemacht. Ich hab einmal einen Uniprofessor der eine Vorlesung gehalten hat über die Entwicklung eines ostasiatischen Landes, im Nachhinein verschriftlicht und hab das dann dem gegenübergestellt, was ich in der Live-Situation schriftgedolmetscht habe. Die eins-zu-eins-Verschriftlichung war nicht verständlich. Es waren sehr viele Satzabbrüche drinnen, es waren teilweise sogar grammatikalische Fehler drinnen, Angleichungsfehler, es waren unheimlich viele Redundanzen, Wiederholungen überhaupt, auch wortwörtliche – und sehr sehr schnell, teilweise auch genuschelt, aber wie gesagt: das eins zu eins Verschriftlichte ist nicht verständlich, schon gar nicht in der Live-Situation, diejenigen die die Schriftdolmetschung gelesen haben, das waren alles ausländische Studierende, Chinesen, Italiener, Polen.

Moderation: Speziell im wissenschaftlichen Bereich, verschriftlichen die Dolmetscher daher nicht wortwörtlich, sondern nützen verschiedene Ausprägungsgrade der sogenannten "leichten Sprache". Bei dieser Vereinfachung durch Zusammenfassung, Auslassen von Wiederholungen, und der Korrektur von Grammatikfehlern gibt es verschiedene Abstufungen.

Daniela Eichmeyer-Hell: Im Prinzip lernt man hauptsächlich einmal nahe eins zu eins. Das heißt man produziert einen kohärenten Text, das heißt, dass das was da steht schon das ist, was der Ausgangsredner gesagt hat, aber in einer korrekten und verständlichen Form. Und dann gibt es Abstufungen wie man einen Zieltext produzieren kann. Man kann die Lesbarkeit verbessern durch Segmentierung, das heißt lange Sätze, verschachtelte Sätze werden in kurze Hauptsätze segmentiert, also zerstückelt, quasi.

Moderation: Der italienische Translationswissenschafter Carlo E-ugeni machte eine Studie zur Verständlichkeit von Audiodeskription, an der 97 Menschen mit unterschiedlichem Bildungsgrad zwischen 18 und 91 Jahren teilnahmen. Die meisten von ihnen waren gehörlos, andere gehörgeschädigt, einige hörten gut. Carlo Eugeni zeigte seinen Probanden eine Nachrichtenmeldung mit verschiedenen Untertitelungen. Die erste war eine eins zu eins Live Untertitelung. Die zweite lexikalisch vereinfacht, das heißt komplizierte, seltene Worte wurden durch gebräuchlichere ersetzt. Die dritte Version war die bereits angesprochene syntaktisch reformulierte Version in Hauptsatzketten. Und die letzte Stufe war eine Komprimierung der Nachrichten auf die Hälfte des Gesagten.

Daniela Eichmeyer-Hell: Und er hat dann überprüft, wie verständlich ist das ganze, und da ist rausgekommen, dass wenn etwas 1:1 untertitelt wird, etwas über fünf Prozent an richtigen Antworten kam. Und der größte Sprung war hin zur syntaktischen Vereinfachung, also vom Satzbau und da hat er über 60 Prozent an richtigen Antworten bekommen und am richtigsten war die wo der Inhalt auf 50 Prozent zusammengefasst worden ist, und da gab’s dann weit über 95 Prozent richtige Antworten.

Moderation: Schriftdolmetschen ist bei richtiger Technik ein gutes Mittel um Kommunikation zu ermöglichen oder zu verbessern. Heute kann man dank verschiedener Apps für Smartphone, Tablet und Laptop, die gesprochene Sprache auch unterwegs in Schrift übersetzen.

Andreas Reinelt: Ich kann fließend Gebärdensprache, brauche aber trotzdem Schriftdolmetschen, weil ich mit der Lautsprache aufgewachsen bin und die Lautsprache und die Schriftsprache ist meine Muttersprache.

Moderation: Im Alltag sei die Übersetzung in die Gebärdensprache ebenso wichtig wie das Schriftdolmetschen, sagt der gehörbeeinträchtigte Andreas Reinelt. Für viele Gehörlose ist die Gebärdensprache die Muttersprache, gleichzeitig gibt es durch die Alterschwerhörigkeit aber auch eine wachsende Gruppe Betroffener, die keine Gebärdensprache kann und sie auch nicht mehr erlernen wird. Im akademischen Bereich besteht die Möglichkeit, um Übersetzungen in beiden Techniken anzusuchen, auch, um die Finanzierung dafür aufzubringen. Bevorzugt werde im Namen des Bundesbehindertengleichstellungsgesetzes jedoch meist die Gebärdensprache, bedauert Andreas Reinelt.

Andreas Reinelt: Zum Beispiel bei Fachvorträgen bevorzuge ich Schriftsprache, eben weil ich gewohnt bin mit Fachwörtern zu denken und zu arbeiten. Wenn ich da einen Antrag stelle, für die Finanzierung für Gebärdensprachdometschen und Schriftsprachdometschen. Ich möchte mir dann aussuchen, wann ich Gebärdensprachdolmetschen haben will und wann Schriftsprachdolmetschen. Es wird aber Gebärdensprachdolmetschen bevorzugt, weil das in der Vorschrift verankert ist, und bezahlt wird. Ich sage nein, ich will schriftdolmetschen, und dennoch wird es mit Gebärdensprache angeboten. Also ich werde fremdbestimmt - und das ist leider im Moment ein großes Problem.

Absage: Sie hörten: In die Stille übersetzen. Dolmetschen für Gehörlose.
Gestaltung: Sabine Nikolay.
Gesprochen haben: Raphael Sas und die Autorin.
Redaktion: Sabrina Adlbrecht.
Am Donnerstag in den Dimensionen: "We just wanted to go" - Frauenexpeditionen in den Himalaya.

Service

Stille Kommunikation
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Universität Wien - Zentrum für Translationswissenschaft