Sandgrube Stammersdorf

ORF/MATTHIAS DÄUBLE

Die knappe Ressource Sand

Sand hat ein Imageproblem. Im Getriebe hält er auf, im Schuh ist er unangenehm, in der Badehose sowieso. Wer auf ihm baut, steht dumm da, wer etwas in ihn setzt, hat verloren, wer sich gleich zur Gänze auf ihm befindet, ist ganz unten aufgeschlagen. Ist er in den Augen, wurde man getäuscht, steckt der Kopf drin, täuscht man sich selbst. Inbegriff der Wertlosigkeit ist er auch noch, kaum ein Landwirt will ihn im Boden haben, und schließlich gibt es ihn ja wie... wie Sand am Meer, halt.

Oder eben nicht mehr. Sand ist eine rare Ressource geworden. Das treibt bizarre Blüten: Dubai, bekannt für Scheichs, Öl und zu viel Geld, importiert Sand, obwohl der Zwergstaat von nichts anderem umgeben ist. Der Grund: Wüstensand taugt nicht zum Bauen.

Sand aus der Wüste ist zu klein und zu rund, um damit Mörtel und Beton anzumischen. Das Emirat baggerte zuerst den eigenen Meeresboden leer, bis fast aufs letzte Korn, und ruinierte damit das Ökosystem vor seiner Küste. Die Bauwut der Scheichs war jedoch ungebrochen, also suchte man nach anderen Sandquellen – und importiert seit einigen Jahren Sand aus Australien.

40 Milliarden Tonnen Sand wurden 2018 weltweit verbraucht

Die Dekadenz der Ölmilliardäre, mag man nun denken, doch weit gefehlt! 40 Milliarden Tonnen Sand und Kies wurden 2018 weltweit verbraucht, davon entfällt nur ein kleiner Teil auf Dubai und seine Nachbarn. Europa, Nordamerika und vor allem China verbrauchen ungleich mehr.

Ein Einfamilienhaus europäischen Zuschnitts verschlingt 200 Tonnen, ein Kilometer Autobahn 30.000 Tonnen. Der Sand kommt dabei oft aus fragwürdigen Quellen, manche Quellen sprechen bereits von einer Sandmafia. Zum Beispiel in Marokko: Sand wird dort vor allem illegal abgebaut, mächtige Clans kontrollieren das Geschäft. Die Folgen des unkontrollierten Abbaggerns sind verheerend. Durch den verschwindenden Meeresboden rutscht Sand von der Küste nach. So werden zwei Ökosysteme auf einmal ruiniert.

Victoriasee

Victoriasee

APO/KIRSTY WIGGLESWORTH

Sand wird schneller abgebaut als er erzeugt wird

Uganda, einer der drei Anrainerstaaten des Victoriasees, lässt durch schwammige Gesetzgebung zu, dass der See mehr oder weniger unkontrolliert leer gebaggert wird. Die boomende Baubranche im Land, befeuert mit chinesischem Geld, verlangt stetig Nachschub. Die Folge sind Landverluste, ruinierte Fischer und wieder: zerstörte Ökosysteme.

Egal wo: Sand wird schneller abgebaut als er durch Erosion erzeugt wird. Manche Experten sprechen schon von einem "Peak Sand", den wir bereits überschritten hätten; die Produktion kann wegen schwindender Ressourcen nur mehr sinken.

Sandgrube Stammersdorf

Sandgrube Stammersdorf

ORF/MATTHIAS DÄUBLE

Der Kreislauf des Sandes

Auch wenn es nicht ums Bauen geht, ist Sand ein durchaus kritischer Stoff. Er liegt nicht einfach so am Strand und auf dem Meeresboden herum, sondern ist ständig in Bewegung. Wird der Kreislauf an einer Stelle unterbrochen, fehlt anderswo etwas.

Das lässt sich in der Nordsee beobachten, der Sand kreist hier im Uhrzeigersinn die Küsten entlang. Vor allem in Holland wird er jedoch durch sogenannte Buhnen gebremst: weit ins Meer reichende Barrieren aus dicken Holzpflöcken, an denen sich der Sand ablagert. Der Strand wird breiter, die Tourist/innen freuen sich. Währenddessen bröckelt in Großbritannien die Ostküste jährlich meterweise ins Meer, weil der schützende Sand nicht vor den sanften Klippen Yorkshires, sondern noch in Holland ist.

Die gute Nachricht: An Alternativen wird gearbeitet. Bauschuttrecycling und Steinmehl aus der Natursteinproduktion könnten in Zukunft den Druck auf empfindliche Wasserökosysteme etwas mindern.

Gestaltung

  • Matthias Däuble