Bärbel Bohley

APA/THOMAS PREISS

Bärbel Bohley - Gallionsfigur der Wende in der DDR

Im 30. Jahr des Falls der Berliner Mauer und dem daraus resultierenden Ende der Deutschen Demokratischen Republik wiederholt Ö1 ein Gespräch, das Peter Huemer im Mai 1993 mit der Bürgerrechtlerin und Malerin Bärbel Bohley geführt hat (Erstausstrahlung am 27. Mai 1993).

Sie war eine widerständige Frau und eine der Gallionsfiguren der demokratischen Wende in der DDR. Ihre Lebensgeschichte liest sich wie ein Kriminalroman. Und viele ihrer Haltungen und Taten wirken auch heute, fast zehn Jahre nach ihrem Tod im Jahr 2010, noch widersprüchlich.

Bärbel Bohley

DPA/WOLFGANG KUMM

Bärbel Bohley, 1990

So beschuldigte die in der DDR sehr anerkannte Malerin Bohley ihren Anwalt Gregor Gysi, der ihr nach ihrer Abschiebung nach England im Jahr 1988 die Wiedereinreise in die DDR ermöglicht hatte, später als Stasi-Spitzel. Zur Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 prophezeite Bohley der ostdeutschen Gesellschaft den Untergang im System des kapitalistischen Westens. Um dann 2002 die liberale FDP bei den Bundestagswahlen zu unterstützen.

Bärbel Brosius, die Stimme der oppositionellen Bürgerbewegung der DDR, wird im Mai 1945 nahe der Berliner Friedrichstraße geboren. Amputierte Kriegsinvalide gehören nach eigenen Angaben genauso zum kindlichen Alltag wie der daraus resultierende Einsatz für die Kleineren und Schwächeren. Die Tochter eines Konstrukteurs schließt eine Ausbildung zur Industriekauffrau ab. Ab 1969 lebt sie als Künstlerin in der Fehrbelliner Straße im Stadtteil Prenzlauer Berg in einer Wohnung, die zum Zentrum des Widerstandes gegen das SED-Regime wird. Auch wenn Fachleute von ihrer Kunst überzeugt sind: Die SED ist es nicht. Die Verleihung des Karl-Hofer-Preises durch die BRD, die "große Schwester" im Westen, kann daran kaum etwas ändern.

Die Gründung der Bürgerinitiative "Frauen für den Frieden" im Jahr 1982 ist ihre Antwort auf ein neues Wehrgesetz, das den militärischen Gehorsam im Staat durchsetzen soll. Ab diesem Zeitpunkt gilt für die Verfechterin der "Bürgerdemokratie" ein inoffizielles Berufsverbot: Bohley, bis dahin Mitglied der Sektionsleitung, wird aus dem Verband Bildender Künstler entlassen. Immer wieder findet das Ministerium für Staatssicherheit Gründe, sogenannte operative Vorgänge gegen Bärbel Brosius, seit 1970 verheiratete Bohley, zu rechtfertigen. Zwei Mal wird sie verhaftet und nach Hohenschönhausen, in die Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit, gebracht. Beide Male wird Bohley aufgrund des enormen internationalen Drucks wieder freigelassen. 1988 muss sie ins britische Exil gehen.

Es ist Gregor Gysi, der ihr als Anwalt die Rückkehr in die DDR ermöglicht. Nachdem Bohley im Mai 1990 mit einem Bürgerkomitee in das Hauptquartier der Stasi in der Berliner Normannenstraße marschiert ist, um ihre Akte einzusehen, nennt sie Gysi öffentlich einen "inoffiziellen Mitarbeiter". Bisher konnte Gysi gerichtlich das Gegenteil beweisen.

Bärbel Bohley

DPA

Bärbel Bohley während einer Demonstration in Ost-Berlin (DDR), 1989.

Am 10. September 1989 gründet Bohley mit Katja Havemann, der Witwe des DDR-Dissidenten Robert Havemann, in deren Haus in der Grünheide am Rande Berlins das "Neue Forum". Obwohl sich Bohley selbst immer kritisch gegenüber dem Thema Parteipolitik äußert und sich für eine Opposition "von unten" ausspricht, ist sie bei der Europawahl 1994 Spitzenkandidatin des Neuen Forums.

Von 1996 bis 1999 ist sie EU-Beauftragte zur Förderung der Rückkehr von bosnischen Flüchtlingen in Sarajewo. In ihrem Tagebuch hält sie am 20. Juni 1996 fest: "Mir ist hier (in Bosnien, Anm. der Redaktion) tatsächlich vieles vertraut, vor allem die Mentalität der jungen Menschen, ihre Anspruchshaltung, ihr mangelndes politisches Interesse, ihre Lust, jetzt endlich viel und schnell Geld zu verdienen und vier Jahre ungelebtes Leben nachzuholen." Von 1996 bis 2008 lebt Bohley in Bosnien, wo sie sich um Flüchtlinge kümmert. 2010 stirbt sie in Berlin an Lungenkrebs.

Gestaltung: Birgit Allesch