Häuserfront

JULIA GAISBACHER

Partizipativer Wohnbau

Wie wollen wir eigentlich wohnen? Wie viele Zimmer soll eine Wohnung oder ein Haus haben, wie groß sollen diese sein und wie zueinander angeordnet? Oft gibt es bei Neubauten für die zukünftigen Benutzer wenig Möglichkeiten, über solche Fragen mitzuentscheiden. Dabei sind Menschen, die bei der Planung ihrer Wohnung mitreden können, nachweislich zufrieden mit dieser und zeigen auch ein anderes Verantwortungsgefühl gegenüber ihrer Umgebung. Partizipation ist das Schlüsselwort - und in der Architektur wird das immer wichtiger, wie etwa das Baugruppen-Modell veranschaulicht.

Kulturjournal | 23 08 2019

Anna Soucek

Ein Pionier des Planens mit Bewohner-Beteiligung ist der steirische Architekt Eilfried Huth. In den 1970er Jahren hat er in Deutschlandsberg und in Graz-Puntigam Siedlungen errichtet, die unter Mitbestimmung ihrer Bewohnerinnen gestaltet wurden. Mit diesen Siedlungen beschäftigt sich eine Ausstellung der Fotografin Julia Gaisbacher im Forum Stadtpark in Graz, die bis 6. September läuft: "Mein Traumhaus sind Luftschlösser" heißt sie, den Architekten zitierend.

Traumhäuser und Luftschlösser

Als Fotografin interessiert sich Julia Gaisbacher, 1983 bei Graz geboren, für das Wechselspiel von gebauter Umgebung und der Gesellschaft, also von Architektur und Menschen, die in dieser leben oder diese benutzen. Aus fotografischen Skizzensammlungen entwickelt sie künstlerische Projekte. Eigentlich kommt sie aber aus der Theorie - sie hat Kunstgeschichte studiert - und der Kunstproduktion hat sie sich während der Ausbildung nach und nach angenähert: "Am Anfang, als ich mit dem Kunststudium begonnen habe, war es unglaublich schwierig, mich in meiner künstlerischen Praxis nicht ständig in kunsthistorischen Verweisen zu verwickeln oder andere Künstlerinnen im Hinterkopf zu haben, die ähnlich gearbeitet haben. Es war wirklich ein Loslösen von der Theorie."

Belgrad am Wasser

Gaisbacher studierte in Graz und Wien, in Dresden und Brüssel. Gent und Belgrad sind weitere Orte, an denen sich Julia Gaisbacher länger aufgehalten hat und die in ihren Arbeiten auftauchen. Einem Stadtentwicklungsprojekt in der serbischen Hauptstadt Belgrad widmet sie sich seit zwei Jahren. Belgrade Waterfront heißt dieser Stadtteil, der am rechten Save-Ufer gebaut wird, auf Serbisch "Beograd na vodi", also "Belgrad am Wasser".

6.000 Wohnungen sollen hier entstehen, sieben Hotels und die größte Shopping Mall in Südosteuropa. "Es wird auch einen 168m hohen Glasturm geben, in Anlehnung an Dubai", so Gaisbacher. "Der hätte nächstes Jahr fertig werden sollen, jetzt ist es verschoben worden. Ich weiß nicht, ob er überhaupt jemals fertig werden wird. Die Situation ist natürlich sehr schwierig: Die Bevölkerung hat ein Durchschnittseinkommen von 450 Euro; und wenn man den Leuten so einen Luxus-Stadtteil vor die Nase setzt, dann steht das in keinem Verhältnis zur Stadt und zum dortigen Leben. Es sind viele Leute zwangsenteignet worden, es hat illegale Abrisse gegeben - eine sehr schwierige Situation also."

Beteiligung am Bauprozess

Mit ihrer Fotokamera beobachtet Julia Gaisbacher die Veränderungen in der Stadt, in der die projektierten Hochhäuser stets nur als Vision oder als Drohszenario präsent sind. Etwa wenn Tausende auf die Straße gehen, um gegen das Vorgehen der Regierung zu demonstrieren, die das von arabischen Investoren finanzierte Großprojekt durchsetzen will.

Einen Kontrast zu dieser Situation stellt das andere Langzeitprojekt von Julia Gaisbacher da, dessen Ergebnisse jetzt in der Ausstellung "Mein Traumhaus sind Luftschlösser" im Forum Stadtpark gezeigt werden: Ihre Recherche zu partizipativen Bauprojekten der 1970er Jahre und wie es sich heute in diesen lebt.

Bewohner und Bewohnerinnen der Siedlung Gerlitzgründe in Graz-Puntigam hat Julia Eschenbach in ihre künstlerische Recherche eingebunden. Diese Siedlung wurde ab 1975 gebaut - unter der Planung des Architekten Eilfried Huth und unter aktiver Mitbestimmung der Bewohner und Bewohnerinnen. Das waren damals Jungfamilien, die ökonomisch nicht besonders gut gestellt war, denen aber dank des geförderten Wohnbaus dennoch der Traum vom Eigenheim erfüllt werden sollte. "Eilfried Huth hat die zukünftigen Bewohner in Workshops und vielen Treffen geschult, um ein Raumverständnis zu entwickeln und um dadurch immer mehr selbst herausfinden zu können, wenn es um ihren eigenen Wohnraum geht", erzählt Gaisbichler. Mit Modellen aus Holzsteckelementen und aus Papier, sowie mit Zeichnungen wurde dabei gearbeitet und nachgedacht.

Architektur mit Gesellschaftsauftrag

Huth hat den Menschen nicht nur Werkzeuge gegeben, ihre Wünsche zu artikulieren, sondern hat sie auch ermutigt, einen Verein zu gründen, um der Genossenschaft und der Baufirma gegenüber auftreten zu können. Er hat sie bestärkt in der Erfahrung, dass eine Gemeinschaft was bewirken kann.

Der partizipative Planungsprozess war damals überaus ungewöhnlich - und er war wohl dem Zeitgeist geschuldet, der Absicht, die Gesellschaft zu öffnen und zu verändern. Das Resultat ist eine Siedlung, in der kein Haus dem anderen gleich - die Grundrisse sind den Bedürfnissen der einzelnen Familien angepasst, die Fassaden sind unterschiedlich gestaltet und jedes Haus ist in einer anderen Farbe gestrichen. "Papageiensiedlung" habe man die Anlage genannt, so ein Bewohner.

Zu sehen ist der Film von Julia Gaisbacher und Ulrich A. Reiterer im Forum Stadtpark in Graz, gemeinsam mit einer Fassadencollage der Siedlung Gerlitzgründe sowie mit einem arrangierten Materialarchiv. Dieses setzt sich zusammen auch Fotos und Erinnerungsstücken der Bewohner und Bewohnerinnen der pionierhaften Siedlung in Puntigam. Bei Veranstaltungen am 23. und 30. August wird Architekt Huth persönlich anwesend sein und über seine Erinnerungen und Erfahrungen berichten.

Die Rolle des Architekten

Eilfried Huth wurde 1930 in Indonesien geboren und lebt Graz. Von 1963 bis 1975 arbeitete er mit Günther Domenig zusammen - die Bürogemeinschaft scheiterte jedoch unter anderem an den unterschiedlichen Vorstellungen der beiden, in welchem Ausmaß Laien mitgestalten sollen: "Die Frage war, wie man als Architekt auftreten möchte, und inwieweit man die Planung, die Gestaltung der Fassade abgeben mag. Für Huth war es wichtig, als Architekt zurückzutreten, während Domenig andere Vorstellungen gehabt hat."

Service

Die Ausstellung "Mein Traumhaus sind Luftschlösser" läuft bis 6. September 2019 im Forum Stadtpark Graz. Im Rahmen der Ausstellung wird am 23. und am 30. August mit Gästen unterschiedlicher Zugänge zum Thema partizipatives Wohnen von innen und außen, im Blick auf Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges diskutiert.

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