Klaviertasten

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Clara Schumanns Zeit in Wien

Eine Reise zu den Städten Clara Schumanns sollte wohl in Leipzig beginnen, ihrer Geburts- und Debütstadt.

Danach sollte es nach Weimar weitergehen, wo die Neunjährige dem berühmtesten Dichter ihrer Zeit, Goethe, vorspielte, weiter nach Kassel, wo sie auf ihrer jugendlichen PR-Tour beim einflussreichen Geiger und Komponisten Louis Spohr vorstellig wurde, dann nach Paris, wo sie konzertierte und netzwerkte: Sie traf Felix Mendelssohn und Frederic Chopin, Ferdinand Hiller, Niccolo Paganini und die Sängerin Wilhelmine Schroder-Devrient. Mendelssohn, der das jugendliche Genie Claras erkannte, setzte ein Jahr später ihr Klavierkonzert aufs Programm im Leipziger Gewandhaus.

Klara Schumann

ÖNB

Klara Schumann

Ein europäisches Leben

Dresden wurde wegen der besseren Luft gewählt, Moskau und St. Petersburg waren Konzertorte, Düsseldorf erlebte den Beginn der Freundschaft mit Johannes Brahms, London, Stadt des Triumphs über mehrere Konzertsaisonen hinweg, Frankfurt, die Berufung zur Professur, Baden-Baden, Alterssitz und Ort der Kommunikation in stundenlangen Kammermusik-Sitzungen, und Bonn, der Begräbnisort.

Leipzig hat ihr im Rahmen eines europäischen Projekts einen Klangbogen bereitet und feiert heuer Schumanns 200. Geburtstag mit Konzerten und Ausstellungen; Baden-Baden hat ihr ein Denkmal im Dahliengarten erbaut, Bonn und Zwickau benannten Gymnasien nach ihr - seltsam, ihr, die immer privat unterrichtet wurde -, Düsseldorf eine Musikschule. Berlin und Leipzig sowie andere deutsche Städte haben Straßen ihren Namen gegeben; ein Krater auf der Venus heißt Wieck, nach ihrem Geburtsnamen.

Wien stellt Clara Schumann in den Halbstock

Und Wien? Stellt Clara Schumann in den Halbstock. In einem der Stiegenaufgange in der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien steht ihre Büste im Halbdunkel, unbeleuchtet auf dem Weg in den Brahms-Saal. Die Büste des Namensgebers thront in der Mitte des Saals; Clara Schumann, die den Saal 1870 eröffnet hat, bleibt den Vorbeieilenden nahezu unsichtbar.

Dabei hat sie in der Musikstadt Wien Entscheidendes bewirkt: Hier konnte sie neben dem berühmten Virtuosen Sigismund Thalberg bestehen, sie erntete 1837 mit 17 Jahren Jubel beim Klavierpublikum. Wien befand sich im Clara-Wieck-Fieber: Konditoren kreierten eine Torte a la Wieck, Franz Grillparzer dichtete ihr eine Lobeshymne, Franz Liszt bewunderte sie. Sie gewann gegen die Rival/innen und wusste den Erfolg zu nutzen.

Sie erzog das Publikum, von Virtuosenstückerln bis zur mehrsätzigen Sonate, und entwickelte das Konzertformat, das heute noch Kanon ist. Kaiser Ferdinand I. konnte nicht umhin, sie zur k. u. k. Kammervirtuosin zu ernennen, sie, dreifach geringgeschätzt als Ausländerin, Protestantin (der Kaiser lies Personen protestantischen Bekenntnisses ausweisen) und als Frau. In Wien wurden ihre Werke bei Haslinger, dem Musikverlag am Kohlmarkt, gedruckt.

History in Herstory wandeln

Sie war zu Gast bei den berühmten Familien Wiens, bei den Wittgensteins in der Argentinierstraße etwa, die damals Alleegasse hieß. Die Gastfreundschaft wurde auch ihren Kindern zuteil. Keine Gedenktafel in Wien weist auf mehrere Wohnungen der Jahre 1846/47 hin, wo sie auch unterrichtete; sie bemängelte das Können ihrer Wiener Schüler/innen, äußerte Kritik an der Musikstadt Wien.

Sie erklärte die Werke von Ludwig van Beethoven, Johann Sebastian Bach, Robert Schumann, Felix Mendelssohn, Frederic Chopin und Franz Schubert zum Kanon des Klavierrecitals, hatte aber ein weites Repertoire, das entdeckungswürdig ist. Sie konzertierte in der Gesellschaft der Musikfreunde, die damals noch auf den Tuchlauben ansässig war, und besuchte auch die Wiener Klavierfirmen, deren Flügel sie so sehr schätzte: Streicher, Graf und Stein. Wir können heute eines ihrer Klaviere in der Sammlung alter Musikinstrumente in der Hofburg besichtigen. Clara aus dem Halbdunkel einer Wiener Musikgeschichte mit Schieflage holen; History in Herstory und in ihrer beider Geschichte wandeln!

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