Martin Kusej

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Martin Kusej und die Neuerfindung des Burgtheaters

Die Pläne und Vorhaben des Direktors Martin Kusej, der aus dem Burgtheater einen Raum der Extreme machen will.

Im Journal zu Gast

Ö1 Mittagsjournal | 07 09 2019

Katharina Menhofer

Kommende Woche beginnt im Wiener Burgtheater die Ära Martin Kusej. Eröffnet wird am Donnerstag mit Euripides' Stück "Die Bakchen" in einer Inszenierung von Ulrich Rasche, danach folgt ein Premierenreigen, mit zum Teil aus dem Münchener Residenztheater mitgebrachten, von Kusej selbst inszenierten Erfolgsproduktionen wie "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" und "Faust".

Das Burgtheater, soll unter Kusej weniger Nationaltheater sein, als vielmehr europäisches Theater, mit unbekannten Regisseurinnen und Regisseuren, 30 neuen Ensemblemitgliedern und mehrsprachigen Produktionen.

Das Burgtheater wird sich fortan und endgültig nicht mehr als deutsches Nationaltheater begreifen, das nur in einer Zunge spricht und nur auf einem Ohr hört.

Der 1961 geborene Kärntner Slowene leitete von 2011 bis 2019 das Residenztheater in München, seit August ist er in Wien. Wie er das Burgtheater öffnen möchte, warum er den Begriff "Burg" ablehnt, warum er auf ein Nationaltheater verzichten kann, ein großes Ensemble braucht und auf welche finanziellen Reserven er dabei zurückgreifen kann, darüber hat Martin Kusej mit Katharina Menhofer gesprochen.

Offenes Haus statt "Burg"

Sein Büro sei zwar noch etwas Baustelle, aber in Wien - und auch im Burgtheater - sei er schon angekommen, sagt Martin Kusej. Der Begriff Burg erinnere zu sehr an eine Festung, sei zu abweisen. Kusejs Burgtheater soll offen sein für die Menschen der Stadt. Diese sollen auch untertags für einen Kaffee oder einen Besuch der Buchhandlung in sein Haus kommen. Im Burgtheater sollen auch andere Künste vorkommen - bildende Kunst und Literatur.

Kusejs Abneigung gegen den Begriff "Burg" habe nichts zu tun mit der inflationären Verwendung des Begriffes unter Vorvorgänger Matthias Hartmann. Grundsätzlich denke Kusej über Hartmann nicht nach.

Ein europäisches Burgtheater

Ein europäisches, mehrsprachiges Haus möchte Martin Kusej führen. Kann Österreich auf ein "Nationaltheater" verzichten, in dem heimische Autorinnen und Autoren gefördert werden? "Mir gefällt mehr 'internationales' Theater. Zwar steht im Corporate-Identity-Papier (Anm.: des Burgtheaters) 'österreichisches Nationaltheater', aber wir können heutzutage mit dem Begriff 'Nationaltheater' frei umgehen", sagt Kusej. Er möchte, gerade in Zeiten des erstarkenden Nationalismus, mit der Infragestellung des Begriffs eine "bitter nötige" Diskussion eröffnen.

Wenn wir uns einigeln, wenn wir vom Burgtheaterdeutsch oder vom Nationaltheater weiterreden, kommen wir nicht weiter.

"Natürlich wird die deutsche Sprache unsere primäre Bühnensprache bleiben. Interessant ist ja der Spirit, um den es dabei geht, dass man sich darauf einlässt, etwas Neues, etwas Fremdes, vielleicht etwas Unverständliches, zu hören - immer Vorgänge, die für mich mit Rezeption von Kunst zu tun haben", so Kusej.

Klare Haltung

Menschen, die einer großen Institution vorstehen, müssen eine klare politische Haltung haben und müssen diese auch in der Öffentlichkeit vertreten, sagte Kusej einmal. Gilt das auch für Künstlerinnen und Künstler? "Ja selbstverständlich. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, was ich gesellschaftspolitisch für eine Meinung hab."

Natürlich sollte ein Theater an Aktionen teilnehmen, die der Meinung der Regierung widersprechen. Das sei doch eine Rolle des Theaters. Aber sich vor einen Karren spannen lassen, das möchte Kusej nicht. Auch hat er politischen Gegenwind, wider Erwarten, bisher nicht zu spüren bekommen.

Neue Ensemblemitglieder

Der neue Burgtheaterdirektor bringt 30 neue Ensemblemitglieder mit - zum Teil aus München, aus Israel, aus Island, aus Ungarn. Das ist eine Aufstockung des Ensembles um elf Menschen. Ein großes Ensemble und ein herausfordernder Spielplan - mit personalintensiven Stücken wie die "Hermannschlacht". Trotz hoher Subventionssumme seien solche Projekte schwierig, aber es sei eben Anspruch des Hauses, sich solche Produktionen zu leisten.

Das neue Corporate Design wird von vielen Menschen als zu unleserlich und unübersichtlich kritisiert. Genau das war das Ziel, womit auch der Marketingeffekt perfekt aufgegangen sein, freut sich Kusej. "Es ist letztendlich auch hier ein Gesamtpaket an Konzeption, die auch das herausfordert: Wir haben eine Schrift, die nicht verlässlich ist, die sich immer wieder verändert und neu präsentiert. Vielleicht müsste sich der Eine oder die Andere die Frage stellen: Warum komme ich damit nicht klar?"

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