Michael Köhlmeier

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Michael Köhlmeier: "Wenn ich wir sage"

Michael Köhlmeier ist einer der erfolgreichsten, meistgelesenen und produktivsten Autoren des deutschen Sprachraums. Rund um seinen 70. Geburtstag, den er demnächst feiert (15.10.), legt er gleich drei Neuerscheinungen vor: ein gewichtiges Märchen-Buch von über 800 Seiten, einen Dialog mit dem Philosophen Konrad Paul Liessmann mit dem Titel "Der werfe den ersten Stein", und ein Plädoyer für eine offene Gemeinschaft, das soeben bei Residenz erschienen ist: "Wenn ich wir sage" ist ein Essay basierend auf einer Vorlesung, die Michael Köhlmeier im Frühjahr in Graz gehalten hat.

"Wir ist alles, was nicht fremd ist", schreibt Michael Köhlmeier in seinem neuen Essay und im Gespräch fügt er hinzu: "Dass man dem Fremden gegenüber skeptisch ist, dagegen hab ich gar nichts, das ist auch ganz normal, und ich weiß auch, wer zu Wir gehört und wer nicht." Allerdings - dieses Wir sei eine relative Sache meint Köhlmeier, und er lädt zu einem Gedankenexperiment.

Kulturjournal | 23 09 2019 | Michale Köhlmeier über das neue Märchen-Buch

Kristina Pfoser

"Ich wohne in Hohenems in der Johann-Strauß-Straße. Wenn ich ein bisschen weiter gehe, in die Wichnergasse und treffe dort einen aus der Johann-Strauß-Straße, dann haben wir ein Wir miteinander. Wenn ich in Bregenz jemanden aus Hohenems treffe, sag ich, ‚ah, da ist ein Emser‘ und hab ein Gefühl von wir. Wenn ich in Wien einen Vorarlberger treffe, dann ist mir egal, ob der aus dem Bregenzer Wald oder aus dem Montafon oder Hohenems kommt, hab ich das Gefühl wir. Wenn ich in Schweden einen Österreicher treffe … Sie wissen wie’s weitergeht."

Das Verbindende der Sprache

Bei einer Begegnung wie dieser wird auch deutlich, wie sich ein Wir konstituiert. Und zwar: Man findet instinktiv und ohne große Analyse eine Gemeinsamkeit und eine Gemeinsamkeit ist die Sprache. "Wenn ich am Naschmarkt spazieren gehe und hinter mir zwei Vorarlberger reden höre, drehe ich mich um und frage: Woher kommt ihr? Und wir reden miteinander Dialekt. Drei vier Worte, das ist schön, da fühlt man sich verbunden. Die Sprache ist was unglaublich Starkes."

Zugehörigkeit und Ausgrenzung

Und das sei auch der Trick der Nationalisten, meint Köhlmeier: "Das Wir der Heimat bestimmt, wer dazugehört, das Wir der Nation, wer nicht dazugehört. Die Heimat schließt ein, die Nation schließt aus." Einladung und Abstoßung, Zugehörigkeit und Ausgrenzung - wenn Michael Köhlmeier hier einen janusköpfigen Begriff befragt, nimmt er uns mit auf eine Gedankenreise angereichert mit Abschweifungen und Thesen, Lektüreerfahrungen und Kindheitsszenen. Etwa wie er einst ein WIR in den Märchen fand, in der Welt der Tiere und Dinge.

Die Märchen

Den Märchen ist Michael Köhlmeier bis heute verbunden. "Mir wäre ein Schriftsteller suspekt, der sich nicht für Märchen interessiert. Das wäre wie ein Schreiner, der sagt, er interessiert sich nicht für Holz." Von Königen und Prinzessinnen, von Hexen und Zauberern, Riesen und Zwergen, von sprechenden Tieren und Gespenstern erzählt Michael Köhlmeier jetzt auch in einem wunderschön gestalteten Märchenbuch. Der große Märchenerzähler tritt uns hier als großer Märchendichter entgegen, mit dem berühmten unverwechselbaren Köhlmeier-Sound.

Michael Köhlmeier's Buch "Wenn ich wir sage"

RESIDENZVERLAG

Service

Michael Köhlmeier, "Wenn ich wir sage", Essays, Residenz Verlag
Michael Köhlmeier, "Die Märchen", illustriert von Nikolaus Heidelbach, Hanser - Buchpräsentation und Gespräch mit dem Autor am 8. Oktober um 20 Uhr im Wiener Akademietheater
Michael Köhlmeier, Konrad Paul Liessmann, "Der werfe den ersten Stein - Mythologisch-philosophische Verdammungen", Hanser

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