Michael Köhlmeier

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

"Bruder und Schwester Lenobel" von Michael Köhlmeier

Im Oktober belegt Michael Köhlmeier mit seinem Roman "Bruder und Schwester Lenobel" Platz eins der ORF-Bestenliste. Hier finden Sie die Besprechung des Buches sowie ein Interview mit dem Autor von August 2018.

Robert und Jetti Lenobel - in den Büchern des Michael Köhlmeier konnte man den Geschwistern schon das eine oder andere Mal begegnen. Die beiden stehen im Mittelpunkt eines großen Romans, der soeben erschienen ist. In "Bruder und Schwester Lenobel" erzählt Köhlmeier die Geschichte einer Familie und entwirft wie nebenbei ein Zeitporträt.

Morgenjournal | 17 08 2018
Kristina Pfoser

Ein Porträt unserer Zeit

Die Geschwister Lenobel sind von klein auf ein zusammengeschweißtes Duo. Zusammengeschweißt zum einen durch ihre Kindheitsgeschichte - der Vater hat die Familie verlassen, die Mutter ist an Schwermut erkrankt - zum anderen durch das Trauma der NS-Vergangenheit. Robert und Jetti sind die Enkel ermordeter Juden.

"Man kann sich die Gegenwart nicht ohne diese belastende NS-Vergangenheit dieses Landes denken. Aber trotzdem spielt die Gegenwart die Hauptrolle", betont Michael Köhlmeier. Ein Porträt einer Zeit zu schreiben, sei eine große Herausforderung, "weil man sich auch überlegen muss: Ist das in fünf Jahren noch von Interesse? Und das soll es ja sein. Wenn es geht, auch noch in 50 Jahren."

Kulturjournal | 17 08 2018 | Interview
Kristina Pfoser

Lebenskrisen und Identitätssuche

Bruder und Schwester Lenobel könnte das wohl gelingen - als Kinder ihrer Zeit sind sie gut aufgestellt in einem packenden und facettenreichen Roman: Da geht’s um Familiendynamik und Beziehungschaos, Fluchten und Ausfluchten, Lebenskrisen und Identitätssuche.

Und auch Sebastian Lukasser, der sich als Alter Ego von Michael Köhlmeier schon mehrfach bewährt hat - nicht zuletzt als Erzähler in dem Opus Magnum "Abendland" - ist hier mit dabei und bewegt sich auch auf dem unsicherem Terrain der Gegenwart.

Buchumschlag

HANSER VERLAG

Auf unsicherem Terrain

"Das Merkwürdige ist, dass wir uns - sozial und auch was unsere Sicherheit betrifft - auf einem unglaublich hohen Niveau befinden, auf einem Niveau, auf dem Menschen, die am selben Platz lebten wie wir heute, niemals waren. Und dennoch ist diese Gesellschaft voll Angst erfüllt. Das mutet einen absurd an", sagt Michael Köhlmeier, und diese Angst hat einen Namen: Es sei die Angst, als Individuum irgendetwas zu gelten.

"Weil man weiß, als Individuum gelte ich heute nur etwas, wenn ich unglaublich erfolgreich bin. Das war in vergangenen Zeiten nicht so ausgeprägt wie heute. Und die Tatsache, dass man diesen Erfolg, gar nicht definieren kann, macht diesen Begriff noch unheimlicher", meint Köhlmeier.

Ein Plädoyer für Schönheit

"Wer früher ein Kranker war, war heute ein Versager. Ein Zurückbleiber. Und bald ein Zurückgebliebener", stellt denn auch Robert Lenobel fest. - Frage an Michael Köhlmeier: Kann man gegen die Erfolgsgesellschaft anschreiben? "Da fragen Sie nicht den Autor, da fragen Sie den Bürger in mir, der sich auch Sorgen macht", sagt er.

"Als Autor werde ich mich hüten, irgendwelche Ratschläge zu erteilen, oder irgendetwas besser zu wissen, als meine Figuren. Aber als Bürger komme ich nach langem, langem Nachdenken zu einem Schluss, der Sie vielleicht wundern wird: Ich glaube, die einzige Möglichkeit, da gegenzusteuern, ist, dass wir wieder begreifen, was Schönheit ist." - Vielleicht sollten wir uns da an Sebastian Lukasser halten. Der schlägt vor: "Beginnen wir neu! Ein bisschen Zeit bleibt uns noch!"

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Michael Köhlmeier, "Bruder und Schwester Lenobel", Roman, Hanser

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